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Marburg Erinnerung an die Opfer der Marburger Jäger
Marburg Erinnerung an die Opfer der Marburger Jäger
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10:58 28.08.2021
„Verblendung“ steht in Großbuchstaben auf der Gedenkinstallation des Künstlers Heiko Hünnerkopf im Marburger Schülerpark.
„Verblendung“ steht in Großbuchstaben auf der Gedenkinstallation des Künstlers Heiko Hünnerkopf im Marburger Schülerpark. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Das Jägerdenkmal im Schülerpark wird umzingelt: In Großbuchstaben steht „Verblendung“ auf dem Kunstwerk des Künstlers Heiko Hünnerkopf. Darunter liest man die Worte „Zur Erinnerung an die Opfer der Marburger Jäger“. Von der neuen Installation wird das aus dem Jahr 1923 stammende Kriegerdenkmal zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkriegs aus den Reihen der Marburger Jäger mit halbkreisförmig angeordneten Winkelprofilen aus Stahl umstellt.

Hünnerkopfs politisches Kunstwerk war im Jahr 2016 nach einer vorangegangenen jahrelangen Diskussion vom Marburger Stadtparlament in Auftrag gegeben worden. Nach der Erteilung des Zuschlags im Jahr 2017 hatte es aber noch einige Jahre gedauert, bis die von dem Künstler aus Wertheim konzipierte Gedenkinstallation errichtet wurde.

„Kritischer Dialog statt Vergessen: Die Marburger Jäger waren im 19. und 20. Jahrhundert unter anderem an der Ermordung der Herero und Nama in Namibia und an Kriegsverbrechen in Belgien beteiligt“: So wird die Mitteilung der Stadt Marburg zur Eröffnung der Gedenkinstallation im Marburger Schülerpark eingeleitet. Die von der Stadt in Auftrag gegebene Installation von Heiko Hünnerkopf setze einen Kontrapunkt zu dem im Park befindlichen Jägerdenkmal und solle zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anregen, heißt es weiter in der Mitteilung.

Die Installation hält Abstand und lässt das eigentliche Denkmal zwar physisch unberührt – greift aber optisch ein: Die stabförmigen Winkelprofile aus Stahl sind in zwei Halbkreisen vor der Säule installiert. „Sie gewähren nur bruchstückhafte Einblicke auf den Ort, je nach Blickwinkel mal offener, mal geschlossener“, schreibt Künstler Hünnerkopf auf seiner Homepage über die Gedenkinstallation. Seine Installation blende den Ort des „Heldengedenkens“ aus und stehe „in direkter Konfrontation mit dem Denkmal“, fügt er an. „So wie die Opfer und ihre Angehörigen vor den Bruchstücken ihres Lebens stehen, so sieht der Betrachter lediglich Fragmente des Denkmals.“

Studie zur Geschichte der Marburger Jäger

Auf der Rückseite der Winkelprofile sind Erinnerungstafeln angebracht. Sie informieren laut städtischer Pressemitteilung über die Opfer des Hessischen Jägerbataillons Nr. 11 und umfassen fünf Themen: den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 mit Niederschlagung der Pariser Kommune; die Kolonialkriege in China 1900/01 mit Niederschlagung des Boxeraufstands; Einsätze in Südwestafrika von 1904 bis 1907 mit der Ermordung von Herero und Nama in Namibia; 1914 war die Einheit an Kriegsverbrechen in Dinant in Belgien beteiligt und 1919 am Massaker an Arbeitern in Königshütte in Polen.

Im Auftrag des Stadtparlaments hatte die Marburger Geschichtswerkstatt eine Studie zur Geschichte der Marburger Jäger erarbeitet, die 2013 im Rathaus-Verlag veröffentlicht wurde. 2016 folgte dann der politische Beschluss, dem Gedenken an die Opfer „einen sichtbaren, materiell fassbaren, künstlerischen Ausdruck“ zu geben. Die Stadt schrieb daraufhin einen internationalen Wettbewerb aus. Bis zum Bewerbungsschluss im Dezember 2017 waren 55 Bewerbungen aus Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich und Namibia eingegangen. Eine neunköpfige Jury traf eine Vorauswahl. Aus acht Entwürfen wurde die Konzeption von Heiko Hünnerkopf ausgewählt. Schon im vergangenen Jahr war das politische Denkmal fast fertiggestellt. Doch dann verzögerte sich die offizielle Einweihung noch um ein Jahr. Aber jetzt ist es in der kommenden Woche so weit.

Die Installation wird am Weltfriedenstag, am 1. September, um 17 Uhr offiziell an die Stadtgesellschaft übergeben. Die Einweihung findet statt am Denkmal im Ludwig-Schüler-Park. Interessierte sind herzlich eingeladen, um Voranmeldung unter kultur@marburg-stadt.de wird gebeten – die Anzahl der Teilnehmer ist begrenzt, es gelten die Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie.

Von Manfred Hitzeroth

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