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Marburg Gebündelte Kräfte im Kampf gegen den Krebs
Marburg Gebündelte Kräfte im Kampf gegen den Krebs
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07:58 04.02.2021
Auf einem Monitor ist das Bild von Melanom-Zellen des schwarzen Hautkrebs zu sehen.
Auf einem Monitor ist das Bild von Melanom-Zellen des schwarzen Hautkrebs zu sehen. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa
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Marburg

Seit drei Jahren arbeiten die Krebszentren von UKGM Marburg, Universitätsklinikum Frankfurt und des Frankfurter Krankenhauses Nordwest bereits eng zusammen, um den Aufbau eines hessenweiten onkologischen Netzwerks für eine koordinierte, heimatnahe Patientenversorgung voranzutreiben. Außerdem wollen die drei Kliniken die gemeinsamen Anstrengungen in der Krebsforschung und in klinischen Studien bündeln. Aus diesem Grund hatten sie sich gemeinsam als „Universitäres Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) Frankfurt-Marburg“ auf die Förderung für Exzellenz-Krebszentren durch die Stiftung Deutsche Krebshilfe beworben. Und das mit Erfolg: Das „Comprehensive-Cancer-Center-Konsortium“ hat sich in einer kompetitiven Begutachtung durch ein international besetztes Expertengremium behauptet und wurde nun als „Onkologisches Spitzenzentrum“ ausgezeichnet. Mit der Auszeichnung ist eine Förderung in Höhe von 4,2 Millionen Euro über einen Zeitraum von vier Jahren verbunden.

„Die internationale Gutachterkommission hat dem UCT Frankfurt-Marburg eine ausgezeichnete Versorgungsqualität für Krebspatienten sowie eine führende Rolle in der Krebsforschung bescheinigt“, verkündete Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe.

Versorgung auch im ländlichen Raum

Die Freude war in Marburg gestern groß. „Die Kooperation zwischen Marburg und Frankfurt wird die Versorgung von Krebspatienten nicht nur im urbanen Umfeld, sondern auch hier bei uns im ländlichen Raum auf eine Ebene heben zum Wohle der Patienten“, sagt Professor Harald Renz, Ärztlicher Geschäftsführer am UKGM Marburg. Und Professor Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Frankfurt, stellt fest: „Mit dem Zusammenschluss im UCT Frankfurt-Marburg haben wir den Grundstein für eine strukturierte und zukunftsorientierte Patientenversorgung und Krebsforschung in ganz Hessen gelegt.“

Doch was bedeutet diese Auszeichnung und der Zusammenschluss der Kliniken für die Patienten? „Wir sind nun auch Mitglied im Netzwerk der onkologischen Spitzenzentren mit all seinen Arbeitsgruppen“, erläutert Professor Thomas Wündisch, Direktor des Comprehensive Cancer Center am UKGM. Dort sei Marburg nun vertreten, profitiere von wichtigen Informationen, „und man kann sich auch innerhalb des Netzwerks abstimmen“, so Wündisch.

Brustzentrum soll ausgebaut werden

Zudem gebe es die Möglichkeit, durch die Förderung bestimmte Projekte voranzutreiben. In Marburg sei beispielsweise geplant, das Brustzentrum „wissenschaftlich auf noch breitere Füße zu stellen“, wie Wündisch erläutert.

Insgesamt gehe es darum, „fragestellungsspezifisch wissenschaftlich in den einzelnen Gebieten voranzukommen. Und dann stehen wir immer an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Krankenversorgung – durch das Geld können wir verschiedene Projekte am Standort fördern“.

Für Professor Andreas Neubauer, Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Immunologie am UKGM, steht fest: „Kein Krebszentrum ist perfekt. Aber Ziel ist es, dass wir den Teil unserer Patienten in wissenschaftlich fundierten Studien deutlich erhöhen – und das betrifft hier am Standort vor allem Patienten mit soliden Tumoren.“

Man müsse die Zahl der Studienteilnehmer erhöhen, „denn Patienten, die an einer Studie teilnehmen, profitieren von einer deutlich verbesserten Therapie, ihre Prognose verbessert sich“ – das komme später allen Patienten zugute.

Abgestimmte Leitlinien

Entsprechend eng arbeiten die Standorte in der Therapie von Krebspatienten zusammen: So erfolgt die interdisziplinäre Behandlung nach aktuellen und gemeinsam abgestimmten medizinischen Leitlinien. „Die jahrelange Kooperation im Bereich der Leukämieforschung und gemeinsame klinische Studien haben sich ausgezahlt“, sagt Neubauer. Bei sehr komplexen Befunden oder seltenen Tumoren erfolgt eine umfangreiche genetische Diagnostik, deren Ergebnisse in einer gemeinsamen Konferenz, dem „Tumorboard“, besprochen werden. „Und dann kann geschaut werden, wo es die bestmögliche Behandlung oder eine passende Studie gibt“, so Neubauer. Standortübergreifende Expertengruppen tauschen sich regelmäßig über neueste Entwicklungen aus. Nicht zuletzt werden unterstützende Angebote wie die onkologische Bewegungstherapie standortübergreifend bereitgestellt.

