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Marburg Ein Zeichen gegen die Mehrheit
Marburg Ein Zeichen gegen die Mehrheit
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14:00 04.01.2022
Das Gendersternchen steht nun als Begriff auch im Duden. Nach Auffassung der Gesellschaft für deutsche Sprache ist es jedoch weder konform mit den Regeln der deutschen Grammatik noch mit denen der Rechtschreibung.
Das Gendersternchen steht nun als Begriff auch im Duden. Nach Auffassung der Gesellschaft für deutsche Sprache ist es jedoch weder konform mit den Regeln der deutschen Grammatik noch mit denen der Rechtschreibung. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
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Marburg

Wer auf der Internetseite des Landkreises nach einem Ansprechpartner sucht, wird nicht fündig werden. Denn dort gibt es nur „Mitarbeiter*innen“ und „Ansprechpersonen“.

Genderstern nennt sich dieses Zeichen, das derzeit vor allem in Verwaltungen, Behörden und Schulen immer häufiger verwendet wird. Weitere Erscheinungsformen des sogenannten Genderns sind Unterstriche mitten im Wort, Gender-Gap genannt, ein großes „I“ im Wortinneren, als Binnen-I bezeichnet, oder ein Doppelpunkt im Wort vor der Endung „in“ oder „innen“. Darüber hinaus tauchen zahlreiche Wörter in der deutschen Sprache auf, die in einem 15 Jahre alten Duden noch nicht zu finden sind: Pfarrer werden zu „Pfarrpersonen“, Mitarbeiter zu „Mitarbeitenden“ und Demonstranten zu „Demonstrierenden“.

Dass Genderstern und Gender-Gap in der behördlichen Sprache eine Rolle zu spielen beginnen, muss verblüffen. Denn die deutsche Rechtschreibung ist an dieser Stelle sehr klar geregelt. Offiziell zuständig ist der „Rat für deutsche Rechtschreibung“, kurz Rechtschreibrat genannt. Er wurde 2004 von Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Liechtenstein und der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens ins Leben gerufen, um die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu bewahren. Mit dem amtlichen Regelwerk gibt er das Referenzwerk für die Rechtschreibung heraus.

„Nicht normgerecht“ Formen sind gelistet

Zuletzt hat der Rat für deutsche Rechtschreibung sich im März dieses Jahres zur Frage des Genderns geäußert (siehe Infokasten). Ausdrücklich hat er nicht empfohlen, Formen wie den Genderstern, den Unterstrich, den Doppelpunkt oder andere verkürzende Formen in das Amtliche Regelwerk aufzunehmen. In einem Anhang listete der Rechtschreibrat diverse Formen auf, die „nicht normgerecht“ sind. Dazu gehören beispielsweise Wörter wie „Kolleg*innen“, aber auch Wortbildungen wie „Mitglieder*innen“.

Ausführlich äußerte sich der Rechtschreibrat auch dazu, welche Kriterien ihn bei seiner Bewertung geleitet haben. Lesbarkeit und Verständlichkeit spielen dabei eine große Rolle. Darüber hinaus will das Gremium aber auch einem „unkontrollierten Nebeneinander unterschiedlichster Variantenschreibungen“ entgegenwirken. Zudem dürfe die Vermittlung und Lernbarkeit der Rechtschreibung nicht erschwert werden.

Die Mehrheit der deutschen Bürgerinnen und Bürger hat das Gremium damit auf seiner Seite. Die jüngste repräsentative Umfrage hat die Forschungsgruppe Wahlen im Juli dieses Jahres für das „Politbarometer“ des ZDF erstellt.

Die Teilnehmer konnten beantworten, wie wichtig es ihnen ist, dass in den Medien auf eine geschlechtergerechte Sprache geachtet wird. 48 Prozent der Befragten fanden das überhaupt nicht wichtig oder weniger wichtig (25 Prozent). Nur einer Minderheit von sechs Prozent ist es sehr wichtig. Jeder Fünfte findet es wichtig.

Der Verein für deutsche Sprache macht gegen die Gendersprache mobil, unter anderem mit solchen Aufklebern. Quelle: Hartmut Bünger

Gefragt wurde auch, was die Teilnehmer vom Gebrauch von Gendersternchen oder Binnen-I halten. 71 Prozent finden das nicht gut, nur jeder Vierte gut. Am größten ist die Zahl derer, die solche Formen ablehnen mit 83 Prozent bei den über 60-Jährigen. Aber auch die 35- bis 59-Jährigen (70 Prozent) stehen dem Gebrauch zumeist kritisch gegenüber. Selbst bei den unter 35-Jährigen gibt es keine Mehrheit für solche Formen: Mit jeweils 48 Prozent stehen sich in dieser Altersgruppe zwei gleich große Lager gegenüber, die solche Formen gut oder nicht gut finden. Warum gendern Behörden wie der Landkreis und die Stadt Marburg im Internet, in Briefen und auf Formularen aber dennoch – der gültigen Rechtschreibung und dem mehrheitlichen Wunsch der Bürger zum Trotz?

