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Marburg Gassi-Geh-Pflicht amüsiert Hundehalter
Marburg Gassi-Geh-Pflicht amüsiert Hundehalter
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11:58 16.09.2020
Spaziergang mit Hund im Cappeler Feld. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Wer einen Hund hat, soll künftig zweimal täglich für insgesamt mindestens eine Stunde mit ihm raus ins Freie. Das ist ein Teil der Vorschläge von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) für eine überarbeitete Tierschutz-Hundeverordnung. Unter Hundehaltern in Marburg sorgt die Vorschrift eher für Kopfschütteln und Kichern statt für Kritik.

„Soll ich mir das Gassigehen täglich vom Amt bestätigen lassen oder eine Kontroll-App runterladen?“, sagt Carolin Becker (28). „Jeder hat doch ein eigenes Interesse am Wohl seines Hundes, also wird sich jeder schon entsprechend gut kümmern. Die, die es nicht tun und ihrem Haustier schaden, halten sich auch an so eine Pflicht nicht“, sagt Mechthild Maurer (71).

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„Ich kenne meinen Hund und weiß, was er wann und in welchem Umfang braucht. Der Staat muss mir keine Stechuhr vorschreiben“, sagt Thomas Pape (55). „Die Zeit, die einige in den Gesetzesentwurf gesteckt haben, hätten sie besser draußen mit ihren Hunden verbracht.“ „Da muss ich drüber lachen, etwas anderes fällt mir dazu nicht ein“, sagt Jutta Lange (62).

Thomas Pape mit Hund „Aldo“ Quelle: privat

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßt die Regelung: „Ein Hund braucht seinen Bedürfnissen entsprechend täglich Bewegung im Freien und seine Sozialkontakte.“

Man hätte sich noch weitere Vorschriften vorstellen können – so wie andere Tierschutzorganisationen, die etwa ein Verbot verankert wissen wollten, wonach Hunde nicht länger als sechs Stunden pro Tag alleine gelassen werden dürften.

„Einem Hund ist mindestens zweimal täglich für insgesamt mindestens eine Stunde Auslauf im Freien außerhalb eines Zwingers zu gewähren“, heißt es in dem Entwurf der Verordnung, die ab Anfang 2021 gelten soll. Aber: Das Gassigehen muss kein Spaziergang sein, auch Bewegung im Garten genüge. Bislang war in der Tierschutz-Hundeverordnung von „ausreichend Auslauf im Freien“ die Rede, es gab jedoch keine konkreten Angaben zu Häufigkeit und Dauer.

Aus dem Landwirtschaftsministerium heißt es, dass die zuständigen Beamten – im Besonderen das Ordnungsamt – sicherlich nicht bei jedem Hundehalter klingeln würden, um zu fragen, ob der Hund schon draußen gewesen sei. Wie die Kontrollen stattdessen ablaufen sollen, ist weiterhin offen.

Indes steigt die Zahl der Hundehalter in der Universitätsstadt an, rund 3.000 Tiere sind bei der Stadtverwaltung offiziell registriert.

Die Anzahl von Menschen und Hunden in Marburg seit 2010 im Vergleich. Quelle: mr//media / Dr. Günter Körtner

Kommentar – von Katja Peters

Nicht bis zum Ende gedacht

Bei der geplanten Gassi-Geh-Vorschrift wurde für mich (mal wieder) mit zweierlei Maß gemessen. Diese ganze Idee von der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ist (mal wieder) nicht zu Ende und in meinen Augen auch nicht im Sinne des Hundes gedacht worden. So wird in diesem Entwurf suggeriert, dass es Zwingerhunden per se schlechter geht, als denen, die in der Wohnung leben.

Denn für letztere gilt diese mögliche Pflicht von zwei Gassi-Runden am Tag überhaupt nicht, sondern nur für „die anderen“, die aus Tiersicht eigentlich besser gehalten werden. Auf den vorgeschriebenen sechs bis zehn Quadratmetern kann sich der Hund stundenlang ausruhen, ohne dass ein Telefon klingelt, ein anderes Haustier ihn nervt oder er permanent vollgequatscht wird. Ein Hund schläft nämlich 12 bis 14 Stunden am Tag und braucht kein Dauer-Entertainment.

Couch, Bett, Ledersessel und Kuschelteppich sind keine artgerechte Haltung und bieten sicher nicht genug Bewegung und Auslauf. Aber das sieht das Landwirtschaftsministerium ja anders. Als wenn Pfiffi, der nur Asphalt, Vorgarten und Verkehrsinseln zum Lösen kennt, sich nicht auch über zwei Stunden Auslauf am Tag freuen würde. Aber es ist wie überall: die Dosis macht das Gift. Hunde, die nur im Zwinger gehalten und nur mal kurz auf dem Grundstück laufengelassen werden, sind genauso arm dran wie die, die nur an der Leine durch die Vorgärten gezogen werden.

Hunde sind für das Leben draußen an der frischen Luft geboren. Sie lieben es zu buddeln und sich auch mal im Gras zu suhlen, sie brauchen die Sonne, um ihren Vitaminstoffwechsel zu aktivieren und vor allem brauchen sie geistige Beschäftigung. Stupides Gassi gehen hat nichts mit adäquater Auslastung eines Hundes zu tun. Denn Hunde werden nicht dumm geboren, sondern durch Vereinsamung oder langweilige und kurze Spaziergänge in der Innenstadt oder eben auf Verkehrsinseln dazu gemacht. Aber ist das artgerecht?

Die Pflicht eines Hundeführerscheins wäre hier sicher viel mehr angebracht. Denn wenn sich ein Hundekäufer erst einmal zwei Tage mit dem Thema Hundehaltung und Kosten auseinandersetzen muss, bevor er sich einen Vierbeiner holt, trennt sich sicher schon die Spreu vom Weizen. Und viel mehr Hunde hätten eine artgerechtere Haltung, als es jetzt der Fall ist – egal, ob im Zwinger oder in der Wohnung.

Von Björn Wisker