Neubauer ist sich zudem sicher: „Wir müssen die zellulären und immuntherapeutischen Prozeduren dramatisch nach vorne bringen.“ Dabei helfe, dass Frankfurt gute Verbindungen nach Mainz habe. „Und dort gibt es Biontech-Gründer Ugur Sahin, der einer der besten Immuntherapeuten der Welt ist. Mit ihm wollen wir irgendwann mal richtig cool werden auf dem Gebiet der Immuntherapie des Krebses“, sagt Neubauer.

Die Krebspatienten behalten ihre zentrale Anlaufstelle in ihrer behandelnden Klinik in Marburg oder Frankfurt. Sie profitieren aber von erweiterten Behandlungsoptionen und innovativen Technologien, die sich für onkologische Patienten durch die Zusammenarbeit der Krebszentren eröffnen.

Teilnahme an klinischen Studien

So kann Patienten aus Marburg beispielsweise auch die Teilnahme an einer klinischen Studie in Frankfurt angeboten werden – und umgekehrt. Mit dem Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum wiederum stehen Frankfurter Patienten zusätzliche Möglichkeiten in der Strahlentherapie zur Verfügung.

Insgesamt gibt es eine enge Verzahnung mit dem Zentrum für Tumor- und Immunbiologie der Philipps-Universität Marburg und dem Frankfurt Cancer Institute. „Wir haben zusammen fünf Programme für die laborexperimentelle und klinisch-wissenschaftliche translationale Forschung entwickelt und können in der Krebsforschung standortübergreifend auf Expertisen und modernste technologische Plattformen zurückgreifen“, erläutert Wündisch. Die Ausbildung von medizinischen Fachkräften und Wissenschaftlern in der Onkologie werden vernetzt und der Austausch gefördert.

Von Andreas Schmidt

Brustkrebs ist die häufigste Krebsart

Trotz steigender Zahl der Krebsfälle können sich Menschen vor den Erkrankungen schützen. Das ist die Botschaft der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum heutigen Weltkrebstag.
„Keinen Tabak konsumieren, regelmäßig Sport treiben, gesund essen, und zu viel Alkohol vermeiden“, sagte André Ilbawi von der WHO-Abteilung für nicht übertragbare Krankheiten gestern in Genf.

Auch beugten Impfungen gegen Hepatitis B und HPV Krebserkrankungen vor. Zu lange Aufenthalte in starkem Sonnenlicht sollten vermieden werden.
Brustkrebs hat Lungenkrebs im vergangenen Jahr als häufigste Krebsart abgelöst, wie das Internationale Krebsforschungsinstitut (IARC) im Dezember berichtet hatte. 2020 erhielten weltweit 2,3 Millionen Frauen diese Diagnose. Brustkrebs machte zwölf Prozent aller neuen Krebsdiagnosen aus. Die zweithäufigste Krebsart war Lungenkrebs, gefolgt von Darm- und von Prostatakrebs. Die Coronavirus-Pandemie dürfte negative Folgen haben, so die WHO. In vier von sechs Ländern weltweit seien Krebsbehandlungen im vergangenen Jahr zeitweise unterbrochen worden.

Die Zahl von knapp 20 Millionen Krebsdiagnosen 2020 werde bis 2040 wahrscheinlich um 47 Prozent steigen, so die WHO. Grund seien unter anderem das Bevölkerungswachstum, die höhere Lebenserwartung und bessere Diagnosemöglichkeiten. Es stiegen aber auch Risikofaktoren wie Übergewicht und Bewegungsmangel.
Krebs ist nach Angaben der WHO die zweithäufigste Todesursache weltweit, nach kardiovaskulären Erkrankungen. Jeder fünfte Mensch erkranke in seinem Leben an Krebs. Acht Prozent der Männer und elf Prozent der Frauen sterben demnach daran.

dpa

Führende Rolle in der Krebsforschung

„Ich freue mich sehr, dass die internationale Gutachterkommission dem UCT Frankfurt-Marburg eine ausgezeichnete Versorgungsqualität für Krebspatienten sowie eine führende Rolle in der Krebsforschung bescheinigt hat“, erklärt Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn ​(Grüne). „Wir als Land Hessen unterstützen den Aufbau dieser Kooperation in diesem und im kommenden Jahr mit je gut einer Million Euro aus dem Hochschulpakt und haben die Standorte auch in der Vergangenheit bereits massiv unterstützt – es freut mich sehr, dass dieser Einsatz sich auszeichnet.“

„Die Forschung der Philipps-Universität Marburg hat hohe Relevanz für die Krebsmedizin. Ich freue mich, dass die jahrelange Erfahrung unserer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit zukunftsweisenden Therapieansätzen in diesem Bereich nun durch die Auszeichnung als Spitzenzentrum anerkannt wird. Davon profitieren die beteiligten Forschungsteams, aber vor allem auch die Patientinnen und Patienten“, sagt Professor Dr. Katharina Krause, Präsidentin der Philipps-Universität Marburg​. „Ein großer Dank gilt auch dem Land Hessen, dessen Unterstützung eine ganz wesentliche Rolle bei der Schärfung des Marburger Forschungsprofils spielt – nicht zuletzt durch die Mit-Finanzierung des Zentrums für Tumor- und Immunbiologie (ZTI) in Marburg als LOEWE-Schwerpunkt von 2008 bis 2012 mit 5,8 Millionen Euro und des LOEWE-Zentrums Frankfurt Cancer Institute mit 23,6 Millionen Euro 2019 bis 2022.“

Von Andreas Schmidt

03.02.2021
04.02.2021