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Marburg Gemeinsames Schicksal führt sie zusammen
Marburg Gemeinsames Schicksal führt sie zusammen
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18:42 28.02.2020
Der Schlosspark von Rauischholzhausen war Ausgangspunkt eines Trauerspaziergangs der Johanniter. Dabei lernten sich drei ­trauernde Frauen kennen. Ihr gemeinsames Schicksal machte sie zu Freundinnen, die jetzt wieder ihr Leben aufnehmen.  Quelle: Archivfoto
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Marburg

Jede neue Lebenssituation bietet neue Chancen, neue Entwicklungen. Denen mag man gerne nachjagen, wenn man sie leicht, unbekümmert und sorgenfrei angehen kann. Es gibt aber auch Lebenssituationen, die einem Veränderungen aufzwingen – und das auch noch gepaart mit ­unsäglichem Schmerz, ausge­löst durch den unumkehrbaren 
Verlust eines lieben Menschen, 
des Lebenspartners durch Tod.

Wenn man hoch in den 90ern ist, oder selbst schon in den 80ern, mag man sich damit trösten, eine lange gemeinsame Zeit gehabt zu haben. Aber darunter wird es dann immer unerträglicher, weil Lebensträume platzen wie Seifenblasen, die Gewissheit, noch eine lange Zeit gemeinsam miteinander verbringen zu dürfen, sich als Trugbild erweist und man vor der absoluten inneren Leere steht.

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Das Beschriebene erwischt nicht wenige, es passiert jeden Tag mannigfach. Und doch ist jeder einzelne Fall so individuell tragisch und für die Betroffenen ist es so irrsinnig schwer, die Konsequenzen zu tragen. Gertrud Rücker ist Diplom-
Pädagogin und Trauerbegleiterin bei den Johannitern. Sie weiß aus ihrer Erfahrung, wie unterschiedlich Menschen auf den Tod eines Partners reagieren, dass die Trauer keineswegs eine Sache von wenigen Tagen ist und wie ein grippaler Infekt dann wieder verschwunden ist. „Trauer wird zum Teil des Lebens“, sagt sie. Es komme dabei darauf an, sie irgendwann so einzuordnen, dass wieder genug Platz fürs Weitermachen entsteht.

Im Trauercafé der Johanniter kommen Menschen ­zusammen, die sich austauschen wollen, die erleben wollen, wie andere mit ihrem Verlust umgehen, die einfach mit Menschen zusammenkommen wollen, die durch eigene Betroffenheit ­Verständnis haben, etwa für Stimmungsschwankungen von gelöst locker bis hin zu Traurigkeit und Tränen.

Jüngst lernten sich im Trauercafé drei Frauen kennen, die alle mitten im Leben stehend ihren Mann verloren haben. Sie haben sich angefreundet, waren sogar schon zusammen im Urlaub, haben den Spaß am Leben miteinander wiederentdeckt , ohne dabei vergessen zu haben, welches Ereignis ursächlich ist für ihre Freundschaft. Das macht ihre Verbindung so stark, weil 
sie alle drei voneinander wissen, was sie verloren haben und wie sie auch jetzt noch darunter leiden, obgleich sie sich dadurch gefunden haben. „Es geht auch irgendwie weiter, eben völlig anders als vorher, man muss sich neu einstellen“, sagt eine von ihnen.

Impulse für das Leben

Die drei Frauen wissen sehr viel voneinander. Das schweißt zusammen, das gibt ihnen Kraft. Sie erleben zusammen schöne Stunden, unbeschwert und ausgelassen, es wirkt wie ein Ventil. Sie lernen zusammen, wieder fröhlich zu sein, das Leben zu genießen. Sie können sich aber auch Halt geben in Stunden, in denen sie die Traurigkeit, den Verlust, die Trauer spüren.

Ihre Geschichten sind sehr unterschiedlich. Eine der Frauen erlebte mit ihrem Mann sehr bewusst, dass es für ihn nur noch eine begrenzte Lebenszeit gab, wenn es auch noch Jahre waren. Das Paar konnte sich auf das, was kommt, vorbereiten. „Wir haben über alles geredet, ich habe gewusst, wie ich was machen soll.“
Ganz anders die anderen beiden Frauen. Dort ging es schneller, heftiger. Eine musste mit ­ihrer Familie darüber entscheiden, ob die lebenserhaltenden Geräte abgestellt werden sollen, die andere verlor ihren Mann überraschend über Nacht.

Die Ereignisse liegen schon ein Stück weit zurück. Nach ein­einhalb Jahren las eine der Frauen in der Oberhessischen Presse einen Artikel über eine Frau, die über ihre Gefühle sprach, die sie während des Trauerspaziergangs hatte, der von den Verantwortlichen des Trauercafés der Johanniter veranstaltet wird. „Das bewog mich, das auch einmal auszuprobieren“, sagt sie. Und sie setzte es in die Tat um. Der Spaziergang selbst hat ihr sehr gut gefallen, die Ausgestaltung beeindruckt. Die beiden anderen Frauen bestätigen sie.

Auch sie fanden dort genau das, was in ihre Situation passte. Das Trauercafé wurde für sie ein fester Termin, über den sie nichts gehen ließen. Eine von ihnen berichtet, dass sie zuvor eine andere Trauergruppe besucht habe. „Die sagte mir einfach nicht zu.“ Im Nachhinein ist sie froh, dass sie sich dadurch nicht entmutigen ließ. Etwas überrascht wurden die Frauen davon, dass die Altersstruktur im Trauercafé gar nicht so war, wie sie es sich vorstellten, im Gegenteil.
Mittlerweile haben sie eine Whatsapp-Gruppe noch mit weiteren Trauercafébesuchern, aber ihre Dreierfreundschaft ist ihnen allen doch etwas Besonderes. Sie haben akzeptiert, dass die Trauer nun zu ihrem Leben gehört, aber auch andere Bereiche sich wieder in den Vordergrund spielen. Und so erarbeiten sich die Frauen auch neue persönliche Aufgaben und Ziele. Und ganz sicher werden sie Freundinnen bleiben.

von Götz Schaub