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Marburg Kurzurlaub im Gebirge
Marburg Kurzurlaub im Gebirge
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18:25 28.07.2020
Eine Schmucktanne im Arboretum. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Urlaub ganz nah“: Das könnte das aktuelle Motto für einen Besuch im Neuen Botanischen Garten auf den Lahnbergen sein, erzählt Corinna Stroetmann. Sie muss es wissen, denn die Mitarbeiterin des Botanischen Gartens der Universität ist dort verantwortlich für das Alpinum, das die einmalige Chance zu einer „Gebirgswanderung“ über mehrere Kontinente hinweg bietet. Der große Vorteil: Das ist an einem Nachmittag möglich und man muss dafür auch keine Flugreise buchen.

Zu sehen sind entlang des Mitte der 70er-Jahre künstlich mit der Aufschüttung von Hügeln angelegten Berg-und Tal-Weges unter anderem eine blühende Bergwiese wie auf der Schwäbischen Alb sowie exotische Blumen, Sträucher, Bäume oder Gräser aus unterschiedlichen Bergregionen, vom Himalaya bis zu den Alpen. „Ein Alpinum ist eigentlich eine Gebirgs-Pflanzensammlung. Es gehörte früher zum Standard in jedem guten Botanischen Garten“, berichtet Corinna Stroetmann. Sie hat 1996 als Mitarbeiterin im Neuen Botanischen Garten in Marburg angefangen und kümmert sich seit 2006 um das Alpinum. Für den Bergfan ist dieser Job eine wahre Leidenschaft. Das wird auf dem Rundgang durch das Areal deutlich, bei dem sie liebevoll und kenntnisreich die Vertreter der vielfältigen Pflanzenwelt beschreibt, die man dort sehen kann.

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Mitarbeiterin Corinna Stroetmann im Alpinum des Botanischen Gartens. Quelle: Thorsten Richter

Vom großen Teich direkt hinter dem Eingang des Gartens aus stößt man schon nach wenigen Metern am Eingang des Alpinums auf Pflanzen aus Süd- und Nordamerika. Es finden sich hier Bäume wie die Felsenbirne aus Nordamerika und andere Pflanzen, die beispielsweise in den Rocky Mountains wachsen, aber auch Blumen wie eine feuerrot blühende Fuchsia aus Chile. Auch einer der häufigsten und beliebtesten Bäume des südamerikanischen Staates hat hier seinen Platz gefunden: die Südbuche. Am Beispiel dieses Baums erklärt Stroetmann ein aktuelles Phänomen. Unter dem Klimawandel und der damit verbundenen letzten zwei heißen und trockenen Sommerphasen leidet der Baum und die Blätter sind jetzt teilweise schon gelb geworden.

„Wir bauen die Natur nach“

Im Südamerika-Abschnitt probiert Stroetmann gerade ein Experiment aus, an dem ein anderer sehr beliebter Baum aus dem Andenstaat Chile beteiligt ist. Sie hat einen aus einem Samen selbst gezogenen drei Jahre alten Setzling des Affenschwanz-Baums (Araucaria araucaria) dort ausgepflanzt. Noch sieht der grüne „Jungspund“ relativ klein und unscheinbar aus. Wie prachtvoll und ungewöhnlich die voll ausgewachsenen Bäume dieser Art sich entwickeln können, kann man momentan übrigens auf dem Weg Richtung Teich direkt hinter dem Haupteingang bewundern. Denn dort steht der wohl im Jahr 1977 angepflanzte Nadelbaum, der durch seine pittoreske Form mit ineinander verschlungenen bizarr aussehenden grünen „Schwanzästen“ beeindruckt. In luftiger Höhe sind dort auch mehrere kokosnussgroße Fruchtkörper zu bewundern, in denen paranuss-ähnliche Nüsse heranreifen.

„Wir bauen die Natur nach“, beschreibt Corinna Stroetmann die Anstrengungen, um Pflanzen aus verschiedenen Berg-Regionen in Marburg zu präsentieren. Dabei sind dem aber natürliche Grenzen gesetzt. So sind die Lahnberge mit etwas mehr als 300 Metern sehr viel niedriger als etwa die Hochebenen in der Himalaya-Region. Und lange Winterabschnitte mit geschlossenen Schneedecken zwischen Oktober und März, wie es sie noch in einigen Bergregionen Asiens oder Südamerikas gibt, sind im oberhessischen Bergland auch Fehlanzeige. Besonders schlecht sind für die Gebirgspflanzen im Marburger Alpinum zwei klimatische Bedingungen, erläutert Stroetmann: Einerseits mögen sie es nicht, wenn es lange Feuchtperioden gibt. Andererseits ist zuviel Kälte auch nicht gut. „Es ist für sie auch schlecht, wenn es minus 15 Grad kalt und es keinen Schnee gibt und dazu viel Sonnenschein“, sagt die Bergpflanzen-Expertin aus dem Botanischen Garten. Das hat eine ganz einfache Erklärung: In den Gebirgsregionen der Welt schützt die Schneedecke normalerweise die Pflanzen im Winter vor extremen Kälteauswirkungen. „Wir haben auch beobachtet, dass es nach schneereichen Wintern im Sommer im Alpinum besser aussieht“, beschreibt Corinna Stroetmann einen interessanten Folgeeffekt. Vor einigen Jahren hatte sie deswegen sogar schon einmal überlegt, mithilfe von Schneekanonen die Bedingungen künstlich zu verbessern. Doch dazu waren die letzten Winterperioden insgesamt zu milde.

