Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Millionen für neue Intensivbetten: Aber gibt es sie in Kliniken überhaupt?
Marburg Millionen für neue Intensivbetten: Aber gibt es sie in Kliniken überhaupt?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:50 15.07.2021
Ein Intensivpfleger versorgt einen Corona-Patienten. Unklar ist in weiten Teilen Deutschlands, ob tatsächlich so viele Intensivbetten geschaffen wurden, wie der Staat Fördergelder an Kliniken zahlte.
Ein Intensivpfleger versorgt einen Corona-Patienten. Unklar ist in weiten Teilen Deutschlands, ob tatsächlich so viele Intensivbetten geschaffen wurden, wie der Staat Fördergelder an Kliniken zahlte. Quelle: Jens Büttner
Anzeige
Marburg

Das Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) hat in der Corona-Pandemie rund vier Millionen Euro Fördergelder für den Aufbau von Intensivbetten bekommen. Davon gingen 1,8 Millionen Euro an Marburg und die restlichen 1,9 Millionen an den Standort Gießen. Das Diakoniekrankenhaus in Wehrda erhielt 150.000 Euro, die Vitos-Kliniken Gießen-Marburg – als Klinik für Psychiatrie ohne Covid-Station – erhielten nichts.

Das geht aus einer aktuellen Auflistung des Bundesgesundheitsministeriums hervor. Diese zeigt, welche medizinische Einrichtung in Deutschland zwischen April und Herbst 2020 wie viel Steuergelder für die pandemiebedingte Erweiterung der Intensivstation bekommen hat. Konkret: 50.000 Euro pro neuem Intensivbett.

Immer noch unklar

In Marburg entspricht das angesichts der Gesamtfördersumme rechnerisch 36 neuen Betten, in Gießen rund 40, in Wehrda drei. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 686 Millionen Euro für neue Intensivbetten an mehr als 800 Kliniken überwiesen. Angesichts von 50.000 Euro pro Bett müssten dabei also 13.700 neue Intensivbetten herausgekommen sein – zusätzlich zu den 28.000 bereits vor Corona bestehenden. Doch wo sich diese vielen neuen Betten befinden, ob sie überhaupt aufgebaut oder betrieben wurden, ist bis heute unklar.

Der Bundesrechnungshof hat das im Juni kritisiert, verlangte vom Ministerium eine detaillierte Übersicht der Geldflüsse. Wenige Wochen zuvor äußerte der ehemalige Leiter des Marburger Uni-Klinikums, Infektiologie-Professor Matthias Schrappe, fußend auf Berechnungen seiner Forschergruppe eine ähnliche Kritik, nämlich dass es fehlerhafte Ausweisungen im Intensivbetten-Register (DIVI) gebe. Schrappe nannte die Intransparenz bei den Intensivbetten folgenschwer, weil die Bettenentwicklung letztlich als Hauptargument für die Corona- und Lockdown-Politik gilt.

Ein "Puffer"

Es könnte – so der Verdacht von Schrappe wie vom Bundesrechnungshof und nun wohl auch dem Gesundheitsministerium – Kliniken geben, die auf dem Förderweg Geld abgegriffen haben für Betten, die tatsächlich gar nicht neu geschaffen wurden. In Schleswig-Holstein bekam ein Krankenhaus 11,7 Millionen Euro, was 234 neuen Intensivbetten entspricht. Doch 209 davon werden nach dortigen Angaben als „Puffer“ verstanden, die Betten stünden in Notfalllagern. Auch nach Stuttgart, wohin dieselbe Summe floss, sind 166 in „Reserve“, die binnen weniger Tage zu aktivieren seien, wie es dort heißt.

Weiter Infos

Auch für die Vorhaltung von Betten, durch Aufschub planbarer Aufnahmen, Operationen und Eingriffe haben die heimischen Krankenhäuser Geld bekommen. Die Höhe der Ausgleichszahlungen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums:

  • UKGM Marburg: 9,8 Millionen Euro
  • UKGM Gießen: 17 Millionen Euro
  • Diakonie Wehrda: 3,5 Millionen Euro
  • Vitos Gießen-Marburg: 16,4 Millionen Euro

In Marburg, so das UKGM auf OP-Anfrage, seien die Operationszahlen mittlerweile wieder auf dem Stand von 2019, in Gießen noch nicht ganz. In Marburg kreist die Patientenzahl seit Jahren um den Wert von 47.000, in Gießen sind es etwas mehr, die Fallzahlen liegen aber konstant unter der 50.000er-Marke.

Und wie sieht das in Marburg und Gießen – wo Geld für umgerechnet 76 neue Intensivbetten bereitgestellt wurde – aus? Aktuell weist das DIVI die Intensivbetten-Gesamtzahl für den Landkreis Marburg-Biedenkopf mit 149, für Gießen mit 207 aus. Auf OP-Anfrage, wie viele Intensivbetten es bis zu Beginn der Corona-Pandemie – etwa am 1. Januar der Jahre 2019 und 2020 – an den beiden Standorten jeweils gab, äußert sich das UKGM so: Die Zahl von 76 Neu-Behandlungskapazitäten stimme – man habe diese „schaffen oder vorhalten“ können. Zahl und Status der Intensivbetten seien „stets entsprechend der Belegung, der vorhandenen Kapazitäten und gemäß der jeweils geltenden Meldesystematik mitgeteilt“ worden.

Hessen-Spitze bei Summe der Fördergelder

So viel Geld wie das UKGM – beide Standorte zusammen rund vier Millionen – bekam kein anderes hessisches Krankenhaus. Auch bei den Einzelabrechnungen liegen Marburg und Gießen, die aber auch zu den größten Kliniken im Bundesland zählen, mit an der Spitze. Nur Helios-HSK in Wiesbaden, die Kliniken Frankfurt-Höchst und Darmstadt sowie die Krankenhäuser Bad Soden und Hofheim bekamen mehr – bis zu 2,4 Millionen Euro.

So oder so: Jeder Klinik, die im Vergleich zur Vor-Pandemie-Zeit keine Neubetten entsprechend dem Geldfluss schuf und das in jedem Einzelfall nicht belegen kann, drohen nun Rückzahlungsforderungen. Das Diakoniekrankenhaus teilte vergangene Woche mit, dass es einen entsprechenden Bettenausbau gegeben habe, in Wehrda nun sieben Patienten zeitgleich beatmet werden könnten.

Maximal 15 zeitgleich beatmete Covid-Patienten

Die Rekordzahl zeitgleich in Marburg-Biedenkopf stationär behandelter Corona-Patienten – nicht gleichzusetzen mit intensivmedizinisch Betreuten – betrug in Marburg 46. Das war laut Mitteilungen des Gesundheitsamts Ende November 2020. Tatsächlich beatmet, Intensivbetten belegend, wurden in diesem Zeitraum 15 Menschen mit Covid-Diagnose. 

Studien aus 23 Ländern mit 57.420 Patienten, die aufgrund von Corona invasiv beatmet werden mussten, zeigen, dass rund die Hälfte aller künstlich beatmeten Patienten starb. Vor allem in der Altersgruppe über 80 ist die Sterblichkeit mit fast 85 Prozent demnach sehr hoch.

Von Björn Wisker