Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Borowka: Gefährdet bis ans Lebensende
Marburg Borowka: Gefährdet bis ans Lebensende
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:16 17.05.2019
Uli Borowka schrieb nach seiner Lesung viele Autogramme auf seinen Büchern und Karten. Berührungsängste gab es keine.  Quelle: Katja Peters
Marburg

Die Eröffnung der Suchthilfetage sorgte bei Uli Borowka für Falten auf der Stirn. Gesundheitsamtsleiterin Dr. Birgit Wollenberg informierte am Rande von über 80 000 Masern-Erkrankten in 2018 europaweit, von denen 70 gestorben seien. Der Ex-Fußball-Profi und trockene Alkoholiker konterte: „Warum redet eigentlich niemand darüber, dass im gleichen Zeitraum 74 000 Menschen an Alkohol allein in Deutschland gestorben sind?“ Damit war er mittendrin im Thema.

Bevor er auch nur ein Wort aus seinem Buch „Volle Pulle“ vorlas, machte er sich Luft. Unter­ anderem über gescheiterte ­Aktionen und mangelndes ­Engagement der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler: „Ich hoffe, sie bekommt viele Stimmen bei der Europawahl.“

Er erzählte, dass er eine Kiste­ Bier, eine Flasche Wodka und ­eine Flasche Korn täglich trank. Dass er dazu noch Medikamente nahm – Tabletten, Spritzen. Dass er manchmal 32 Stunden am Stück gezockt hatte, um Geld für seine Miete, für Essen zu verdienen. „Ich war mal Millionär, aber ich hatte keine Lebensqualität.“ Das wäre jetzt anders. 

Zitat

„Jeder Tag, den ich trocken bin, ist für mich wichtiger als jeder Titel.“ Uli Borowka, trockener Alkoholiker

1996 im März hatte der Ex-Fußball-Profi seinen Tiefpunkt. Den beschreibt Uli Borowka in seinem Buch als allererstes und liest ihn auch in Marburg vor den etwa 100 Zuhörern vor, darunter Ärzte, Therapeuten, aber auch Fans, trockene Alkoholiker, ehemalige Drogensüchtige, viele Interessierte.

In seiner 250-Quadratmeter-Villa gab es damals nur noch eine Matratze, eine Kühlzelle voller Alkohol und ein Karton mit Medikamenten. „Ich schütte die Tabletten ins Glas. Eine Handbreit Schmerzmittel und Schlaftabletten vermengt mit Rotwein und Bier. Ich nehme das Glas und leere es in einem Zug. Mein Name ist Uli Borowka und ich werde mir jetzt das Leben nehmen“, liest er vor.

Damals war er 33 Jahre alt und gerade bei Werder Bremen aus dem Kader geflogen. Im Marburger Capitol ist es still, Uli Borowka holt tief Luft und gibt zu: „Ich habe noch immer beim Lesen einen Kloß im Hals.“ Er ist gefährdet bis an sein Lebensende, und er kann es nicht verstehen, dass es Leute gibt, die ihm Alkohol in sein Glas kippen. „Auf Veranstaltungen lasse ich mein Glas niemals aus den Augen!“

Vier Monate war er anschließend in Bad Fredeburg zur Entgiftung. Während der Lesung zitiert er aus seinem Tagebuch, das er führen musste und ihm auch heute manchmal noch hilft, neben der Werkelei an der Werkbank in der Garage, wo er alte Möbel und Lampen restauriert. „Ich brauche das, zum Runterkommen.“ 

Suchthilfetage

18. Mai, 11 Uhr, Marktplatz: „Flaschenmob“ – Aktionen von und mit Akteuren der Suchthilfe und -prävention.
21. Mai, 20 Uhr, Capitol: Kinovorstellung „Beautiful Boy“.
23. Mai, 20 Uhr, Capitol: Kino-vorstellung „You kill me“.
3. Juni, 15 Uhr, Rathaus: Vernissage mit dem Cartoonisten „hennes“ – Cartoons über Sucht und Abhängigkeit.

Dass ihn die Lesungen­ Kraft kosten, genauso wie sein Engagement in seinem Verein für Suchtprävention und Suchthilfe, das merkt an diesem Abend jeder. 19 Prozent der Menschen, denen er hilft, sind alkoholkranke Fußball-Profis aus allen Ligen Deutschlands, 20 Prozent sind psychisch krank. „Druck, ­Hektik, Stress“, zählt er Suchtgründe auf.

Als ein Zuhörer in aller Öffentlichkeit zugibt, dass er schon fast 30 Jahre ein Suchtproblem hat und nicht weiß, wie er da rauskommen soll, sagt Uli ganz selbstverständlich: „Du kommst nachher zu mir, ich gebe
dir meine Telefonnummer.“ Applaus von allen Besuchern.

Die 16 „sensationellen Jahre“ als Fußballprofi in Mönchengladbach, Bremen und als Nationalspieler will er nicht missen, aber: „Jeder Tag, den ich trocken bin, ist für mich wichtiger als jeder Titel.“

von Katja Peters