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Marburg Gedämpfte Stimmung im Handwerk
Marburg Gedämpfte Stimmung im Handwerk
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20:08 09.02.2022
Der Geschäftsklimaindex bei den personenbezogenen Dienstleistungen, zu denen auch die Friseure gehören, fiel um fast 15 Punkte auf knapp 70 Zähler.
Der Geschäftsklimaindex bei den personenbezogenen Dienstleistungen, zu denen auch die Friseure gehören, fiel um fast 15 Punkte auf knapp 70 Zähler. Quelle: Armin Weigel
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Kassel

Ernüchterung im heimischen Handwerk: Nachdem die Stimmung im Herbstquartal noch überwiegend positiv war, hat sie sich nun wieder ein wenig eingetrübt. Der Geschäftsklimaindex hat laut Mitteilung der Handwerkskammer Kassel knapp zehn Punkte im Vergleich zum Herbst eingebüßt, fällt auf 101,7 Punkte.

Entsprechend kommentiert Frank Dittmar, Präsident der Handwerkskammer Kassel: „Die konjunkturelle Erholung im nord-, ost- und mittelhessischen Handwerk hat zum Jahresende an Fahrt verloren. Erneute Corona-bedingte Einschränkungen, aber auch die weiterhin bestehenden Lieferengpässe und Preissteigerungen bremsten die wirtschaftliche Entwicklung in Teilen des Handwerks aus.“

Laut Dittmar schätzen die Befragten ihre aktuelle Lage zwar erheblich besser ein als im schwachen Winter-Quartal des Vorjahres, „gegenüber dem Herbstquartal gab es jedoch wieder eine deutliche Ernüchterung”.

Insgesamt 41,9 Prozent der Befragten 810 befragten Betriebe gaben der aktuellen Geschäftslage für die Monate Oktober, November und Dezember die Note „gut“ – im Quartal zuvor waren das noch 47,4 Prozent gewesen. Die Anzahl der „Schlecht“-Meldungen stieg im gleichen Zeitraum von 17,5 auf 21,2 Prozent. Und: Gut ein Viertel der Betriebe befürchten eine Verschlechterung – im Herbst waren das noch 18,1 Prozent. Dem gegenüber erwarten nur 11,4 Prozent eine Verbesserung Ihrer Geschäftslage – nach 13,9 Prozent im Vorquartal.

„Die konjunkturelle Zweiteilung im Handwerk setzte sich im Winterquartal weiter fort. Die nach wie vor intakte Baukonjunktur ist geprägt von ausreichenden Auftragsreserven und hohen Kapazitätsauslastungen. Sie stabilisiert zwar die Situation, das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht in allen Teilen des Handwerks gut läuft”, erläutert Dittmar.

Hintergrund: Die Methodik

Vierteljährlich befragt die Handwerkskammer Kassel 810 repräsentativ ausgewählte Betriebe aus Nord-, Ost- und Mittelhessen zur aktuellen Konjunkturentwicklung. Dabei werden sowohl weiche Indikatoren (zum Beispiel die Geschäftslageeinschätzung) als auch harte Indikatoren (Auftragseingänge, Umsätze, Beschäftigte, Investitionen und mehr) abgefragt. Das Geschäftsklima errechnet sich aus dem geometrischen Mittelwert der Umfrageergebnisse zur Geschäftslage und zu den Erwartungen.

Das Handwerk im Kammerbezirk Kassel beschäftigt nach eigenen Angaben rund 93.500 Mitarbeiter in mehr als 17.000 Betrieben, bildet ungefähr 7.300 junge Menschen aus und erwirtschaftet einen Umsatz von 9,7 Milliarden Euro.

Die Lage im privaten Dienstleistungsgewerbe und im Kfz-Handwerk bleibt schwierig. Ein erheblicher Teil der hier Befragten war mit der Auftrags- und Erlössituation sehr unzufrieden. Auch für die kommenden Monate wurde keine durchschlagende Besserung erwartet. Die Betriebe im Lebensmittelhandwerk waren mit dem Jahresendquartal überwiegend zufrieden, ebenso die industriellen Zulieferer, die sich weiter konsolidieren konnten.

Zum Vergleich: Das Bauhauptgewerbe hat einen Auftragsbestand von 13 Wochen, die Betriebsauslastung beträgt 85,5 Prozent, der Geschäftsklimaindex liegt bei 116,8 Zählern – nach 127 Punkten im Vorquartal. Im Ausbaugewerbe liegt der Auftragsbestand bei gut zehn Wochen, die Auslastung bei 86,6 Prozent, der Klimaindex fiel von 125,1 Punkten im Herbst auf 119,4 Punkte. Ganz anders stellt sich die Lage im Kfz-Handwerk dar: Die Auslastung der Betriebe beträgt lediglich 68,4 Prozent, der Klimaindex sank von 84,5 auf 78,9 Punkte.

Und auch bei den personenbezogenen Dienstleistungen – also etwa den Friseuren, den Schuhmachern, Schneidern oder Kosmetikern – liegt die Betriebsauslastung bei 60,7 Prozent, der Auftragsbestand bei knapp drei Wochen – und der Klimaindex sank von 84,9 auf 69,9 Zähler.

Die Auftragseingänge haben sich laut Handwerkskammer „jahreszeitüblich entwickelt“. Bei 66,5 Prozent der Betriebe blieben die Ordereingänge konstant oder stiegen. Vor einem Jahr lag dieser Wert bei 59,8 Prozent, im Vorquartal bei 76,3 Prozent. Auch bei der Umsatzentwicklung zeigte sich ein gemischtes Bild: Insgesamt 28,1 Prozent der Betriebe verzeichneten Umsatzrückgänge – nach 25,8 Prozent im Herbst. Mehrumsätze erzielten 28,1 Prozent der Befragten – im Vorquartal waren das noch 24,9 Prozent. Im Kfz-Gewerbe und bei den privaten Dienstleistern gingen dagegen bei mehr als 40 Prozent der Befragten die Umsätze zurück.

„Die Materialengpässe werden unsere Betriebe wohl auch in diesem Jahr weiter begleiten. Auch die hohe Preissteigerungsrate und fragwürdige politische Entscheidungen, wie der Stopp der KfW-Förderung für energieeffizientes Bauen, könnten den Konsum bremsen – zum Nachteil für weite Teile des Handwerks”, bilanziert Kammerpräsident Dittmar die Winterumfrage im Handwerk.

Von Andreas Schmidt

09.02.2022
09.02.2022