Direkt an Nord- und Südamerika schließt sich der Bereich für Neuseeland an. Die Flora der „grünen Insel“ sieht zwar auf den ersten Blick unspektakulär aus, weil es nur einige Blütenpflanzen gibt. Dafür gefallen Corinna Stroetmann vor allem die abwechslungsreichen Strukturen sowie Grün- und Brauntöne der neuseeländischen Büsche, Sträucher und Gräser.

Das Edelweiß stammt nicht aus den Alpen

Einige Überraschungen bietet das Areal für Asien, in dem man beispielsweise eine Art asiatisches Johanniskraut findet. Zudem stellt sich hier heraus, dass das Edelweiß ursprünglich nicht aus den Alpen stammt, sondern aus den Steppen Asiens.

Viel Mühe war bei der Schaffung des Alpinums auch auf den passenden Untergrund verwendet worden. So wachsen die Himalaya-Pflanzen auf Urgestein, für die Pyrenäen-Pflanzen darf es dann Kalk-Untergrund sein. Im großen Alpen-Bereich wachsen die Pflanzen je zur Hälfte auf Kalkboden und zur anderen Hälfte auf Urgestein-Boden (Basalt, Granit).

Zum Abschluss des kleinen Rundgang für die OP kommt Corinna Stroetmann noch zu ihrem Lieblingsabschnitt: der Mittelgebirgswiese auf einem Kalkmagerrasen, die nur einmal im Jahr im Herbst gemäht wird und bis dahin munter vor sich hinwachen darf. Auf diesem extrem mageren Standort, laut Stroetmann vergleichbar mit der Wacholder-Heide, wächst derzeit ein buntes Potpourri aus Pflanzen, von Oregano und Dost bis zum Ackerwachtelweizen.

Vor allem jetzt im Sommer summt und flattert es in dieser Ecke des Botanischen Gartens ganz schön: Denn die Pflanzenwelt stellt ein wahres Paradies für Insekten wie Hummeln bis zu einer Vielfalt von Schmetterlingen wie beispielsweise Tagpfauenauge, Kaisermantel oder Zitronenfalter dar.

Zusammengefasst ist eines klar: Es gibt also im Alpinum wie auch in der anderen Abschnitten wie der Farnschlucht oder dem Arboretum mit seinen vielgestaltigen Bäumen aus aller Welt an einem schönen Sommertag eine ganze Menge zu entdecken.

Das Alpinum im Botanischen Garten

Das Alpinum im Neuen Botanischen Garten ist auf einer Fläche von rund einem Hektar angelegt. Bei der Anlage des Alpinums sind nach Möglichkeit die geologischen Gegebenheiten berücksichtigt worden. Das heißt, dass außer dem Quarzit, der in Form von Findlingen auf den Lahnbergen vorhanden ist, folgende Gesteinsarten beschafft wurden: Quaderkalk aus der Schwäbischen Alb, Wellenkalk aus der Gegend zwischen Lischeid und Winterscheid (Nordhessen), Serpentin und Magnesit aus Kraubath (Steiermark), Hornblende-Granit aus Kirschhausen (Odenwald) und Staurolith-Gneis aus Mömbris (Spessart). Eine ganz besondere Stellung innerhalb dieser verschiedenen Gesteinsarten kommt dem ultrabasischen Serpentin zu. Serpentingestein hat den ungewöhnlich hohen Anteil von 15 bis 40 Prozent an Magnesium (normal sind je nach Boden 0,2 bis 2,1 Prozent) und einen vergleichsweise sehr geringen Kalkanteil, der zudem noch rasch ausgewaschen wird. Durch die meist dunkle Farbe des Gesteins kann sich seine Oberfläche durch intensive Sonneneinstrahlung auf eine Temperatur von 50 bis 60 Grad Celsius und mehr erhitzen. Allein diese beiden Faktoren haben zur Folge, dass sich auf dem Untergrund, der auf der Balkanhalbinsel, aber auch schon in Österreich inselartig anzutreffen ist, eine ganz spezielle Flora angesiedelt hat. Der 20 Hektar große Neue Botanische Garten auf den Lahnbergen gehört zu den größten Gärten in Hessen. In verschiedenen Abteilungen im Freilandbereich sind unter anderem besondere Baumarten, alpine Pflanzen und Gesteine sowie Nutz- und Heilpflanzen zu sehen. Interessierte können auf dem Indianerpfad auf den Spuren der Indianer wandeln und Nützliches über ihre Heilpflanzen erfahren.

In der Sommersaison ist der Garten von 9 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Und es gilt, weil coronabedingt die Gewächshäuser geschlossen sind, der reduzierte Eintrittspreis von zwei Euro für Erwachsene.

Von Manfred Hitzeroth

28.07.2020
28.07.2020