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Marburg Geholfen, die Altenpflege neu aufzubauen
Marburg Geholfen, die Altenpflege neu aufzubauen
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13:58 01.08.2021
Ernst Boltner am Eingang seiner langjährigen Wirkungsstätte. Seine berufliche Karriere als Geschäftsführer der Diakoniestation in Cappel ist nach vielen erfolgreichen Jahren beendet.
Ernst Boltner am Eingang seiner langjährigen Wirkungsstätte. Seine berufliche Karriere als Geschäftsführer der Diakoniestation in Cappel ist nach vielen erfolgreichen Jahren beendet. Quelle: Foto: Götz Schaub
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Marburg

Auf diesem Feld hat sich Ernst Boltner seit 1986 auf vielfältiger Weise beruflich wie auch ehrenamtlich in Leitungsfunktionen von Einrichtungen für Senioren engagiert und diese mitentwickelt. Er hat so viel Wissen und Erfahrung erworben, dass man ihn nicht missen möchte. Doch alles hat seine Zeit – auch der Beruf. Und so hat Ernst Boltner seine Aufgabe als Geschäftsbereichsleiter in der Altenhilfe des St.-Elisabeth-Vereins nach 24 Jahren und als Geschäftsführer der Diakoniestation Cappel-Ebsdorfergrund gGmbH nach nun achtzehneinhalb Jahren in neue Hände gelegt.

Doch damit schließt er nur Kapitel seines Wirkens, nicht gleich das ganze Buch. Denn es gibt ja neben dem Beruf auch noch so etwas wie eine Berufung und dafür sieht sich Boltner mit 64 Jahren noch gut in Saft stehen und wird sich deshalb weiterhin im Bereich der Arbeit für ältere Menschen engagieren wollen.

Einschnitt im Berufsleben

Als Deutschland 1974 im eigenen Land Fußball-Weltmeister wurde, startete Boltner seine berufliche Laufbahn als Bankkaufmann in seinem Heimatort Essen. Nach mehrjähriger Tätigkeit hier und einem zweijährigen Auslandsaufenthalt in Kanada erfolgte 1986 ein Einschnitt im Berufsleben, er übernahm die Leitung eines Alten- und Pflegeheims in Vöhl-Asel am Edersee und seine Ehefrau arbeitete dort als Ergotherapeutin.

1997 kam er zum St.-Elisabeth-Verein und wurde dort Geschäftsbereichsleiter Altenhilfe. Eine Stelle, die ihm wie auf den Leib geschneidert schien und die er mit Liebe und großem Engagement bis Juni dieses Jahres ausfüllte. 2003 wurde er Geschäftsführer der Diakoniestation Cappel-Ebsdorfergrund gGmbH, von 2008 bis 2019 war er zudem Geschäftsführer der St.-Elisabeth-Altenhilfe Wetter gGmbH. Bereits 1998 erweiterte er seine Aufgaben als Geschäftsführer der Diakoniestation Wetter gGmbH. Und das ist er auch noch heute und möchte diese Aufgabe noch ein Weilchen weiter wahrnehmen. Ja, der Landkreis Marburg-Biedenkopf wurde 1997 seine neue Heimat, weil die Berufsaussichten Spannung versprachen.

„Nach elf Jahren in Vöhl-Asel waren wir bereit, Neues zu wagen und der St.-Elisabeth-Verein hatte es sich auf die Fahnen geschrieben, traditionelle Pflegeheime neu zu denken und auch neu zu bauen. Das gefiel uns sehr“, sagt Boltner.

Hausgemeinschaften

Damals gab es in der Wetteraner Schulstraße das schon knapp 50 Jahre alte Gebäude des ehemaligen Kreisaltenheims mit in die Jahre gekommenen Einrichtungen für 82 Bewohner und erste Wohnungen im „Betreuten Wohnen“ für Senioren. Erstes Beispiel des neuen Denkens und Bauens war die Einrichtung von Hausgemeinschaften. „Auf dem Höhlchen“ in Wetter entstand die Wohngruppe für Menschen mit Demenz, das war die erste stationäre Wohngruppe dieser Art in ganz Hessen.

Dann folgten der Neubau mit sechs Hausgemeinschaften in Wetter, „Krafts Hof“ in Sterzhausen, ein neues Heim in Rosenthal und als besonderer Abschluss die Eröffnung der ambulanten Wohngruppe für Menschen mit Demenz in Goßfelden im Februar 2020. Boltner lebte Vernetzung im Bereich der Altenhilfe, engagierte sich als Vorsitzender der Alzheimergesellschaft Marburg-Biedenkopf und im Vorstand des Kulturvereins Krafts Hof in Sterzhausen. Als Sprecher des Arbeitskreises Hessische Hausgemeinschaften trieb er Neuerungen auf dem Gebiet vollstationäre Versorgung in Hausgemeinschaften auch überregional voran. „Die Erfahrungen, die wir mit den Hausgemeinschaften machten, zeigte uns, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen hatten. Für die Menschen wirkte sich das Zusammenleben positiv auf die Lebensqualität aus, weil es auch eine Alltagsnormalität sicherte“, sagt Boltner. Die Arbeit blieb nie stehen, es wurden immer neue Fragen aufgeworfen, neue Ansätze entwickelt, bei denen die Belange der Menschen, die es zu betreuen galt, in den Vordergrund gerückt wurden. Eine zentrale Frage in Sachen Demenz war beispielsweise, wie Beziehungsgestaltung und Interaktion in der Arbeit mit Demenz aussehen muss, damit sie wertschätzend und sinnstiftend ist. Darum nahm er immer wieder an wissenschaftlichen Forschungen oder Modellprojekten zur Qualität der Pflegearbeit teil.

Positives Fazit

Boltners Fazit fällt positiv aus, es lohnte sich, in die Umgestaltung traditioneller Pflegeheime Kraft und Energie zu stecken. Und er freut sich, dass es auch von Anfang an fortschrittlich denkende Fachkräfte gab, etwa beim Landkreis Marburg-Biedenkopf mit Ruth Schlichting als Leiterin der Stabsstelle Altenhilfe des Kreises. Ruth Schlichting lobte bei der Verabschiedung von Boltner ebenso wie Bürgermeister Manfred Apell (Lahntal) die fortschrittlichen Denkansätze für die Seniorenarbeit, die heute sehr deutlich im Landkreis und darüber hinaus zu erleben sind.

Die Gewissheit, wirklich etwas für die betroffenen Menschen bewegt zu haben, lässt Boltner auch jetzt weitermachen, etwa in den ehrenamtlich tätigen Bürgerhilfevereinen in Wetter und Lahntal, wo er sich jeweils im Vorstand engagiert. Zudem ist er auch wieder in den Vorstand der Alzheimergesellschaft Marburg-Biedenkopf gewählt worden.

Aber er hat sich auch privat noch Ziele gesetzt. Haus und Garten sollen nicht zu kurz kommen und auch einige Städtetouren stehen an, ehe es für ihn und seine Frau auf Kanadareise gehen wird. Seine Verabschiedung aus dem Berufsleben fand übrigens in der Stiftskirche in Wetter statt. Für ihn der absolut passende Ort, denn die Verbindung zur Kirche war immer gegeben und ihm über all die Jahre auch sehr wichtig. So ist es auch nur folgerichtig, dass es zur Verabschiedung das Goldene Kronenkreuz der Diakonie für Ernst Boltner gab. Pfarrer Ulrich Kling-Böhm, Vorstand des St.-Elisabeth-Vereins, unterstrich die besondere diakonische Leistung des Ehepaares Boltner für die Arbeit der Altenhilfe.

Von Götz Schaub