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Marburg Pflege oder „Radikalkur“?
Marburg Pflege oder „Radikalkur“?
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15:58 05.02.2020
Gehölzpflegearbeiten fanden zuletzt unter anderem an der B3 in Marburg, Abfahrt Marburg-Süd statt. Bis Ende Februar schneidet Hessen Mobil im gesamten Landkreis an Bundesstraßen das Grün zurück. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Verkehrssicherheit hat für Hessen Mobil oberste Priorität – dies gilt auch für den unmittelbaren Bereich neben der Fahrbahn einer Straße und auch für die dortigen Gehölze. Zum Erhalt der Verkehrssicherheit werden diese derzeit an unterschiedlichen Stellen im Landkreis zurückgeschnitten.

Denn unmittelbar am Fahrbahnrand muss die Sicht auf Fußgänger, Fahrzeuge und Verkehrszeichen – vor allem an Einmündungen – freigehalten werden. Außerdem dürfen keine Äste in den „Lichtraum“ über der Fahrbahn ragen.

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Bäume und Sträucher, die die Verkehrssicherheit gefährden und nicht mehr in einen sicheren Zustand gebracht werden können, werden entfernt, um Schäden durch herabfallende Äste oder Umstürze zu vermeiden. Aber nicht immer muss dafür ein Baum gleich gefällt werden, in vielen Fällen genügt ein fachgerechter Schnitt. Totholz wird entfernt, um Unfälle­ durch herabfallende Äste zu 
vermeiden.

Behörde: Ausdünnung dient Verjüngung

Gehölze werden „auf den Stock gesetzt“, damit ist ein Abschneiden der Bäume und Sträucher in einer Höhe von 10 bis 20 Zentimetern über dem Boden gemeint, das in einem wiederkehrenden Turnus von längstens 20 Jahren durchgeführt wird. Längere Zeiträume seien pflanzenphysiologisch nicht sinnvoll, da sich die Gehölze durch einen zu engen Stand gegenseitig in die Höhe treiben und dadurch instabil werden können.

„Auf den Stock setzen“ führt in den Folgejahren zu einem kräftigen, innen belaubten Nachwuchs auf der Fläche. Hinzu kommt, dass durch den regelmäßigen Rückschnitt die Pflanzen sowie die Wurzeln gesund bleiben und damit die Erde gefestigt wird und Erdrutsche verhindert 
werden.

Frisch bearbeitete Flächen können auf den ersten Blick kahl aussehen – aktuell etwa an der B3, Ausfahrt Marburg-Süd, wo großflächig Bäume entnommen wurden. Das Ausdünnen helfe laut Hessen Mobil der Natur dabei, sich zu verjüngen und neu aufzustellen. Das ist auf den ersten Blick jedoch noch nicht zu erkennen.

Autofahrer äußern 
Kritik an „Kahlschlag“

Einige Naturfreunde, die sich zu den laufenden Gehölzarbeiten bei der OP meldeten, zeigten sich schockiert über die Zahl der gefällten Bäume, manche sprechen von einem „grundlosen Kahlschlag“, gerade vor dem Hintergrund der Klimadebatte. „Da haben wir angeblich Klimanotstand – und anstatt Bäume als CO2-Speicher anzupflanzen, wird gefällt“, ärgert sich ein Leser.

Über die Arbeiten an der Südspange bestürzt zeigt sich auch Maria Vogelmeier: Sie hält die Fällungen Dutzender Bäume auf dem sogenannten „Ohr“ der B3-Abfahrt für überzogen, „ich war entsetzt, es wurde viel zu stark ausgedünnt, es ist praktisch nichts mehr übrig von den Bäumen“, ärgert sich die Marburgerin, die darin eine „billige Radikalkur“ sieht.

Dass die Verkehrssicherheit an der B3 gegeben und die freie Sicht für die Autofahrer frei sein muss, sehe sie ein und das sei wichtig, „aber das trifft in diesem Fall doch nicht zu, hier wurde nicht nur am Straßenrand, sondern flächendeckend abgeholzt“, moniert sie.

