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Marburg Geburtenzahlen knicken ein: Wie Corona auf Kita-Planungen wirkt
Marburg Geburtenzahlen knicken ein: Wie Corona auf Kita-Planungen wirkt
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15:58 14.05.2021
Erste Daten zeigen, dass die Zahl der in Marburg geborenen Kinder in diesem Jahr stark abnehmen wird. Das wirkt sich perspektivisch auch auf die Auslastung der Kitas aus.
Erste Daten zeigen, dass die Zahl der in Marburg geborenen Kinder in diesem Jahr stark abnehmen wird. Das wirkt sich perspektivisch auch auf die Auslastung der Kitas aus. Quelle: Foto: Uwe Zucchi/dpa
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Marburg

Einbruch bei den Geburtenzahlen in Marburg: In der ersten Jahreshälfte 2021 sind in der Universitätsstadt deutlich weniger Kinder auf die Welt gekommen als in der Vergangenheit. Die Prognose des Jugendamts geht davon aus, das es bis Ende des Jahres weniger als 500 Neugeborene werden. „Wir verzeichnen einen erheblichen Rückgang, mutmaßlich schlagen Zukunftsangst und Wirtschaftssorgen durch“, sagt Werner Meyer, Jugendhilfeplaner.

Dabei liegt die Zahl der Babys seit dem Jahr 2015 eigentlich konstant über 600 pro Jahr, so vielen wie seit den 1990er Jahren nicht mehr. Doch das Jugendamt geht davon aus, dass die anhaltende Corona-Pandemie wie eine Wirtschaftskrise wirkt und die Neugeborenenzahlen daher zumindest vorübergehend deutlich sinken. Als Blaupause gilt das Jahr 2009, in dem die Zahl um mehr als zehn Prozent auf 523 fiel, im Folgejahr dann aber wieder entsprechend stieg. Bereits im Jahr 2020 gab es mit nur noch 580 Mädchen und Jungen zwei Dutzend Neugeborene weniger als im Vorjahr. Wichtig ist der Trend für die städtische Planung von Kinderbetreuungs-Plätzen.

Bis zu 150 neue Betreuungsplätze in 2021

Meyer skizziert im Jugendhilfeausschuss, was auf die Kita-Landschaft zukommen wird: „Die Schwankungen bei den Belegungszahlen werden groß, das System wird flexibler werden müssen.“ Es habe auch bei den kinderreichen Stadtteilen seit dem Jahrtausendwechsel eine „deutliche Trendumkehr“ gegeben, mittlerweile seien das nicht mehr die dörflichen Außenstadtteile und städtischen Randbereiche wie Marbach, Cappel oder Wehrda, sondern Kernstadt und die ihr nahen Bezirke. Um 20 Prozent ist die Zahl der Innenstadt-Kinder in den vergangenen Jahren gewachsen. „Der Druck auf das Zentrum, den dortigen Kitaplatz-Bedarf ist hoch“, sagt Meyer und verweist auf die grundsätzlich seit Jahren steigende Belegungsquote im Krippenbereich.

Im laufenden Jahr soll es nicht zuletzt wegen des steigenden Bedarfs – Kita-Leiter verweisen auf akute Engpässe am Richtsberg – bis zu 150 neue U3- und Kindergartenplätze geben; vor allem aber kernstadtnah, etwa im Wehrdaer Diakonie-Komplex. Wieso nicht am Richtsberg? Meyer: Der nun verzeichnete Geburtenrückgang gehe auch stark auf diesen Stadtteil zurück, was ab 2023/2024 eher zu weniger Belegung in den Bestandseinrichtungen führen werde. Anderswo werde es wegen der sich wandelnden Stadtteil-Struktur eher mehr oder größere Gruppen brauchen – und sowieso personelle wie inhaltlich-qualitative Verbesserungen, etwa klare Bewegungs- oder Sprachförderungs-Schwerpunkte.

Verhaltene Kritik von Trägern

Verhaltene Kritik am jüngsten Kita-Bericht kommt von Birte Schlesselmann, Trägerbeauftragte der evangelischen Einrichtungen: „Der Bedarf erscheint mir zu knapp berechnet.“ In der Praxis sei es so, dass nicht nur die Nachfrage an Integrationsplätzen steige, sondern das diese für das Personal grundsätzlich arbeitsintensiver seien, die tatsächlich verfügbare Platzzahl in einer Einrichtung „faktisch reduzieren“. Ähnliches gelte für die Nachmittagsbetreuung, deren Inanspruchnahme „noch viel stärker ist, als in Konzepten festgehalten“. Personalbedarf zu flexibilisieren und Stadtteile je nach Bedürfnissen auszustatten, sei indes „der absolut richtige Weg“. Skeptischer sieht sie, wie auch Astrid Mergel-Diehl vom „Weißen Stein“ den deutlichen Ausbau der Waldkindergarten-Plätze, der mehr als 30 Prozent aller zuletzt in Marburg geschaffenen Betreuungsmöglichkeiten ausmache. „Das ist ein Angebot, das wegen seiner vielen Besonderheiten nicht überhandnehmen sollte.“

Angela Stefan, städtische Kinderbetreuungs-Leitern, erklärt: „Sie schaffen Effekte zur Platz-Entzerrung. Jedes Waldkita-Kind macht einen Platz in Regeleinrichtungen frei.“ Marina Dörnemann, Waldkindergarten-Geschäftsführerin, wirbt für das Modell: „Es gibt einen Riesenbedarf und unsere Gruppen sind schnell eingerichtet. Nicht für alle Eltern passt das Konzept mit dem dauerhaften Draußensein, aber die Wartelisten sind lang.“

Insgesamt gibt es in Marburg aktuell mehr als 3 100 Betreuungsplätze für 0- bis 6-Jährige, rund zehn Prozent bei Tagespflegepersonen. Interessant: Vor 25 Jahren gab es im Kindergartenbereich nur unwesentlich weniger Plätze (2130), jedoch kaum eine Ganztagsbetreuung – und für Unter-Dreijährige gab es praktisch kein Angebot in der Stadt, wie Meyer sagt.

Von Björn Wisker

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