Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Garten der Gespräche
Marburg Garten der Gespräche
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:58 02.04.2021
Die Sprechwissenschaftlerinnen (von links) Elena Bertram, Eva Maria Gauß und Professorin Kati Hannken-Illjes stehen im Alten Botanischen Garten vor dem „Baum der Möglichkeiten“, an dem es in dem Projekt „Gesprächsgarten“ auch um die Chancen gehen soll, die die Corona-Krise bietet.
Die Sprechwissenschaftlerinnen (von links) Elena Bertram, Eva Maria Gauß und Professorin Kati Hannken-Illjes stehen im Alten Botanischen Garten vor dem „Baum der Möglichkeiten“, an dem es in dem Projekt „Gesprächsgarten“ auch um die Chancen gehen soll, die die Corona-Krise bietet. Quelle: Foto: Hitzeroth
Anzeige
Marburg

Viele Menschen – vom Experten zum Normalbürger – haben derzeit zur Corona-Krise viel zu sagen – auf einer Vielzahl von Kanälen. Überschaubarer wird die Pandemie dadurch nicht. „Wir wollen das Kommunikationschaos begreifbar machen“, sagt Sprechwissenschaftlerin Eva Maria Gauß. Sie will im Alten Botanischen Garten das Konzept eines „Gesprächsgartens“ verwirklichen, mit dem zumindest eine Schneise in die neue (Corona)-Unübersichtlichkeit geschlagen werden soll. „Meinungen, Einschätzungen, Unsicherheiten, Fake und Framing – die Corona-Krise zeigt, dass gute Kommunikation keine Selbstverständlichkeit ist, sei es im privaten Bereich, in der Politik und für die Wissenschaften“, erläutert die Sprechwissenschaftlerin. „Wie können wir differenziert mit der Komplexität, mit Wissensdifferenzen und Unwissen, Emotionen und Bedürfnissen umgehen und dabei Demokratie leben“, fragt Gauß.

„Wir laden ein zum Lauschen, Verweilen und Mitreden zum Thema, das derzeit alles dominiert“, erzählt Gauß. Gesammelt wurden in den vergangenen Monaten unter der Regie der Sprechwissenschaftlerin von Studierenden die Stimmen von mehr als 40 Marburgern aus unterschiedlichen Berufen und Bereichen der Gesellschaft. So berichtet beispielsweise Stefan Krein, Leiter des Marburger Standesamtes, über seine persönlichen Schlüsselmomente in der Corona-Krise. „Lange Zeit war es eine anonyme Krankheit, die weit weg war“, sagt Krein. Das habe sich dann geändert, als sich der erste ihm bekannte Mensch infiziert habe und als danach auch jemand im Zusammenhang mit Corona gestorben sei, den er gekannt habe. „Am Anfang haben wir unterschätzt, wie schnell sich eine Welle und ein Virus ausbreiten kann. Aber plötzlich mussten wir handeln“, sagte eine weitere Marburgerin.

Ziel der Interviews war es, auch herauszufinden, wie die Menschen der Stadt Marburg auf die Pandemie reagieren und wie sie sich dabei fühlen. Dabei geht es sowohl um die persönliche Situation als auch um die gesamtgesellschaftlichen Bezüge. Und in einem Fragengewitter wurden schnelle Assoziationen zu Corona abgefragt, wie beispielsweise die Aufgabe, etwas zu Corona in drei Worten zu sagen. Aus den Interviews werden Hörstücke zwischen vier und zehn Minuten zusammengeschnitten.

Unterteilt wird für das Projekt Gesprächsgarten der Alte Botanische Garten in vier sich räumlich überlappende Abschnitte. Dort stehen vier Aktionen im Mittelpunkt, die alle für das Gelingen eines Gesprächs wichtig sind: Sich Orientieren, Verhandeln, Erzählen, und Argumentieren. Abstrakte Begriffe sollen visualisiert werden und auch hörbar gemacht werden. So soll im Park mitten in der Innenstadt eine Art begehbarer Mind-Map entstehen.

Die vier Teilprojekte

Abschnitt 1 (Argumentieren):

Argumentieren ist nach Darstellung der Sprechwissenschaftlerin ein zentrales Mittel, um im gesellschaftlichen Miteinander zu Positionen zu gelangen. Dabei geht es beispielsweise darum, konkrete Streitfragen zu identifizieren sowie Pro- und Contra-Positionen gegeneinander abzuwägen.

