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Marburg „Alles umkrempeln wollen wir nicht“
Marburg „Alles umkrempeln wollen wir nicht“
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19:00 12.12.2021
Anna Lena Rothenpieler und Christian Corth übernehmen die Geschäftsführung des Kulturzentrums KFZ. Für das Foto haben sie die Maske kurz abgenommen. Sie lösen Gero Braach ab.
Anna Lena Rothenpieler und Christian Corth übernehmen die Geschäftsführung des Kulturzentrums KFZ. Für das Foto haben sie die Maske kurz abgenommen. Sie lösen Gero Braach ab. Quelle: Foto: Uwe Badouin
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Marburg

Seit Anfang Dezember bilden sie das neue, gleichberechtigte Duo in der Geschäftsführung des ältesten und größten Marburger Kulturzentrums. Beide arbeiten, wie das gesamte Team, in Teilzeit. Sie folgen auf Gero Braach, der Ende November nach 36 Jahren im KFZ aufhörte (die OP berichtete). „Alles umkrempeln wollen wir nicht, durch Corona verändert sich sowieso dauernd etwas“, sagen sie unisono.

Es gibt sicherlich bessere Zeiten als eine Corona-Pandemie, um die Leitung eines attraktiven und sehr gut ausgestatteten Kulturzentrums zu übernehmen. Aktuell besteht ihre Aufgabe und die des großen KFZ-Teams vor allem darin, Absagen zu managen, Konzerte, Lesungen oder Kabarettshows zu verlegen. „Ganze Tourneen brechen aktuell zusammen“, sagt Christian Corth. Normalerweise wäre jetzt Hochsaison im KFZ mit fast täglich großen Veranstaltungen. Das frustriert, aber Anna Lena Rothenpieler und Christian Corth, den alle nur Corth nennen, strahlen trotzdem Optimismus aus.

„Ich bin frankophil“

Wer sind die Neuen an der KFZ-Spitze? Anna Lena Rothenpieler ist 35 Jahre alt. Sie wurde in Marburg geboren, ist hier aufgewachsen und hat die Stadt nach dem Abitur verlassen. Sie hat in Siegen die Studiengänge Literatur, Kultur und Medien sowie Sprache und Kommunikation absolviert und danach in Nantes und in Düsseldorf ein Bi-Nationales Masterstudium in Kultur, Medien und Soziologie draufgesattelt.

„In Nantes habe ich in einem deutsch-französischen Kulturzentrum die ersten Kultur-Veranstaltungen mit organisiert, vor allem interkulturelle Angebote von Lesungen über Konzerte bis zu Stammtischen“, sagt sie im Gespräch mit der OP und ergänzt: „Ich bin frankophil und mag interkulturelle Projekte.“ Von diesen Projekten gibt es im multikulturellen KFZ jede Menge.

2016 ist sie in ihre Heimatstadt Marburg zurückgekehrt, hat zwei Jahre bei der Gießen Marketing GmbH gearbeitet und dort unter anderem die Stadtfeste mit organisiert. 2017 ist sie als ehrenamtliche Unterstützerin beim KFZ eingestiegen, seit Februar 2020 fest im Team.

„Ich habe also als Festangestellte nur einen normalen Monat miterlebt“, sagt sie mit Blick auf den Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 und die damit verbundenen Lockdowns und Einschränkungen.

Christian Corth ist 32 Jahre alt. Er ist in Erbach im Odenwald aufgewachsen und zum Studium nach Marburg gekommen. Erst Lehramt, dann ist er zu Kunst, Musik und Medien gewechselt. Er kennt noch das alte KFZ in der Schulstraße gut. Dort ist er mit seiner Band „The Flims“ aufgetreten. Er war der Bassist. Auch er hat 2019 als Ehrenamtlicher beim KFZ begonnen und dann dort eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann absolviert. Er selbst kommt aus der Musikszene und hat einen Blick auf das „booking“, wie die Vertragsabwicklung bei Engagements von Bands oder Künstlerinnen und Künstlern genannt wird.

Eine Geschäftsführung im KFZ darf man sich nicht so vorstellen wie eine Geschäftsführung in einem Unternehmen. Die Hierarchien sind flach. Das KFZ ist ein selbstverwaltetes Kulturzentrum mit 16 festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich etwa zehn Vollzeitstellen teilen. Hinzu kommen mehr als 100 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die mal an der Kasse, mal an der Theke mithelfen, weil sie das KFZ unterstützen wollen, aber auch in den zahlreichen Arbeitsgruppen mitarbeiten, weil sie kulturell und politisch engagiert sind: Programmplanung, Nachhaltigkeit, Podcast-AG, Kindertheater oder Kabarett.

„An einem Strang ziehen“

„Wir ziehen alle an einem Strang", sagt Corth. Alle zwei Wochen finden Teamsitzungen statt, bei denen selbstverständlich auch die Ehrenamtlichen ihre Ideen und Anregungen einbringen. Das gehört zur DNA des 1977 gegründeten Kulturzentrums. Zwei mal im Jahr ist Plenum mit allen, die daran teilnehmen wollen. Was auf Corth und Rothenpieler zukommt, ist in erster Linie mehr Verantwortung, etwa für den Etat des KFZ. Das KFZ bekommt jährlich rund 300 000 Euro von der Stadt und die Miete für das schmucke, neue Zentrum unter dem Erwin-Piscator-Haus ist frei. Es ist mit Abstand der größte Posten der Stadt für die freie soziokulturelle Szene Marburgs. Der Etat ist aber weitaus größer, denn das KFZ macht in einem normalen Jahr inklusive diverser Zuschüsse einen Umsatz von 1,2 bis 1,4 Millionen Euro. Rund 60 Prozent davon erwirtschaftet das Kulturzentrum selbst.

Diese Etats sind seit Frühjahr 2020 massiv eingebrochen. Kamen 2019 rund 60 000 Menschen ins KFZ, waren es im Coronajahr 2020 nur noch 12 000. „Dabei muss man bedenken, dass Januar und Februar ja noch normal liefen“, betonen Corth und Rothenpieler. Der Besucher-Einbruch um rund 80 Prozent verdeutlicht, welche Einbußen nicht nur das KFZ, sondern die gesamte Veranstaltungsbranche allein im ersten Corona-Jahr hinnehmen musste.

Doch beide bleiben optimistisch. „Wir sind sehr motiviert“, sagen sie und man glaubt es ihnen sofort. „Wir sind da, um Veranstaltungen zu organisieren.“ Vorerst kommt vermutlich erst einmal die Rückkehr zu Streaming-Veranstaltungen. Die Technik dafür hat das KFZ im vergangenen Jahr auch mit Hilfe von Bundesmitteln aufgebaut.

Und 2022? Wird man sehen. Sie wollen die ganze Bandbreite anbieten, die das KFZ so populär macht. Die beiden fühlen sich gut vorbereitet auf ihre neuen Aufgaben. „Wir haben eineinhalb Jahre lang eine tolle Einarbeitung gehabt durch Gero Braach, Simone Plefka und Matthias Wussow und unseren Interimsgeschäftsführer Helmut Schwarz“, sagen sie. Und sie wissen: Wenn sie Fragen haben, helfen alle mit, denn „ir ziehen an einem Strang“.

Von Uwe Badouin

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