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Marburg Bankkaufmann spricht Arabisch
Marburg Bankkaufmann spricht Arabisch
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14:57 19.09.2020
Abdelkarim Al Hassan ist bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf der erste Geflüchtete, der als Kundenberater arbeitet. Quelle: Till Conrad
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Biedenkopf

Abdelkarim Al Hassan hat es geschafft: Als erster Geflüchteter aus Syrien hat der 34-Jährige seine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf beendet.

Al Hassan ist direkt mit einem unbefristeten Vertrag angestellt worden, arbeitet als Kundenberater im Marktbereich West und wird gerne auch eingesetzt, wenn Kunden mit arabischem Hintergrund möglicherweise Hilfe bei ihren Bankgeschäften brauchen. „Unsere arabisch sprechenden Kunden freuen sich über die neuen Azubis und Mitarbeiter“, sagt Michael Frantz, Sprecher der Sparkasse.

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Al Hassan kam vielleicht zugute, dass er in Syrien bereits Betriebswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften studiert und abgeschlossen hat.

Ursprünglich stammt er aus der Großstadt Al-Raqqa im Nordosten des Landes. Nachdem der junge Mann vor dem Bürgerkrieg wie so viele andere fliehen musste, kam er über das Erstaufnahmelager in Gießen nach Biedenkopf. Er absolvierte dort den Basiskurs B-1 in Deutsch, anschließend schloss sich für ihn gleich eine Einstiegsqualifizierung bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf an, die dann in eine Ausbildung mündete.

Sparkasse „ist wie eine Familie für mich“

„Ich wollte unbedingt zur Sparkasse, weil ich hier als Asylbewerber gleich ein Konto bekommen habe – anders als bei anderen Geldinstituten“, sagt Abdelkarim Al Hassan, der am Anfang in seinem Bekanntenkreis aber auf Skepsis stieß: „Das schaffst du nie“ und ähnliche Sprüche musste er sich anhören. Er selbst sagte sich: „Das ist zwar schwer, aber nicht unmöglich.“

In seinem Wohnort Biedenkopf ist Al Hassan längst integriert: Er spielte zwei Jahre bei den Schlossfestspielen in Biedenkopf Theater. „Von daher kenne ich viele Leute“, berichtet er.

Und über die Sparkasse sagt er: „Das ist wie eine Familie für mich.“ Diese euphorische Einschätzung hat sicher damit zu tun, dass andere Auszubildende der Sparkasse sich seiner und anderer Flüchtlinge annahmen und mit ihnen praxisnahe Übungen bis hin zu einem Praxistag veranstalteten. Denn Al Hassan ist zwar der erste, aber inzwischen nicht mehr der einzige Geflüchtete, der bei der Sparkasse eine Ausbildung absolviert. Das Institut bietet seit 2016 pro Jahr ein bis drei Geflüchteten eine zwölfmonatige Einstiegsqualifizierung und bei erfolgreichem Abschluss eine Ausbildung zum Bankkaufmann an.

„Schwer, aber nicht unmöglich“

Als Kundenberater in verschiedenen Geschäftsstellen des Geschäftsbereichs West muss sich Abdelkarim Al Hassan im Versicherungs- wie im Kreditgeschäft ebenso auskennen wie im Onlinebanking. „Anspruchsvoll und abwechslungsreich nennt er seinen Job“, und er ist dankbar dafür, dass die Sparkasse Marburg-Biedenkopf ihm weitere Fortbildungsmöglichkeiten anbietet.

Unter anderem will er einen Kurs besuchen, der ihm helfen soll, seine Aussprache weiter zu verbessern. „Ich sage nie: Jetzt habe ich alles erreicht“, sagt Al Hassan, „sondern nehme mir vor, mich in meiner Situation zu entwickeln.“

Seine Familie hat Abdelkarim Al Hassan seit Jahren nicht gesehen, sie lebt in der Türkei. „Natürlich vermisse ich meine Heimat und meine Familie“, sagt er, der seine Familie nicht besuchen darf, „aber mein Leben läuft weiter.“ Und irgendwann, so hofft er, gibt es vielleicht doch ein Wiedersehen. Und auch hier gilt sein Motto wie bei der Berufswahl: „Schwer, aber nicht unmöglich.“

Gütesiegel „Interkulturelle Vielfalt Leben“

Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf hat das Gütesiegel „Interkulturelle Vielfalt Leben“ von Stadt Marburg, Landkreis Marburg-Biedenkopf und der Universität Marburg erhalten. Das Gütesiegel „Interkulturelle Vielfalt Leben“ stellt eine Auszeichnung dafür dar, dass Gleichberechtigung und interkulturelle Vielfalt in Organisationen gelebt werden. Das Herzstück ist ein Fragebogen.

Arbeitgeber werden befragt, wie sie den Übergang und das Ankommen der Menschen mit Migrationshintergrund im Unternehmen unterstützen, inwieweit Ressourcen und Fähigkeiten der Menschen in der Organisation gestärkt und entwickelt werden und wie faire und solidarische Zusammenarbeit in der Organisation gestaltet wird.

„Die Sparkasse hat konkrete Projekte. Instrumente und Methoden implementiert, um die Inklusion von Menschen mit Migrationshintergrund zu fördern“, heißt es in der Laudatio.

Im Unternehmen seien Fremdsprachendatenbanken implementiert, in der Mitarbeitende erfasst werden, um Sprechstunden anzubieten. Fremdsprachenkenntnisse werden generell im Kundenkontakt als äußerst wertvoll erachtet.

Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf hat bei ihrer ersten Teilnahme bereits drei Gütesiegelsterne erhalten.

Von Till Conrad

19.09.2020
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