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Marburg „Das ist ein Kampf der Demokratie gegen die Autokratie“
Marburg „Das ist ein Kampf der Demokratie gegen die Autokratie“
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13:00 01.05.2022
David W. T. Chang im Gespräch mit der OP: „Wir sind nicht gegen das chinesische Volk, sondern gegen das politische System in Peking.“
David W. T. Chang im Gespräch mit der OP: „Wir sind nicht gegen das chinesische Volk, sondern gegen das politische System in Peking.“ Quelle: Carsten Beckmann
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Marburg

Am Rande seines Besuchs in Marburg sprach die OP mit David W. T. Chang, dem Generaldirektor der Taipeh-Vertretung in Frankfurt.

Wie real ist Ihrer Meinung nach ein chinesischer Angriff auf Taiwan – unter dem Eindruck des russischen Krieges gegen die Ukraine?

Diese Gefahr existiert schon seit 1949, aber durch den Ukrainekrieg ist die Frage, was China tun wird, konkreter und akuter geworden. Meine Landsleute verfolgen die Situation aufmerksam – das ist ein Kampf der Demokratie gegen die Autokratie.

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Die USA sehen sich in der Pflicht, Taiwan mit Verteidigungswaffen auszurüsten. Wir haben Raketen und Fregatten, wir haben unsere eigenen Kampfflugzeuge und hoffen, dass das Abwehrsystem funktionieren würde. Auch unsere Partner in Europa unterstützen uns.

Gibt es aktuell irgendeine diplomatische Gesprächsebene zwischen Taipeh und Peking?

Nein, als unsere derzeitige Präsidentin Tsai Ing-wen 2016 gewählt wurde, hat China jeglichen Austausch abgebrochen. Vorher hatte es auf vielen Ebenen enge Kontakte gegeben, was auch wegen der Handelsbeziehungen wichtig ist: 40 Prozent unserer Exporte gehen nach China und Hongkong. Insbesondere in der Halbleiterindustrie kommt Taiwan eine Schlüsselrolle zu. Ein chinesischer Angriff würde genau diesen Wirtschaftszweig treffen – und das will die Welt nicht, weil jeder weiß, dass Halbleiter heute wichtiger sind als Öl und Gas.

Diplomatisch ist Taiwan in der Welt ziemlich isoliert – dienen die Taipeh-Vertretungen als „Ersatz-Botschaften“?

Weltweit haben wir momentan 14 diplomatische Verbündete – in Europa ist das nur der Vatikan. Aber wir haben weltweit mehr als 100 Vertretungen wie die in Frankfurt, wir pflegen also durchaus enge Verbindungen mit der Welt. Unser Interesse hier ist es, die Beziehungen mit den EU-Staaten weiterzuentwickeln – dieses Ziel müssen wir stufenweise erreichen. Ich denke, dass die EU-Länder ein großes Interesse an Frieden und Stabilität in Asien haben, weil sie ein großes Interesse an Demokratie und der Wahrung von Menschenrechten haben.

Wie stark ist die pro-chinesische Bewegung in Taiwan – gibt es sie überhaupt?

Die große Mehrheit der 23,6 Millionen Menschen in Taiwan wollen den Status quo. Die Zahl der Menschen in unserem Land, die Chinas Politik befürworten, ist gering. Wir wollen keine Autokraten, die auf Lebenszeit regieren können, sondern demokratisch legitimierte Regierungen. Taiwan ist der lebende Beweis dafür, dass chinesische Kultur und Demokratie zusammenpassen. Wir sind nicht gegen das chinesische Volk, sondern gegen das politische System in Peking.

Die Taipeh-Vertretung

David W. T. Chang ist Generaldirektor des Frankfurter Büros der „Taipeh-Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland“. Da Taiwan nur mit wenigen Staaten offizielle diplomatische Beziehungen unterhält, fungieren weltweit mehr als 100 dieser Vertretungen als offizielle Ansprechpartner. Chang war bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren in Deutschland tätig. Weitere Stationen führten ihn nach Indonesien und in die USA, bevor der Wirtschaftswissenschaftler und Experte für internationale Beziehungen im Jahr 2019 wieder in Deutschland seine Arbeit aufnahm. Etwa 10 000 Menschen aus Taiwan leben derzeit in Deutschland, sagt Chang – ebenso wichtig sind die Kontakte zu den vielen Firmen aus seiner Heimat, die in Deutschland eine Niederlassung haben. Also fungiert die Vertretung auch als eine Art Handelskammer, daneben gibt es Abteilungen, die sich mit politischer Kontaktpflege, aber auch mit den Belangen seiner Landsleute befassen. Zustande gekommen war der Besuch David W. T. Changs in Marburg durch den CDU-Landtagsabgeordneten Dirk Bamberger, der selbst Mitglied im neu gegründeten „Freundeskreis Taiwan“ des Hessischen Landtags ist.

Von Carsten Beckmann

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