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Marburg Gastonomen stehen mit dem Rücken zur Wand
Marburg Gastonomen stehen mit dem Rücken zur Wand
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09:00 16.01.2021
„Ich fühle mich Großartig“ – das Motto des Bistro und Café Großartig in der Marburger Oberstadt gilt für den Gastronomen Philip Groß derzeit nicht uneingeschränkt.
„Ich fühle mich Großartig“ – das Motto des Bistro und Café Großartig in der Marburger Oberstadt gilt für den Gastronomen Philip Groß derzeit nicht uneingeschränkt. Quelle: foto: Thorsten Richter
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Marburg

Seit Donnerstag zahlt das Hessische Wirtschaftsministerium die zweite Hälfte der sogenannte Novemberhilfe des Bundes an Unternehmen aus. Für den Gastronomen Philip Groß bedeutet dies die vorläufige Rettung. Wenige Stunden zuvor sprach der Besitzer des Cafés Großartig in der Marburger Oberstadt noch davon, „mit dem Rücken zur Wand“ zu stehen. Bisher habe er seinen Verpflichtungen „irgendwie“ nachkommen können, doch wenn nächste Woche kein Geld komme, „könnte Schluss sein“, schilderte der 28-jährige Hotelfachmann die Lage, da seine Rücklagen aufgebraucht seien.

Umsatzrückgang

Der Gießener erfüllte sich im vergangenen Jahr seinen Lebenstraum und eröffnete mitten in der Corona-Pandemie am 1. Juli sein Café und Bistro am Steinweg. Das Geschäft lief seinen Angaben zufolge „sehr, sehr gut“, doch dann kam der neuerliche Lockdown, den Groß befürwortet. Der Gastronom versucht, sich und seine Mitarbeiter über Wasser zu halten, richtete einen Abhol- und Lieferdienst ein, doch der Umsatz ging um 45 Prozent zurück.

Groß setzte seine Hoffnung auf die Novemberhilfe der Bundesregierung, erhielt 50 Prozent als Abschlagzahlung, die zum Begleichen der Miete und der Personalkosten dienten, und wartet seit anderthalb Monaten auf den Rest der zugesagten Summe. „Ich würde mich freuen, wenn die Politiker ihre Versprechen einhalten und die Zahlungen nicht auf die lange Bank geschoben würden“, sagt Philip Groß. Denn das Fehlen von Fixpunkten sei ein großes Problem und irgendwann hätten seine Gläubiger auch kein Verständnis mehr, äußert der Gastronom seinen Unmut.

Philip Groß ist nicht der einzige Gastronom in einer existenzbedrohenden Lage. Eine Umfrage der OP unter Steuerberatern ergab, dass es vielen Unternehmern im Landkreis ebenso geht, es aber auch positive Extreme gebe. Zum Beispiel einen spezialisierten Dienstleister aus dem Handwerk, der wegen des Lockdowns keine Aufträge, aber auch keine Kosten hat. Dieser erzielte im November 2020 jedoch einen Umsatz im unteren sechsstelligen Bereich und eine Novemberhilfe von 75 Prozent erwartet.

Gerade die Gastronomen treffe es aber hart, vor allem die, die für ihre Lokalität Miete bezahlen müssen. Diese Kosten laufen neben denen des Personals weiter, die Einnahmen bleiben aber größtenteils aus.

Zudem gab es bei den vier Programmen für Hilfszahlungen des Bundes massive Probleme, berichten die Steuerberater. Schon bei der Corona-Soforthilfe habe es „massive Schwierigkeiten“ mit der Erreichbarkeit zur Antragsannahme gegeben. Die EDV-Probleme setzten sich bis zu den November- und Dezemberhilfen fort. Zwar gab es manchmal noch am Tag des Antrags eine Zusage über die Zahlung von 50 Prozent der Summe, der Rest stehe aber immer noch aus, teilweise komme das erste Geld für November erst jetzt.

Auch dass die Bedingungen für die Überbrückungshilfe sich nachträglich änderten und somit Rückzahlungen drohen oder dass bei der November-/Dezemberhilfe das Anrechnen des Kurzarbeitergeldes nicht mitgeteilt und ebenso wenig kommuniziert wurde, dass es Zahlungen nur entsprechend der Anzahl der Schließungstage gibt, rufe unter den Antragstellern „Unmut hervor“. Selbigen äußern die Steuerberater auch über die technischen Voraussetzungen zur Antragseingabe, den Problemen mit der Software und dem Handling. So müssten zum Beispiel die Daten der Antragsteller für jeden Antrag neu eingegeben werden.

„Es wird besser“

„Die versprochene schnelle Hilfe war das nicht“, moniert zum Beispiel Steuerberater Hans-Wilhelm Kisch aus Niederwalgern, der aber zugibt: „Es wird besser.“ Allerdings findet Kisch die Fixierung der November- und Dezemberhilfe auf diese umsatzstarken Monate als „völlig überzogen“ und fürchtet, dass sich dies letztlich als „volkswirtschaftlich schädlich“ erweisen wird. Die OP sprach außerdem in Marburg mit der Steuerberaterin Elisabeth Bicker sowie Benjamin Kranz von der Kanzlei Bach.

Novemberhilfe

Wie das hessische Wirtschaftsministerium am Donnerstag meldete, läuft die Auszahlung der Novemberhilfen für Unternehmen, die wegen des erneuten Lockdowns Anfang November schließen mussten. Einen Tag nach Freischaltung der Software zur Abwicklung der Wirtschaftshilfen durch die Bundesverwaltung begann die Auszahlung der rund 10,6 Millionen Euro an die fast 1 600 Antragsteller.

Insgesamt gingen über Steuerberater und Wirtschaftsprüfer in Hessen rund 17 000 Anträge auf Novemberhilfe ein. Bisher überwies der Bund 107 Millionen Euro, mit denen nur die Hälfte der Antragssumme und höchstens 50 000 Euro als Abschlag die Unternehmen erreichte.

Auch für die anschließende Dezemberhilfe sind schon 66 Millionen Euro als Abschläge gezahlt, der Rest soll laut Aussage des Bundes Ende Januar folgen.

Von Gianfranco Fain