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Marburg Stadt verzichtet auf Verbot von Heizpilzen
Marburg Stadt verzichtet auf Verbot von Heizpilzen
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07:57 17.09.2020
Ein Heizpilz wärmt Besucher auf dem Marburger Adventsmarkt. Die Geräte sind in Marburg nicht verboten – wegen ihres Betriebs mit Gas jedoch nicht umweltfreundlich. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Aufatmen in der Gastronomie: Heizpilze werden in Marburg in der kalten Jahreszeit nicht verboten. Vor knapp zwei Wochen hatte die Stadt auf OP-Anfrage mitgeteilt, vor dem Hintergrund des Klimaschutzes sei die Nutzung von Heizpilzen tatsächlich „nicht zu empfehlen“ – vor allem, wenn sie mit Gas betrieben würden. Aber: Es sei ja möglich, Geräte elektrisch mit Ökostrom zu betreiben und so die Außensaison zu verlängern.

Für viele Gastwirte steht fest: Wenn die Außengastronomie nicht mehr stattfinden kann, dann wird der Umsatz in den Lokalen einbrechen – viele Betriebe fürchten um ihre Existenz. Daher hatte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband bereits gefordert, Heizpilze dort, wo sie verboten sind, zuzulassen. Aber: Heizstrahler gelten wegen ihres hohen Energieverbrauchs als klimaschädlich. In vielen Städten wie Stuttgart, Berlin oder Hannover sind sie deshalb in der Öffentlichkeit verboten. Auch in Marburg standen sie vor einigen Jahren bereits auf dem Prüfstand – blieben aber erlaubt.

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Gastronomen waren verunsichert

Dennoch waren die Gastronomen in Marburg verunsichert. Und zwar so sehr, dass Ulf Schneider, Inhaber des „Blé noir“ in der Lingelgasse, auf der Facebook-Seite des Restaurants vor fünf Tagen eine Videobotschaft an die Marburger Stadtspitze schickte. „Man sollte meinen, der Sommer hört nie auf – aber er wird aufhören“, so Schneider. Heizstrahler oder Heizpilze seien für die Gastronomie essenziell. „Corona hat uns weiter fest im Griff“, so Schneider – könne das „Blé Noir“ die Außenbewirtschaftung in der kalten Jahreszeit nicht fortsetzen, „schätze ich unseren Verlust auf mindestens 50 Prozent. Vielleicht können wir damit überleben. Aber wir können auf jeden Fall nicht unsere komplette Mannschaft halten“, so der Gastronom in seinem Video. Und das gehe der gesamten Marburger Gastronomie so.

Da ein vorheriges Video des „Blé Noir“ mit der Bitte um Stellungnahme des Magistrats zu dem Thema weit mehr als 6 000 Mal auf Facebook angeschaut worden sei, es vonseiten der Politik aber keine Reaktion gebe, stellte Schneider in der neuen Video-Botschaft direkt die Frage an Marburgs OB Dr. Thomas Spies: „Wir möchten wissen: Wie ist Ihre Entscheidung bezüglich der Genehmigung von Heizpilzen oder Außenheizungen für die Marburger Gastronomie im kommenden Winter?“ Vom Gewerbeamt habe er noch keine Antwort erhalten, vielleicht „warten sie aber auch auf die Ansage aus dem Rathaus“.

Klimanotstand contra Gas-Heizpilze

Nun kamen Oberbürgermeister Spies und Bürgermeister Wieland Stötzel zu Schneider, um für Klarheit zu sorgen – ebenfalls im Video festgehalten. „Im Moment sind keine Heizpilze oder Wärmungsmöglichkeiten für die Gäste in Marburg verboten“, erläuterte Stötzel – „und wir beabsichtigen aufgrund der besonderen Situation auch nicht, das dieses Jahr zu ändern“, versprach er.

Klar sei jedoch auch, dass Gas-Heizpilze „klimatisch sehr ungünstig sind“, außerdem seien sie aufgrund ihres Verbrauchs auch sehr teuer im Unterhalt. Daher empfehle man elektrische Varianten, „da gibt es verschiedene Techniken, die sehr energiesparend sind. Verboten ist es in Marburg nicht, wir stehen an der Seite der Gastronomie“, so Stötzel.

OB Spies verdeutlichte, dass man die Probleme der Gastronomie sehe, „die Leute wollen eher draußen sitzen“, so Spies – auch, um potenziellen Corona-Infektionen aus dem Weg zu gehen. „Daher gehen wir davon aus, dass die Außengastronomie im Winter ein anderes Gewicht hat“, sagte der OB – doch „nach den Klimabeschlüssen der Stadt Marburg mit Gas die Außenluft zu beheizen – ich glaube, das geht nicht“. Daher appellierte der Oberbürgermeister an die Gastronomen, elektrisch mit Ökostrom zu heizen, „dann ist das Ganze nämlich klimaneutral“.

Förderprogramm wird erarbeitet

Die Stadtwerke würden in den kommenden Tagen zusammenstellen, welche Möglichkeiten es gebe, um dann entsprechend beraten zu können – „und wir prüfen, ob wir für die Gastronomen, die Ökostrom der Stadtwerke verwenden, auch einen kleinen Zuschuss für die Anschaffung geben können“, so Spies im Video. Auf Anfrage der OP konkretisierte er die Planung: „Um einen Anreiz für die Nutzung von elektrisch betriebenen Geräten zu schaffen, werden die Stadtwerke Marburg ein Förderprogramm auflegen für Gastronomen, die die Heizpilze dann mit 100 Prozent Ökostrom der Stadtwerke betreiben“, erläutert der OB.

Das Förderprogramm werde derzeit erarbeitet, Details würden die Stadtwerke Marburg dann bekannt geben.

Und wie schaut es aus mit einer Verlängerung der Öffnungszeiten für die Gastronomie in Marburg? Diesem Wunsch erteilt die Stadt eine Absage: Gastronomiebetriebe dürfen demnach bis 5 Uhr öffnen, die Außenbereiche bis 23 Uhr genutzt werden. „Gerade in der Oberstadt müssen viele verschiedene Interessen vereint werden. Gastronomie und Wohngebiet müssen etwa miteinander existieren“, heißt es. Eine Verlängerung dieser jeweiligen Öffnungszeiten sei daher aus Rücksicht auf Bewohner nicht geplant.

Gastronom Ulf Schneider ist jedenfalls erleichtert: „Wir wollten Klarheit und haben diese nun. Wie wir mit dem Thema umgehen, wissen wir noch nicht, denn wir wollen die Umwelt auch nicht unnötig belasten“, sagt er im Gespräch mit der OP.

Von Andreas Schmidt