Abschnitt 2 (Orientierung):

Wie kann man sich in der Wissensflut zum Thema Corona informieren? Diese Frage bildet die Leitlinie in diesem Abschnitt, in dem zwei feste Stationen eingerichtet werden. So geht es an einem Pult um die Frage, wem wir Gehör schenken. Zum Orientierungs-Abschnitt gehört auch der „Diskurs-Wald“, in dem neun Bäume jeweils für eine Person stehen. Das zweite Pult beschäftigt sich mit der Frage, wie in Gesellschaften generell Krisen bewältigt werden. An jedem der Pulte an allen Stationen gibt es bereits Grund-Infos zu lesen. Mit Hilfe von Smartphones kann man dann über QR-Codes zusätzliche Audio-Dateien herunterladen.

Abschnitt 3 (Verhandeln):

Direkt vor dem Schäferbau und in unmittelbarer Nähe zum Bau der Uni-Bibliothek geht es um das Thema Verhandeln. „Wie gelingen Gespräche?“: Diese Frage steht hier im Vordergrund. Vorwiegend Podcasts, die Sprechwissenschaftler erstellt haben, sollen diese Frage klären. „Wir müssen zusammen zu Lösungen finden. Aber wir müssen auch einen gemeinsamen Weg dahin finden“, erläutert Eva Maria Gauß. Um diesen Weg zu beschreiten, soll auch in der Corona-Pandemie ein „Meta-Blick“, gewissermaßen aus der Vogelperspektive, hilfreich sein.

Abschnitt 4 (Erzählen):

Das Erzählen ist ein zentraler Bestandteil des Projektes. Hier geht es auch darum Corona-Erlebnisse persönlich zu verarbeiten. Angesiedelt ist der Abschnitt vor dem Musizierhaus. Dort stehen einerseits ein Baum der Ängste und Sorgen. Dort geht es um finanzielle, gesundheitliche und gesellschaftliche Sorgen, erläutert Projekt-Mitarbeiterin Elena Bertram.

Direkt daneben steht aber auch ein Baum, der zum Baum der Möglichkeiten oder Chancen deklariert wurde. Apropos Erzählen: Hier bietet sich auch für alle Garten-Besucher die Chance, sich interaktiv in den Prozess einzuklinken.

Die erste Frage für den Monat April lautet: Wie werden wir uns in 20 Jahren über die Corona-Krise erzählen? Wer etwas erzählen möchte, kann das unter der Rufnummer 0 64 21 / 2 82 80 28 tun.

Von Manfred Hitzeroth

Förderprojekt Gesprächsgarten

Das Projekt Gesprächsgarten wird von der Hochschulrektorenkonferenz mit einer Summe von 10000 Euro gefördert. Für die Förderung hatte sich die Marburger Sprechwissenschaftlerin Eva Maria Gauß in dem bundesweiten Wettbewerb „Kleine Fächer: Sichtbar innovativ“ beworben. Vor allem Promovierende aus den kleinen Fächern waren dabei zur Entwicklung neuer Kommunikations- und Vernetzungsstrategien im Zeichen der Corona-Pandemie aufgerufen. 19 Projekte hatten dann eine Förderung erhalten, wie die Marburger Uni-Pressestelle im September 2020 mitgeteilt hatte.

Die Vorbereitungen für die konkrete Umsetzung des Konzeptes laufen seit Monaten auf Hochtouren. Ab Sonntag, 11. April, startet der Gesprächsgarten im Alten Botanischen Garten dann ganz konkret und ist begehbar. Zunächst hängen dort vier Wandertafeln, und es gibt fünf Pulte als feste Stationen. Und erste Hörstücke und Interviewauszüge werden dann per QR-Code über das Smartphone abrufbar sein. Im Mai kommen dann fünf feste Stationen hinzu. Der Start des Projektes ist aber als eine Art „Aussaat“ des Gesprächsgartens gedacht. Der Garten soll nach dem Motto „work in progress“ wachsen und gedeihen. So könnten beispielsweise Gastbeiträge von Initiativen, Vereinen oder Schulen möglich sein.