Gutachter fanden Schäden

Dass gerade an Schnellstraßen meist stärker zurückgeschnitten werde müsse, als in weniger frequentierten Gebieten, und dabei gerade an der Abfahrt Süd deutlich mehr Bäume gefällt werden mussten, teilt auch Hessen Mobil auf Nachfrage mit.

Ein Grund dafür sei, dass an dieser Stelle in den letzten Jahren wenig an Gehölzarbeiten durchgeführt und nun durch Gutachter etliche Schäden festgestellt wurden: „Die Baumgutachter haben viele kranke und schon kaputte Bäume gefunden und die wurden entnommen, gerade neben der Bundesstraße kann das sonst gefährlich werden“, erklärt Sonja Lecher, Pressesprecherin von Hessen Mobil.

Mehrere Hölzer, bei denen die Standfestigkeit nicht mehr gegeben war, seien nicht zu retten gewesen. Außerdem musste gerade an der Bundesstraße die Sichtachse wieder hergestellt werden.

Behörde sieht Vorteile für Tierwelt

Laut Kritikern gehe das auf Kosten von Natur und der Tierwelt, so hätten etwa verschiedene Vogelarten das breit bewachsene „Ohr“ der B3 regelmäßig als Lebensraum genutzt, berichtet Vogelmeier. Hessen Mobil verweist dagegen auf Vorteile für die Tierwelt: Durch den abschnittsweisen Rückschnitt der Gehölze seien Rückzugsmöglichkeiten von Kleinlebewesen in die angrenzenden, unbearbeiteten Flächen gegeben.

Die langjährige Erfahrung zeige, dass bereits in der ersten Vegetationsperiode nach dem Schnitt durch den Ausschlag der Gehölze ein Zuwachs von bis zu einem Meter gegeben ist.

Arbeiten laufen 
noch bis Ende Februar

Bei der Terminierung der Gehölzpflegearbeiten ist Hessen Mobil indes durch das Bundesnaturschutzgesetz und aus Gründen des Artenschutzes zeitlich in der Arbeit beschränkt. Die Rückschnitte dürfen nur im Zeitraum zwischen dem 1. Oktober und Ende Februar erfolgen.

Diese Regelung gilt, sofern nicht Gefahr in Verzug ist, weil beispielsweise ein Baum akut umsturzgefährdet ist. Fällungen von Bäumen würden ausschließlich mit der Zustimmung der zuständigen Naturschutzbehörde erfolgen.

Konnte der Astschnitt bis Anfang März nicht entsorgt werden, bleibt dieser bis zum Herbst liegen, da dort zum Beispiel Vögel nisten könnten.     

von Katja Peters 
und Ina Tannert

Überblick

B3, Raum Marburg: Anschlussstelle Göttingen, Auffahrt in Fahrtrichtung Kirchhain. Zwischen den Anschlussstellen Göttingen und Bürgeln. Anschlussstelle Marburg-Süd, Abfahrt in Richtung Kirchhain. Zwischen den Anschlussstellen Marburg-Mitte und Marburg-Hauptbahnhof, Anschlussstelle Marburg-Süd, Abfahrt in Richtung Gießen.

Ostkreis / B3: Zwischen Einmündung K116 und Albshausen. Zwischen Einmündung K3 und Ortsdurchfahrt Schönstadt. Zwischen Einmündung K44 und Lischeid. B62: Zwischen den Anschlussstellen Bürgeln und Niederwald. Abfahrt Niederwald sowie Kirchhain-Ost.

Hinterland / B453: Zwischen Runzhausen und Mornshausen. Zwischen Runzhausen und Abzweig K74. Zwischen Abzweig Eschenburg-Roth und Abzweig Breidenbach-Achenbach. Zwischen Kombach und Abzweig L3042.