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Marburg Generationswechsel im KFZ
Marburg Generationswechsel im KFZ
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17:00 09.11.2021
Gero Braach hört nach 31 Jahren als Geschäftsführer des KFZ auf.
Gero Braach hört nach 31 Jahren als Geschäftsführer des KFZ auf. Quelle: Foto: Uwe Badouin
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Marburg

In der Leitung des ältesten und größten Marburger soziokulturellen Zentrums KFZ steht ein Generationswechsel bevor. Gero Braach hört nach 36 Jahren auf, ebenso wie Gerti Diermaier, die seit den 1990er Jahren im Team ist und für Frauenkultur, Kinderthetaer und die Reihe 55° Nord stand. Die Marburger Kulturszene, insbesondere die freie Szene, ist ohne Gero Braach kaum denkbar. Er ist und war einer der politischen Vordenker der Szene. Was macht er künftig? Familie, Jazz und Schafe?

Gero Braach arbeitet beim KFZ seit 1985 mit. Erst als ehrenamtlicher Mitarbeiter, dann als Zivildienstleistender, dann wieder als Ehrenamtlicher. 1988 bekam er eine sogenannte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) für die politische Veranstaltungsreihe „20 Jahre 68“, 1989 wurde er fest angestellt und 1990 übernahm er die Geschäftsführung des KFZ. „Es waren bewegte Zeiten, die ich nicht missen möchte“, sagte er der OP. Politisch und kulturell bewegt waren sie tatsächlich, die 80er Jahre im KFZ, das 1977 als erstes soziokulturelles Zentrum in Marburg gegründet wurde. Argwöhnisch beäugt von den Stadtoberen wurden in dem alten Haus in der Schulstraße wüste Partys und Konzerte gefeiert. Und es wurde diskutiert und gestritten. Im Rathaus lehnte man damals diese undogmatischen (Kultur-) Revolutionäre ab.

Zur Finanzierung gab es Kohlenfeten

Das alte KFZ wurde noch mit einer Koks-Feuerung beheizt. Zur Finanzierung gab es „Kohlenfeten“. „Ich erinnere mich noch gut an den Winter 85/86 als die Lahn wochenlang zugefroren war. Da musste man sich auf die Leute verlassen, die rechtzeitig Koks nachlegten, um die Bude warm zu kriegen.“ Wenn nicht, war es kalt. Bitterkalt.

Diese Zeiten sind vorbei, auch dank Gero Braach. Er hat die Soziokultur in Marburg und darüber hinaus salonfähig gemacht als Kultur von unten, als Kultur für alle. „In Hessen gab es damals in den 80ern wenig Bewegung in der Kulturpolitik, keinen Blick für neue Bedürfnisse und kulturelle Bewegungen. Theater, Orchester und Museen wurden gefördert, das war’s“, sagt Braach. Er warb immer wieder für die Soziokultur, die heute ganz fest zum unverzichtbaren Alltag der Stadt gehört. Ende der 1980er etablierte er die Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und soziokulturellen Zentren (LAKS) auf Landesebene. Später war er Mitbegründer der Landesvereinigung kulturelle Bildung (LKB), als vor dem Hintergrund katastrophaler Pisa-Studien der Druck aus Schulen und Schülerinnen und Schüler immer größer wurde. Deren Vorsitzender war er bis 2015. Dann kam der KFZ-Neubau im Erwin-Piscator-Haus. Er gab den Vorsitz ab, um sich ganz auf den Neubau zu konzentrieren, der nicht scheitern durfte.

Gegen die Scheinheiligkeit der westlichen Werte

Gero Braach hat im KFZ einen großen Umbau in der Schulstraße und nach jahrelanger Suche nach einem neuen Standort, den noch weit größeren Neubau im Erwin-Piscator-Haus mit geplant, wo das neue KFZ im Juni 2016 eröffnet wurde. Der Start im neuen Zentrum war großartig. Volle Häuser, viele Veranstaltungen: Konzerte, Kabarett, Ausstellungen. Dann kam Corona und wirbelte die Kulturbranche durcheinander. „Nach der Corona-Krise sollen junge Leute den Laden weiterführen und in ihrem Sinne entwickeln“, sagt der 63-Jährige jetzt.

Gero Braach hört offiziell am 30. November auf. Seine beiden Söhne sind erwachsen und studieren. Und was wird er machen? Weiter betreuen wird er das Projekt der European Jazz School, die junge Musikerinnen und Musiker aus den hessischen Partnerregionen in Italien, Frankreich, Polen und der Türkei zusammenbringt. Ein paar Stunden arbeitet er im Finanzbereich für einen anderen Verein „Und ich werde mehr Zeit haben, mich politisch zu engagieren. Ich würde gerne mit anderen zusammen provokative politische Plakate entwickeln für Nachhaltigkeit und gegen die Scheinheiligkeit der westlichen Werte.“ Letzteres sagt er u.a. mit Blick auf den gefangenen Journalisten Julian Assange, der seit Jahren von den USA als Whistleblower verfolgt wird.

Außerdem hat Gero Braach noch immer seine kleine Schafherde, um die er sich seit 1987 in seiner Freizeit kümmert.

Nachfolgerin und Nachfolger stehen fest

Seine Nachfolgerin und sein Nachfolger stehen bereits fest: das KFZ wird künftig von Anna-Lena Rothenpieler (35) und Christian Corth (32) geleitet. Beide sind erst seit kurzem im Team. „Ich bin sehr froh darüber“, sagt Gero Braach. „Ich bin optimistisch, dass sie das reißen werden.“

Von Uwe Badouin