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Marburg „Geimpfte gelten nicht als Treiber der Infektion“
Marburg „Geimpfte gelten nicht als Treiber der Infektion“
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11:58 18.08.2021
Ein Corona-Tester führt einen Schnelltest durch. Auch Geimpfte sollten sich zum Beispiel nach einem Kontakt zu Infizierten testen lassen, rät Professor Harald Renz.
Ein Corona-Tester führt einen Schnelltest durch. Auch Geimpfte sollten sich zum Beispiel nach einem Kontakt zu Infizierten testen lassen, rät Professor Harald Renz. Quelle: Hendrik Schmidt
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Marburg

Eine Person war genesen und erkrankte ein zweites Mal. Dies teilte Sascha Hörmann von der Pressestelle des Kreises der OP auf Anfrage mit.

Wie es allgemein mit dem Risiko für Geimpfte aussieht, an Covid zu erkranken oder das Virus zu übertragen, das fragte die OP Professor Harald Renz, den Ärztlichen Geschäftsführer des Uni-Klinikums Marburg. Nachfolgend Fragen und Antworten des Interviews mit Renz:

Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass Geimpfte weiterhin Überträger des Coronavirus sind?

Professor Harald Renz: Wir wissen schon seit langem – im Prinzip schon aus den Zulassungsstudien für die Impfstoffe – dass die Impfungen nicht vollständig vor Corona schützen. Was wir jetzt auseinanderhalten müssen, ist die Frage, ob vollständig (2-fach) Geimpfte sich infizieren können und so das Virus weitergeben, und die Frage, ob vollständig Geimpfte an Corona erkranken können. Die erste Frage muss klar mit einem „Ja“ beantwortet werden. Vollständig Geimpfte können sich mit dem Virus infizieren und sie können es eben auch weitergeben. Eine aktuelle Studie des Centers für Disease Control in den USA (CDC) zeigt, dass der sogenannte CT-Wert – das ist ein Maß für die Menge an Viruspartikeln – sich zwischen Geimpften und Ungeimpften, die sich infiziert haben, nicht unterscheiden. Trotz aller Schwächen gibt die Studie, wie andere Studien auch, die Richtung vor: Impfung schützt nicht vor Infektion und damit auch nicht vor Weitergabe des Virus! Allerdings ist das Risiko deutlich gegenüber Ungeimpften reduziert, so gelten Geimpfte auch sicherlich nicht als „Treiber“ der Infektion“.

Ganz im Gegenteil, eine Studie des Imperial College in England an über 200 000 Erwachsenen und Kindern hat ergeben, dass bei Ungeimpften die PCR-Tests in 1,21 Prozent der Fälle positiv waren, bei Geimpften in 0,04 Prozent. Das bedeutet, das Virus breitet sich drei Mal so stark unter den Ungeimpften aus.

Wie stellt sich die Thematik der „Impfdurchbrüche“ dar?

Unter Impfdurchbrüchen versteht man die Entwicklung einer Corona-Infektion (Erkrankung), obwohl man vollständig geimpft ist. Auch das ist nicht neu, wir wissen schon aus den Anfängen der Impfkampagne, dass die Impfung nicht zu 100 Prozent vor einer Corona-Erkrankung schützt. Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass mittlerweile das Robert Koch-Institut über 10 000 solcher Fälle seit Februar dieses Jahres registriert hat. Das erscheint viel, ist es bei der Gesamtzahl an Corona-Erkrankten aber eigentlich nicht.

Heute kennen wir die wesentlichen Risikogruppen für einen schlechten Impferfolg. Das sind die Menschen mit einem geschwächten Immunsystem (zum Beispiel nach einer Organtransplantation, bei einer Krebsbehandlung oder beim Vorliegen von anderen, chronischen Erkrankungen, die das Immunsystem mit beeinträchtigen) und natürlich die Älteren, die eh ein schwächeres Immunsystem haben, das ist dann deutlich träger, nicht mehr so agil und flexibel, wie im jüngeren Alter. Auf diese Gruppen sollten wir also einen besonderen Blick werfen und es empfiehlt sich zu prüfen, ob die Impfung erfolgreich war und angesprochen hat.

Wie könnten sich Geimpfte dann überhaupt weiter schützen? Müssten wir dann nicht jetzt alle weiterhin im öffentlichen Raum Masken tragen?

Das oben Zusammengefasste bedeutet, dass es bisher keine Alternative zu den allgemeinen AHA-Regeln gibt. Händewaschen, Maske tragen, Abstand halten gehören genauso in das „Arsenal“ auch weiterhin wie Impfen und Testen. Das wird auch für den kommenden Herbst / Winter weiterhin eine wichtige Maßnahme sein und bleiben, egal ob geimpft oder ungeimpft. Hier kann man nur appellieren und plädieren für ein Verständnis in der Bevölkerung. Denn auch und gerade mit den AHA-Regeln lässt sich ja doch ein relativ normales Alltagsleben wieder führen. Wir haben uns ja streckenweise auch ganz gut daran gewöhnt.

Angeblich schlagen Schnelltests bei Geimpften nicht an, weil deren Viruslast zu niedrig ist: Wie stellt sich dies dar?

Bei Schnelltests besteht immer wieder die Gefahr, dass sie „falsch negativ“ ausfallen, das heißt, ein negatives Testergebnis anzeigen, obwohl eine Virusausscheidung (und damit Infektion) vorliegt. Ob infizierte Geimpfte weniger Viruslast ausscheiden als infizierte Ungeimpfte, ist nach wie vor noch nicht so klar, es gibt Studien für das Eine und das Andere. In jedem Falle sollten sich auch Geimpfte testen lassen, insbesondere wenn es einen Kontakt zu Infizierten gab, oder auch „nur“, um nach der Rückkehr aus dem Urlaub und vor und nach dem Besuch von Veranstaltungen eine entsprechende Sicherheit zu entwickeln. Auch hier gilt: wiederholtes Testen ist besser als einmaliges Testen.

Von Manfred Hitzeroth und Andreas Schmidt