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Marburg Gastwirte fürchten „Bleib-zuhause-Trend“
Marburg Gastwirte fürchten „Bleib-zuhause-Trend“
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17:56 11.05.2020
Renate (von rechts) und Peter Wolf kaufen einen „Coffee to go“ bei Daniel Martinez (La Siesta). Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Marburger Oberstadt eher leblos, Top-Küchen im Landkreis verwaist: Über Wochen wuchsen der Lockdown-Leidensdruck wie auch die Sorgen der Gastronomen.

Die Hoffnungen der Gaststätten-Betreiber ruhen auf Freitag, 15. Mai, dem Tag, ab dem sie unter strengen Hygiene- und Abstandsvorschriften wieder öffnen dürfen.

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„Das große Juchu und Aufatmen wird ausbleiben“ – vielmehr seien die nächsten vier bis acht Wochen für alle Gastronomen „existenzentscheidend, jeder Schritt muss stimmen“. Das sagt Peter Heinzmann vom „Café am Markt“ in Marburg.

Zusammen mit Thomas Edlund und Bülent Turgut ist er einer der vielen Wirte, die ein Schicksal teilen: zum Warten und zum Zuschauen verdammt sein, wie ihre Lebensgrundlage wegbricht. „Es geht um alles. Und ich bin etwas pessimistisch“, sagt Edlund.

Denn eine große Angst verbindet die Gastro-Szene: Trotz formal erlaubter Öffnung bleiben die Menschen wegen der Corona-Angst zuhause, geben wegen Gehaltseinbußen durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit kein Geld in den Gaststätten aus.

Erfahrung: Rausgehen wird sozial bestraft

„Wir können lange offen haben, wenn die Leute nicht kommen, macht das unsere Probleme eher größer als kleiner“, sagt Turgut, der das „Market“ und „Nero“ betreibt. „Wenn die Voraussetzungen so schwierig sind, dass es keinen annähernden Normalzustand gibt, macht die Ladenöffnung keinen Sinn“, sagt Heinzmann. Mitunter sei das Geschlossenhalten die bessere Wahl, da seien die Kosten kalkulierbar.

Das größte Hindernis für die Branche werde der vorherrschende Eindruck, dass jeder, der rausgehe, „ein schlechter Mensch ist. Das Zuhausebleiben nicht mitzumachen, wird sozial bestraft“, sagt Edlund vom gleichnamigen Lokal sowie der Gaststätte „Zur Sonne“. Die Hygiene- und Abstandsregeln, aber auch die erforderte Überwachungsfunktion – das Notieren von Namen und Adressen aller Gäste – machen es den Unternehmern schwerer.

Mehr denn je auf die Menschen angewiesen

„Die Leute sollen sich sicher fühlen, aber eben auch Spaß haben. Das haben sie aber nicht, wenn sie in Läden von Aliens bedient werden“, sagt Edlund mit Verweis auf die Mund-Nasenschutz-Pflicht für das Personal. Das, was ab 15. Mai passiere, sei wie: „Du darfst ins Theater gehen, dir aber keine Vorstellung anschauen.“ Heinzmann nickt: „Die Atmosphäre, die Geselligkeit und Lockerheit, die das Ausgehen ausmachen, sind weg. Das ganze Feeling ist raus.“ 

Trotzdem und auch trotz kleiner Speisekarten: Alle drei stürzen sich für den Wiedereröffnungstag in die Arbeit. „Wir werden tun, was wir können. Mehr denn je sind wir aber auf die Marburger und Menschen aus dem Landkreis angewiesen“, sagt Turgut im Hinblick auf die fernbleibenden Touristen und abgesagten Sommerfeste.

Grundreinigung bereitet auf Sommersaison vor

Auch Patrick Werner äußert sich angesichts der Auflagen eher verhalten. Die Unsicherheit unter den Gastronomen des Hinterlands sei groß, ob sich eine Wiedereröffnung unter diesen Bedingungen überhaupt lohne, sagt der Betreiber des Gasthofs Werner im Dautphetaler Ortsteil Mornshausen.

