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Marburg Gedenken an Deportation Marburger Juden
Marburg Gedenken an Deportation Marburger Juden
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21:31 06.10.2021
30 Menschen gedachten an der Waggonhalle der Deportation Marburger Juden.
30 Menschen gedachten an der Waggonhalle der Deportation Marburger Juden. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Theo und Blanka Nathan haben am 25. Juli in Merzhausen standesamtlich geheiratet, die religiöse Feier fand zehn Tage später in der Marburger Synagoge statt. Das Paar feierte mit 21 Personen in dem jüdischen Café Blumenfeld, das sich damals in der Bahnhofstraße 27 befand. 21 Personen feierten in dem Café Blumenfeld, das bald darauf, im Mai 1938, arisiert wurde.

Blanka und Theo reisten unmittelbar nach der Hochzeit nach Palästina aus. Aber es existiert ein Hochzeitsfoto von der Feier im Café Blumenfeld, und die Geschichtswerkstatt hat durch ihr Mitglied Barbara Wagner die Menschen auf dem Foto identifizieren lassen. Mindestens neun der auf dem Foto abgebildeten 21 Personen wurden von den Nationalsozialisten ermordet. In Sobibor, Treblinka, in Auschwitz und Theresienstadt. Kein einziger der Nachfahren der Mordopfer lebt heute noch in Hessen.

So berichtete es am Dienstagabend Elisabeth Auernheimer, die Vorsitzende der Geschichtswerkstatt, bei der Gedenkfeier für die von den Nazis deportierten Juden. Knapp 30 Menschen gedachten auf dem Waggonhallengelände, gegenüber von Gleis 5 des Marburger Hauptbahnhofs, dem Ort, von dem am 6. September 1942 die letzten von insgesamt 265 Menschen jüdischen Glaubens mit der Reichsbahn in die Todeslager verschleppt worden sind.

Barbara Wagner will die Geschichte in Buchform veröffentlichen, „mit großem Aufwand hat sie Lebensdaten und Bilder zusammengetragen“, sagt Auernheimer. Das Buch soll im kommenden Jahr veröffentlicht werden, wenn die Nachfahren von Blanka und Theo nach Marburg kommen können; im Moment wird dies durch Corona verhindert.

Zu den Nachfahren gehört Gad Nathan. „In den 60er Jahren fand sein Bemühen um die Vergangenheit in Lohra und Marburg keinen Widerhall“, sagte Auernheimer, erst in jüngerer Zeit kümmerte sich die Geschichtswerkstatt um die Geschichte; getreu ihrem Motto „Grabe, wo du stehst!“. „Es ist eine ganz besondere Angelegenheit, wenn Nachkommen von Vertriebenen oder sogar Getöteten auf der Suche nach ihren Wurzeln zu uns kommen“, so Auernheimer.

Für Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies ist die Lehre aus der Geschichte, dass in Marburg kein Platz für Rechtsradikalismus, Homophobie und andere Formen von Menschenfeindlichkeit sein darf. In der gemeinsamen Trauer und dem Mitgefühl sei man in Marburg vereint in dem Willen, dass so etwas wie Deportation und Tod nicht noch einmal passieren dürfen.

Dekan: Hellwach bleiben

Dekan Burkhard zur Nieden mahnte, man dürfe die Einzigartigkeit der Shoah nicht relativieren, sondern müsse hellwach bleiben. „Es ist eine schreckliche Erinnerung an unfassbare Verbrechen unserer Vorfahren, die an diesem Ort begangen wurden.“ Das Ziel sei gewesen, dass die Opfer vergessen werden. „Das dürfen wir nicht zulassen.“

Asmah El-Shabessy sprach für die Islamische Gemeinde Marburg. Sie erinnere daran, wie feige eine Gesellschaft war, die den Genozid an den Juden zugelassen habe. „Ähnliche Kräfte wie damals bekommen heute wieder Aufwind“, sagte sie, und: „Was nützt die Erinnerung, wenn sie nicht ermahnt? Wir müssten heute alle unsere Stimme erheben, wenn Unrecht geschieht.“

Amnon Orbach, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde und Marburger Ehrenbürger, sang anschließend ein Kaddish, ein jüdisches Gebet.

Für die besondere Atmosphäre dieses Ortes sorgten Personenzüge der Bahn, die Passagiere von einem Ort zum anderen brachten. Dem ein oder anderen lief am Dienstagabend dabei ein kalter Schauer über den Rücken.

Von Till Conrad