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Marburg Katharina Plutz wird 100 Jahre alt
Marburg Katharina Plutz wird 100 Jahre alt
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14:10 04.12.2019
Katharina Plutz strahlt, weil ihre Familie samt 
dem sieben Wochen alten Urenkel zu ihrem 
100.Geburtstag angereist ist. Quelle: Nadine Weigel
Ockershausen

Katharina Plutz, geborene Seip, feiert heute ihren 100. Geburtstag, und zwar „mit Sang und Klang“, erzählt sie freudestrahlend. Mit allem, was die Ockershäuserin bislang erlebt hat, ist sie sich einer Sache gewiss: „Ich muss nur für alles danken. Es hätte nicht besser gehen können!“

Im Jahr 1919 erblickt Plutz im Ockershäuser Elternhaus an der Ecke Ockershäuser Schulgasse/Stiftstraße das Licht der Welt – das alte Ockershausen war damals noch eine eigene Gemeinde. Während ihrer Schullaufbahn an der heutigen Alten Schule übersprang Plutz sogar eine Klasse und lernte anschließend drei Jahre lang den Beruf der Krankenpflegerin – wohl selten für damalige Verhältnisse.

Sie wuchs als eines von vier Kindern in einer eher armen Familie mit Landwirtschaft auf, schon vor der Schule stand für Katharina Plutz Feldarbeit an. Während der Hitler-Zeit konnte ihr Vater sie und ihre Schwester wegen Landwirtschaft vom Bund Deutscher Mädel (BDM) reklamieren lassen. „Ich habe meine Schulkameradinnen so beneidet, sie hatten diese schönen Faltenröcke. Heute bin ich froh, dass ich da nicht mitmachen musste!“

"Wir haben meinen Mann genommen."

Die Familie Seip, alteingesessen in Ockershausen, vor allem aber ihre Eltern, hatten Vorstellungen für die Kinder: Die Tochter sollte doch einen Bauern aus dem Ort heiraten. „Ich bin ausgeflippt, ich habe mir einen Bayern genommen“, sagt sie und lacht. Denn im Jahr 1940, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, seien die Soldaten gekommen, „und wer Platz hatte, musste einen nehmen. Wir haben meinen Mann genommen“.

Plutz war damals als Krankenpflegerin an der Marburger Psychiatrie tätig und als sie gerade von ihrer Schicht kam, sah sie den Soldaten, kaum größer als sie selbst, und sagte: „Warum kriegen wir immer so einen kleinen?“

Doch das konnte das Eheglück auch nicht aufhalten. Nachdem Georg Plutz aus englischer Kriegsgefangenschaft zurückgekommen war, verließ Katharina mit ihm sogar Ockershausen – „sehr zum Leidwesen meines Vaters.“ Es folgten Stationen in Georg Plutz‘ Heimat Kelheim, in Mannheim, Wiesbaden und Heidelberg.

Sechs Enkel und zwei Urenkel

Das Eheglück übrigens, hätte länger kaum halten können: „Wir haben alle Hochzeiten gefeiert, die es gibt. Sogar die Kronjuwelenhochzeit für 75 Jahre.“ Den Beruf musste sie mit der Hochzeit an den Nagel hängen: „Als der Mann da war, war es aus.“ Noch 1940 kam dann die erste Tochter, Erika, in 
Ockershausen zur Welt.

Sohn Klaus ist zehn Jahre später dann in Kelheim, Herbert in Mannheim geboren. Sechs Enkel hat Katharina Plutz mittlerweile und zwei Urenkel. Die Ockershäuserin hat bis heute nach eigener Aussage immer in guter Nachbarschaft gelebt.

Schon ihr Vater habe ihr mit auf den Weg gegeben: „Ein guter Nachbar an der Hand ist besser als ein Bruder über Land.“ Plutz weiß noch: Als in der Zeit des Nationalsozialismus die jüdische Familie Stern noch in Ockershausen gelebt hatte, haben sie und ihre Familie diese über den Garten immer mit Lebensmitteln versorgt.

„Sie gehörten doch zur Gemeinde“, sagt Plutz wie selbstverständlich, und: „Ich kann nur jedem empfehlen, gut zu Menschen zu sein.“ Gerne erinnert sie sich daran, wie sie von ihrem Cousin in der Lahn das Schwimmen lernte: Damals habe es große Blechbüchsen für Bonbons gegeben.

"Ich habe eine glückliche Familie."

Ihr Cousin habe den Deckel zugelötet und Gurte an der Büchse befestigt, was ihre Schwimmhilfe war. „Wir hatten ja damals keine Badeanzüge, also bin ich mit Trainingsanzug und der Büchse geschwommen.“

Im Jahr 1964 habe sie mit ihrem Mann Georg Plutz ihr heutiges Haus in der Straße „Roter Hof“ in Ockershausen gebaut. Viele Radtouren führten sie gemeinsam ins Hinterland und jeden Sonntagmorgen ging es los zum Spaziergang. „Mein Mann war ein lustiger Mensch, der konnte eine Gesellschaft unterhalten! Er hat immer gern bayerische Lieder gesungen.“

Noch im Alter von 80 Jahren habe er im Garten einen Handstand gemacht. „Und wenn ich heute nicht schlafen kann, singe ich auch gern mal ein Liedchen“, verrät Katharina Plutz lächelnd. „Ich habe eine glückliche Familie. Ich muss nur für alles danken“, sagt sie und freut sich, heute alle wiederzusehen.     

von Beatrix Achinger