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Marburg Geheimnisverrat mit gehackter E-Mail?
Marburg Geheimnisverrat mit gehackter E-Mail?
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11:59 29.01.2020
Hat ein Unbekannter das E-Mail-Konto der Tochter einer CSL-Mitarbeiterin gehackt und damit eine Mail an das Unternehmen verschickt? Das behauptet die Mitarbeiterin zumindest – das Unternehmen konnte das Gegenteil nicht beweisen. Quelle: Jens Büttner/dpa/Archiv
Marburg

Das Arbeitsverhältnis zwischen der Mitarbeiterin und CSL „steht unter keinem guten Stern“, wie Arbeitsrichterin Annette Stomps während der Verhandlung verdeutlichte.

Sie fasste den Sachverhalt zusammen: Demnach gebe es „erhebliche Probleme in der Zusammenarbeit zwischen der Klägerin mit ihren beiden Vorgesetzten“, von Oktober 2018 bis April 2019 habe das Unternehmen insgesamt elf Abmahnungen ausgesprochen. Auch habe CSL der Mitarbeiterin gleich drei Kündigungen ausgesprochen – dagegen war die Frau vorgegangen.

Von Verstößen gegen Arbeitsanweisungen bis hin zu Verstößen gegen den Verhaltenskodex und weitere Pflichtverletzungen ist die Rede in den Abmahnungen. Diese Vorwürfe seien laut Klägerin nicht gerechtfertigt. Gleichwohl habe sie, so Stomps, im vergangenen Mai eine der Vorgesetzten in einer Besprechung scharf kritisiert, unter anderem wegen fehlender Unterstützung.

Übergabe des Firmen-Laptops platzte

Im vergangenen Juli ging die Klägerin dann für rund vier Wochen in den Urlaub. Ihre Vorgesetzte bat sie daher, ihr nicht nur alle Aufgaben zu übergeben, sondern auch den Firmen-Laptop. Denn: Die Klägerin solle im Urlaub auf keinen Fall arbeiten. Doch: Am vereinbarten Tag der Übergabe des Computers war die Klägerin krank. In der Folge ließ die Vorgesetzte die Zugänge der Mitarbeiterin sperren, denn diese solle ja nicht arbeiten.

Die Klägerin sendete in der Folge über ihren privaten E-Mail-Account bei Freenet eine Mail an drei Kolleginnen, in der sie unter anderem auf die Sperrung hinwies.

Kolleginnen erhalten Mail von Account der Tochter

Dies sei die einzige Möglichkeit gewesen, die in ihre Projekte und Verantwortlichkeiten eingebundenen Kollegen über diesen Vorgang zu informieren – um darauf hinzuweisen, dass sie eben über den Firmen-Account keine Mails senden oder empfangen könne.

Zwei Tage später erhielten die drei Kolleginnen die Mail mit identischen Inhalt erneut – allerdings versendet vom Freenet-Account der Tochter der Klägerin. Jedoch versicherte die Frau, dass weder sie noch ihre Tochter die Mail versendet hätten – offenbar sei der Account manipuliert worden. Die Klägerin hat zudem Gutachten erstellen lassen, um zu beweisen, dass der Account der Tochter gehackt worden sei – zudem erstattete sie bei der Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Unbekannt.

CSL muss beweisen, 
dass Klägerin Mail schickte

Der Arbeitgeber wirft der Frau unter anderem die in den Abmahnungen angeführten zahlreichen Pflichtverletzungen vor, zudem diskreditiere sie ihre Vorgesetzten öffentlich. Mit ihrer ersten Mail habe sie sich über die Anweisung hinweggesetzt, im Urlaub nicht zu arbeiten. Außerdem habe sie – spätestens mit dem Versand der Mail vom Account der Tochter – gegen ihre Verpflichtung zur Geheimhaltung verstoßen. Richterin Annette Stomps wies die Parteien eindringlich darauf hin, dass das Arbeitsverhältnis offensichtlich nicht mehr zu kitten sei. „Egal, wer hier gewinnt – die andere Partei zieht dann vors Landesarbeitsgericht“, schätzte sie. Doch den Vergleich lehnten beide Parteien ab.

In der Folge urteilte das Gericht: CSL muss die Klägerin wieder einstellen, die Kündigungen sind unwirksam. Doch warum? „Die angeführten Gründe reichen für eine Kündigung nicht aus“, so Stomps. Der angeblich gehackte Account spielte dabei keine Rolle.

Mitarbeiterin erhält Nachzahlung

„Der Vorwurf des Unternehmens war, dass die Klägerin ja die Mail selbst vom Account der Tochter verschickt und damit Betriebsinterna an Dritte weitergegeben – dass das wirklich die Klägerin war, konnte die Arbeitgeberseite nicht darlegen. Sie hat aber die Beweislast“, so Stomps. Daher sei es nicht darauf angekommen, wer die Mail tatsächlich versendet habe.

Die außertariflich eingestellte Klägerin hatte in einem weiteren Verfahren auch bemängelt, dass der Arbeitgeber im Arbeitsvertrag stehende Gehaltsstufen nicht weitergegeben habe – außerdem sei sie nach dem neuen „Carreer Framework“ zu niedrig eingruppiert.

Diesem Argument folgte das Gericht zum Teil: Das Unternehmen habe keinen entsprechenden Entwicklungsplan aufgestellt – daher müsse es gut 30.000 Euro nachzahlen. Die Höhergruppierung lehnte das Gericht ab, „die Management-Tätigkeiten für diese höhere Entgeltgruppe erfüllt sie nicht“, sagte Stomps.

von Andreas Schmidt