Der Pressesprecher des Landkreises, Stephan Schienbein, verweist auf Nachfrage auf das Hessische Gleichstellungsgesetz. Dort heißt es in Paragraf 1: „Rechts- und Verwaltungsvorschriften sollen die Gleichstellung von Frauen und Männern sprachlich zum Ausdruck bringen. Dies gilt auch für den dienstlichen Schriftverkehr.“

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf hat das Büro der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten laut Schienbein zu diesem Zweck eine Broschüre mit dem Titel „Fair in der Sprache“ verfasst. Sie gibt Tipps zu einer geschlechtergerechten Sprache. So wird beispielsweise der „Leiter“ zur „Leitung“. Neben dem Tipp, die Paarform oder neutrale Formulierungen zu nutzen, findet sich auch der Genderstern als Empfehlung.

Die ablehnende Haltung des Rechtschreibrats sieht der Kreis in diesem Zusammenhang nicht als Vorgabe, sondern eher als nicht abschließende „Orientierung“ in einer laufenden Diskussion.

Ähnlich interpretiert auch die Stadt Marburg die Entscheidung des Rechtschreibrats. Die Stadt Marburg habe den Anspruch, alle Menschen anzusprechen, schreibt Pressesprecherin Birgit Heimrich, „im Gender-Zusammenhang also Frauen, Männer und diejenigen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen“.

Dies geschehe durch eine geschlechtergerechte Sprache. So sollen in den Fällen, in denen es sich anbietet, neutrale Formulierungen wie Teilnehmende und Wahlberechtigte genutzt werden. Alternativ sei die Wahl auf den Genderstern gefallen, da er für Sehbehinderte die beste Lösung darstelle.

Im schulischen Bereich dagegen zeichnet sich momentan eine Gegenbewegung ab. Einige Kultusministerien haben sich bereits per Erlass gegen die Nutzung des Gendersterns und vergleichbarer Zeichen in den Schulen ausgesprochen (siehe Infokasten).

So hat die schleswig-holsteinische Kultusministerin Karin Prien (CDU) die Schulen im September angehalten, Formen wie den Genderstern in Arbeiten als Fehler zu kennzeichnen, da er der gültigen Rechtschreibung nicht entspreche. Weiter heißt es in dem Erlass: „Um die Situation zu vermeiden, dass Eltern in einem schulischen Schreiben Formulierungen finden, die zuvor bei ihrem Kind als Fehler moniert wurden, bitte ich Sie als Schulleitungen und Lehrkräfte im Rahmen Ihrer Tätigkeit in einer Landesbehörde sich in Ihrer schriftlichen Kommunikation daran zu orientieren.“

Ministerium: Keinen Einfluss auf Elternbriefe

Das hessische Kulturministerium hat den Schulämtern bereits vor Wochen ein Schreiben angekündigt. Noch liegt es allerdings nicht vor. Der stellvertretende Pressesprecher Philipp Bender erklärte auf Nachfrage, dass Formen wie Genderstern, Binnen-I, Doppelpunkt und Gender-Doppelpunkt zwar in Mode gekommen seien, jedoch nicht der korrekten Rechtschreibung entsprächen.

„Da halten wir uns an den deutschen Rechtschreibrat.“ Das Kultusministerium werde den Schulen daher eine „Unterstützung“ an die Hand geben, kündigte er an, wie sie mit dem Thema umgehen sollen.

Was die Schreibweise in Elternbriefen angehe, habe das Ministerium zwar weniger Einfluss als auf das Geschehen im Unterricht. Sicherlich sei es aber sinnvoll, dass Schulen bei der Kommunikation mit der Außenwelt als Vorbild für Schüler agieren. Sprich: sich auch hier an gültige Rechtschreibung halten.

Gendern an sächsischen Schulen

„Der Rat für deutsche Rechtschreibung bekräftigt in seiner Sitzung am 26. März 2021 seine Auffassung, dass allen Menschen mit Würde begegnet werden soll und sie sensibel angesprochen werden sollen. Dies ist allerdings eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe, die nicht allein mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden kann. Das Amtliche Regelwerk gilt für Schulen sowie für Verwaltung und Rechtspflege.

Der Rat hat vor diesem Hintergrund die Aufnahme von Asterisk („Gender-Stern“), Unterstrich („Gender-Gap“), Doppelpunkt oder anderen verkürzten Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinnern in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung zu diesem Zeitpunkt nicht empfohlen.“

In einem Schreiben an die Schulen hat das sächsische Kultusministerium die Schulleiter im August gebeten, „in geeigneter Form für die Thematik der geschlechtergerechten Sprache in der schulischen Kommunikation sowie deren normgerechte sprachliche Umsetzung zu sensibilisieren und auf eine korrekte Verwendung gemäß dem Amtlichen Regelwerk für die deutsche Rechtschreibung zu achten“.

Die Verwendung von Sonderzeichen , wie Gender-Stern, Gender-Doppelpunkt, Gender-Unterstrich oder Doppelpunkt im Wortinneren, erfülle weder die Kriterien für eine gendergerechte Schreibung noch entspreche sie den aktuellen Festlegungen des Amtlichen Regelwerks. „Diese Zeichen sind daher im Bereich der Schule und in offiziellen Schreiben von Schulen nicht zu verwenden.“

Das Ministerium empfiehlt geschlechtsbezogene Paarformen, geschlechtsneutrale Formulierungen sowie Passivformen und Umschreibungen.

Von Hartmut Bünger

04.01.2022
03.01.2022