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Marburg „Geburten lohnen sich einfach nicht mehr“
Marburg „Geburten lohnen sich einfach nicht mehr“
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00:17 01.06.2019
Die Stadtverordneten haben einen Beschluss zum Ende der Geburtsstation des Diakoniekrankenhauses in Wehrda gefasst. In dem Antrag kritisieren sie unter anderem, dass sie im Vorfeld keine Informationen über die Schließung erhalten – und von der Entscheidung erst aus der Oberhessischen Presse erfahren haben. Quelle: Tobias Kunz
Marburg

Jedes zweihundertste Kind liegt im Mutterleib in der Querlage, sagt Andrea Suntheim-Pichler. Ihr Sohn Paul sei eines dieser Babys gewesen. „Manchmal sterben Mutter und Kind dabei“, sagt die Fraktionsvorsitzende der Bürger für Marburg. Dank der „familienorientierten und undogmatischen“ Arbeitsweise der Geburtsstation im Diakoniekrankenhaus in Wehrda blieben sie und ihr Sohn unversehrt. Paul kam bei einem Kaiserschnitt zur Welt.

Suntheim-Pichler war eine von vielen Stadtverordneten, die eine persönliche Geschichte zum Wehrdaer Krankenhaus am Freitag bei der Parlamentssitzung erzählte. Durch die Schließung von Geburtshilfe und ­Gynäkologie werde Eltern in der Region eine wichtige Wahlmöglichkeit genommen, waren sich alle Fraktionen einig. Gemeinsam beschlossen sie in einem Dringlichkeitsantrag, dass sie Druck machen wollen, um die Geburtsstation eventuell doch noch zu retten.

Hintergrund

Der Deutsche Gemeinschafts-Diakonieverband (DGD) als Eigentümer des Wehrdaer Krankenhauses hatte Anfang Mai die Schließung der Frauenklinik zum Jahresende angekündigt. Grund: Eine – im Gegensatz zum Uni-Klinikum auf den Lahnbergen – mit rund 650 Kindern pro Jahr sinkende Geburtenzahl sowie die finanzielle Belastung aus steigenden Haftpflichtversicherungsprämien seien nicht mehr zu stemmen. Kurz: „Wirtschaftlicher Druck“, der „nicht mehr zu kompensieren“ sei.

Den Magistrat beauftragten sie damit, dass er Gespräche mit den Akteuren aufnimmt, um auszuloten, inwieweit die Station erhalten werden kann. Dabei soll zunächst egal sein, ob der Diakonieverband Träger bleibt oder beispielsweise das Uni-Klinikum lediglich die vorhandenen Räume in Wehrda nutzt. Des Weiteren soll der Magistrat an die Bundes- und Landesregierung appellieren, verschiedene Verträge und Ordnungen so umzugestalten, dass Hebammen ihre Tätigkeit gleichermaßen in einem krankenhäuslichen Arbeitsverhältnis wie als freien Beruf ausüben können. „Es ist leider so, dass unser Gesundheitssystem invasive Eingriffe belohnt“, sagte Dr. Elke Neuwohner (Die Grünen). Alexandra Klusmann (SPD) brachte es auf den Punkt: „Geburten lohnen sich einfach nicht mehr.“

Wohlwollend nahmen die Stadtverordneten zur Kenntnis, dass das Uni-Klinikum ­zugesagt hat, das Versorgungsloch zu stopfen. „Das muss aber erst einmal organisiert werden“, sagte Neuwohner. Roland Böhm (Die Linke) war da optimistischer. „650 mehr sind nicht mal zwei pro Tag. Das sollte machbar sein“, sagte er.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies will vor allem die Landesregierung in die Pflicht nehmen. Es sei Aufgabe des Landes, dass Krankenhausstationen im Land fair verteilt sind. Hessen habe aber seit 15 Jahren keine gemeinsame Krankenhausplanung mehr gemacht. Man dürfe dies nicht den Marktmechanismen überlassen, sagte Spies. Gebe es eine landesweite Planung, seien auch Budgetanpassungen möglich.

Roger Pfalz (CDU) sagte, dass man die kaufmännische Entscheidung der Diakonie respektieren müsse. Schließlich werde so versucht, das Krankenhaus als Ganzes zu erhalten. Politischer Druck sei das eine, Geld das andere, so Pfalz. „Wenn wir darüber reden, die Station zurückzuholen, reden wir über Geld“, sagte der CDUler, „das die Stadt, der Kreis oder wer auch immer aufbringen muss“.

von Tobias Kunz