Schließlich sei dafür auch zu investieren, um dann eventuell nur die Hälfte der Tische zu nutzen. „Selbstverständlich freue ich mich, dass es wieder losgeht“, sagt er, aber man werde die komplette Öffnung benötigen, „weil wir die 100 Prozent brauchen, um den ruinösen Stillstand zu überwinden.“

In seiner Gaststätte, die er zusammen mit seinem Vater Karl-Hermann Werner betreibt, wurde die Zeit des Stillstands für Grundreinigungen genutzt und um den Außenbereich auf die Sommersaison vorzubereiten. Den Kunden bot das Haus zuletzt Sonntagspakete mit klassischer Kost zum Abholen an.

„Die Auftragslage war gut“

In seinem Kerngeschäft, dem Catering, sei die Lage auch verhalten, berichtet Patrick Werner. Gebuchte, größere Veranstaltungen wie Hochzeiten oder runde Geburtstage seien bis in den Herbst hinein storniert. „Die Menschen haben Angst.“

Gastgeber treibe die Sorge um, dass sich auf ihren Festen jemand mit dem Virus anstecken könnte, einige Gäste hätten wiederum aus derselben Furcht heraus angekündigt, den Einladungen nicht zu folgen. Werner trauert dem entgangenen Geschäft nach, denn „die Auftragslage war gut“, dennoch habe man stattdessen die staatliche Soforthilfe in Anspruch nehmen müssen.

Kunden und Gastgeber freuen sich

Freude hingegen bei Vincenzo Lonetti, Wirt der Pizzeria „La Pergola“ in Kirchhain. Noch nicht mal eine Stunde nach Bekanntgabe, dass Restaurants am 15. Mai wieder öffnen dürfen, klingelte das Telefon.

„Die ersten Kunden haben gleich einen Tisch bestellt für den 16. Mai. Bei ihnen war die Freude riesig, bei mir natürlich auch“, sagt er, der sich zuletzt auf den Außer-Haus-Verkauf von Speisen beschränkte – ein Geschäft, das im normalen Alltag immer zusätzlich läuft. Und das in den vergangenen Wochen, die er für ohnehin geplante Renovierungen nutzte, auch nur einen Teil der laufenden Kosten abgedeckt habe.

Erstmal ist nichts wie früher

Das Gasthaus Nau, auch „Jirje“ genannt, wäre aus dem Ebsdorfergrund nicht wegzudenken. So weit wird es auch nicht kommen. Mit „Außer-Haus-Essen“ blieb man im Geschäft und in den Köpfen der Kunden, sagt Besitzer Thomas Nau. Aber die Einnahmen seien keinesfalls vergleichbar mit einem normalen Betrieb, sie haben immerhin mitgeholfen, Fixkosten zu decken.

Derzeit bereitet er einen Biergarten vor. Doch damit ist dann auch nicht alles wie früher. Es müsse ja alles nachvollziehbar angelegt sein, etwa wer wen bedient hat und damit Kontakt hatte, falls das wichtig werden sollte. Für seine Kunden lässt sich Nau aber trotzdem etwas einfallen. Zum Muttertag gab es besondere Menüs und für die Woche sind zwei Pizza-Tage geplant.

Die Auflagen

Es wird eine Beschränkung der Gästezahl geben, sowohl im Innen- als auch im Außenbereich. Abhängig ist diese von der Größe der Gaststätte.

Bewirtung darf sowohl im Innen- als auch im Außenbereich stattfinden. Aber: Bei Bewirtung in geschlossenen Räumen müssen vom Wirt Name, Anschrift und Telefonnummer jedes Gastes erfasst werden. Der Grund: Rückverfolgung aller Kontaktpersonen durch die Behörden im Fall einer Infektion.

Es gilt die Abstandsregel von 1,50 Metern: Pro Gast müssen fünf Quadratmeter Fläche gerechnet werden. Für Familien und gemeinsame Hausstände gilt die Abstandsregel nicht.

Das Küchen- und Servicepersonal muss durchgehend Mund- und Nasenschutz tragen.

Von Björn Wisker, Michael Rinde, Gianfranco Fain und Götz Schaub

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