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Marburg Gefoltert, enthauptet und verbrannt
Marburg Gefoltert, enthauptet und verbrannt
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11:00 30.05.2020
Im Lochgefängnis unter dem Rathaus wurden der Hexerei Beschuldigte verhört, gefoltert und zum Tode verurteilt. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

“Gefoltert. Gestanden. Zu Marburg verbrannt“: So lautet der Titel der neuen Marburger Stadtschrift, die der Historiker Dr. Ronald Füssel im Auftrag der Stadt Marburg vorgelegt hat.

In der Stadt Marburg fanden zwischen 1517 und 1688 insgesamt 22 Frauen und zwei Männer wegen des Delikts der angeblichen Hexerei den Tod. 16 Opfer der Hexenverfolgung kamen aus Stadt und Amt Marburg, acht aus anderen oberhessischen Ämtern.

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Zudem rekonstruierte Dr. Füssel die Fälle von 25 weiteren der Hexerei angeklagten ehemaligen Mitbürgern, deren Leben durch Folter, soziale Ächtung oder Landesverweis zerstört wurde.

„Verglichen mit anderen Regionen ist das eher eine niedrige Anzahl“, resümiert der Autor. Zum Vergleich dazu: Die „Hochburgen“ der Hexenverfolgung lagen unter anderem in Bamberg mit 900 Toten oder Würzburg, wo 450 Frauen und Männer als Hexen hingerichtet wurden.

Keine Massenverfolgungen in Marburg

„Dort gab es Obrigkeiten, die bereit waren, die zahlreichen Anzeigen aus der Bevölkerung aufzugreifen, in Verfahren umzusetzen und die Verfolgungen nachhaltig zu befördern“, berichtet Füssel. Die Geständnisse führten wiederum zu weiteren Verfolgungen. Diese Eigendynamik habe in den betreffenden Regionen zu „geradezu hysterischen Massenverfolgungen“ geführt, die am Ende nicht einmal vor Mitgliedern der Kirche oder der städtischen Führungsschicht Halt gemacht hätten.

Von einer solchen Entwicklung sei man in Marburg hingegen weit entfernt gewesen, schreibt Füssel. Zwar sei für das Gericht und die zuständigen Beamten Hexerei ebenso ein außergewöhnlich schweres Verbrechen gewesen. Doch aus den erhaltenen Prozessakten geht hervor, dass über diese genauso verhandelt wurde wie auch über andere Kriminalfälle.

Alles streng nach Recht und Gesetz

So habe es für Ablauf und Bestrafung feste Regeln und Gesetze gegeben. Für deren Einhaltung hätten eine aufgrund der Universität sehr hohe Dichte an Justizorganen gesorgt mit dem Hofgericht, dem Peinlichen Halsgericht, der Fürstlichen Kanzlei und der Juristischen Fakultät.

Diese hätten sich gegenseitig genau auf die Finger geschaut und „kaum abnormes Handeln einzelner verfolgungseifriger Personen zugelassen“. Zudem habe über allem eine starke Landesherrschaft gewacht, die zwar nicht aktiv die Hexenverfolgungen unterbunden, aber diese Verfahren zumindest auch zu keinem Zeitpunkt forciert habe.

Nach einem relativ ausführlichen Teil zu den Hintergründen für den grundsätzlichen Ablauf der Hexereiverfahren geht Füssel detailliert auf die einzelnen Fälle ein, deren Akten mehr oder weniger umfangreich im Hessischen Staatsarchiv überliefert sind.

Es begann 1517

Die erste Verbrennung einer „Zauberin“ erfolgte Füssel zufolge in Marburg im Jahr 1517. Das Opfer war die „Wirwettzen“, nach seinen Recherchen die Frau eines Soldaten, die zum Zeitpunkt ihre Todes wohl 60 Jahre alt war. Die Unterlagen zu ihrem Verfahren sind jedoch sehr spärlich. Vorgeworfen worden sei ihr zwar noch nicht das Delikt der Hexerei, jedoch wahrscheinlich ein Schadenszauber. Weil die Gerichtsakten fehlen, ist auch nicht klar, ob die Frau bei ihrer Befragung gefoltert wurde oder nicht.

Enthauptet und verbrannt wurde nach der Tortur im Jahr 1652 die 70-jährige Witwe Christine Morgen aus Caldern, die ausdrücklich der Hexerei bezichtigt wurde. Zwei Jahre später starb Elisabeth George aus Kirchhain während der Folter. Der Vorwurf gegen sie: Die 51-jährige Frau sollte angeblich einen Knecht und Pferde verzaubert sowie Gott abgeschworen haben. Die dreimaligen Befragungen unter der Tortur überlebte sie nicht.

Landgräfin leitete Wende – zu spät

Auch eine Reihe von weiteren Fällen beschreibt Füssel detailliert. Dabei beschreibt er auch die Verfahren, bei denen es nicht zu Todesurteilen kam. Besonders ausführlich widmet er sich dem Fall von Catharina Lips aus Betziesdorf und ihrer 18-jährigen Enkelin Anne Schnabel in den Jahren 1673 und 1674. Beide Frauen wurden schließlich hingerichtet.

Der Fall von Lips sei wohl der populärste der Marburger Hexenprozesse und habe es auch zu einem Eintrag in Wikipedia gebracht, bilanziert Füssel. Das Ganze sei unter den Augen der Landgräfin Hedwig Sophia vonstatten gegangen. Diese habe im Anschluss daran von ihren Marburger Beamten ein behutsameres Vorgehen eingefordert und damit eine Wende in den hessischen Hexenprozessen eingeleitet.

Folterprotokoll veranschaulicht Qualen

Catharina Lips war der Teilnahme am Hexensabbat bezichtigt worden und hatte sich trotz mehrfacher Tortur als nicht schuldig bekannt. Im Zuge ihres Prozesses war auch ihre Enkelin in das Visier der Anklage geraten. Ein juristisches Hin und Her zog sich mehrere Monate hin, bis es dann zu den Urteilen kam. Besonders das in den Akten des Staatsarchivs erhaltene Folterprotokoll für Lips, das ihre Qualen bildlich darstellt, sorgte in späteren Jahrhunderten für Aufsehen.

Füssels Publikation erschien Anfang des Monats im Rahmen des Marburger Themenjahrs zu Hexen. Auf eine öffentliche Präsentation des Buchs durch den Autor wurde jedoch Corona-bedingt verzichtet.

„Gefoltert. Gestanden. Zu Marburg verbrannt. Die Marburger Hexenprozesse“ nachlesen. Sie ist zum Preis von 12,90 Euro ab Montag, 4. Mai, im Buchhandel (ISBN: 978-3-942487-15-3) sowie beim Rathausverlag über Online-Bestellung unter www.marburg.de erhältlich.

Von Manfred Hitzeroth

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