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Marburg Ehemalige erinnern sich
Marburg Ehemalige erinnern sich
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19:58 29.03.2022
Jaana Bohr demonstrierte Moderator Thomas Koschwitz bei der „Marburg800“-Gala ihre Nahkampf-Fähigkeiten.
Jaana Bohr demonstrierte Moderator Thomas Koschwitz bei der „Marburg800“-Gala ihre Nahkampf-Fähigkeiten. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Marburg

„Marburg, das sind nicht nur die Heilige Elisabeth und das Schloss, das sind vor allem die Menschen“: Das sagte Gala-Moderator Thomas Koschwitz zum Start des großen Geburtstagsevents anlässlich von „Marburg800“. Zwar kamen nicht wie ursprünglich einmal geplant 800 zufällig ausgewählte Marburger als Gäste der großen Geburtstagsgala in die Stadthalle, weil Corona diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung machte.

Aber immerhin standen einige leibhaftige Menschen auf der Bühne, die am Montagabend mit Koschwitz plauderten. Immerhin 5800 Zugriffe auf die Online-Gala vermeldete das Jubiläumsbüro dann bereits am Morgen danach.

Ehemalige sind nun Promis

Vorwiegend ehemalige Marburger, die mittlerweile prominent geworden sind, waren eingeladen. Und alle stimmten der Aussage von Thomas Koschwitz zu, dass es ihnen warm ums Herz wird, wenn sie von Süden kommend auf der Stadtautobahn auf Höhe von Wolfshausen die Silhouette des Marburger Schlosses erblicken.

Der beliebte Radio-Moderator ist schließlich selbst ein Ex-Marburger. Er ging in die Waldorfschule und seine Kinder sind in Marburg geboren. Und er hat eine Gemeinsamkeit mit Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, die in Marburg die Elisabethschule besuchte.

Nina Kronjäger musste weg aus Marburg

Die Schauspielerin Nina Kronjäger kam zu Erfolgen in Filmen von Katja von Garnier wie „Abgeschminkt“ und in vielen Tatort-Krimis. Sie ist gebürtige Marburgerin und lebte dort die ersten sieben Jahre ihres Lebens. Im Gespräch mit Thomas Koschwitz erzählte sie die Besonderheit daran: Sie wurde 1967 geboren und besuchte anstelle eines klassischen Kindergartens einen der ersten „Kinderläden“ in Marburg, in dem die Eltern aller Kinder – die alle studierten – die Rolle der Kindergärtnerinnen und Kindergärtner übernahmen. Noch bis heute trifft sie sich mit den anderen Kindern von damals, weil auch die Eltern nie den Kontakt abreißen ließen. Tragisch: Als Siebenjährige musste Kronjäger Marburg verlassen, obwohl es ihr dort sehr gut gefiel. Aber die Eltern verließen die Unistadt.

Beide Promis besuchten früher einmal einen Tanzkurs in der Tanzschule Drubig. Einige Jahre später ging Nkechi Madubuko in Marburg zur Schule, die mittlerweile Diversity-Trainerin ist und sich auch als Repräsentantin der Menschen mit Migrationshintergrund sieht. Die ehemalige Philippinum-Schülerin war früher auch eine erfolgreiche Hochspringerin und sprang sogar einmal einen Afrika-Rekord, als sie für Nigeria startete.

Sportlich ging es auch auf der Bühne zu, als die Ex-Marburgerin und ehemalige Kickbox-Weltmeisterin Jaana Bohr (ehemals Hein) auf Bitten von Koschwitz auf der Bühne trotz langen Kleides eindrucksvoll ihre Nahkampf-Fähigkeiten zeigte. Sie hat in Marburg ihr Herz ans Thai-Boxen verloren. „Marburg ist für mich ein Ruhepol“, erläuterte sie. Sie wünscht sich, dass die Stadt die innere Ruhe behält, die so guttut.

Bascha Mika: Feministin aus der Land-WG

Bascha Mika war von 1998 bis 2009 Chefredakteurin der „taz“ und von 2014 bis 2020 Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“. Doch auch sie hat eine Vergangenheit als Marburger Studentin. Die aus Polen stammende Mika war Großfamilien gewöhnt und eigentlich „gruppengestählt“, wie sie am Montag Thomas Koschwitz berichtete. Doch das Zusammenleben vor allem mit den Männern in ihrer ersten Land-WG in einem Dorf in der Marburger Region brachte sie auf die Palme. „Zwei der drei Kerle meinten, Mädels müssten putzen, kochen und den Abwasch machen“, erzählte Bascha Mika. Spätestens das und die chauvinistischen Sprüche dazu hätten sie endgültig zur Feministin gemacht.  

Eine ebenso toughe Frau ist sicher Verena Bentele, die ehemalige Blista-Schülerin, die aus dem Bodenseekreis stammt und von der 11. Klasse bis zum Abitur an der Blindenstudienanstalt zur Schule ging. In Marburg vermisste die sehbehinderte mehrfache Paralympics-Medaillengewinnerin im Biathlon eigentlich nur den Schnee, wie sie im Gespräch mit dem Moderator verriet.

Den Ersatz boten der sympathischen Sportlerin lange Jogging-Runden an der Lahn mit Begleitläufer. Mittlerweile ist sie Leiterin des großen Sozialverbandes VdK und setzt sich als Lobbyistin unter anderem mit Bundesfinanzminister Christian Lindner oder Bundeskanzler Olaf Scholz auseinander.

Ramelows Marburg-Feeling mit "Pell Mell"

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow hat eine Marburg-Vergangenheit, die bis in die 70er und 80er Jahre zurückreicht. Der langjährige Gewerkschafter arbeitete unter anderem bei Hawege in Cappel und war Filialleiter im Jöckel-Getränkemarkt. „Marburg hat mich durch seine Weltoffenheit sehr beeinflusst“, sagte Ramelow im Zwiegespräch mit Thomas Koschwitz bei der „Marburg800“-Gala. Aber nicht nur die spannenden politischen Auseinandersetzungen um das Deserteursdenkmal hat er in Erinnerung, sondern auch die Feiern im DKP-Zelt. Und dann gibt es sein ganz spezielles Rezept, um wieder das Marburger Original-Gefühl zu bekommen: Auf YouTube das Lied „Moldau“ von der Kultband „Pell Mell“ um den Teufelsgeiger Thomas Schmitt anklicken, das sich auf dem Album „Marburg“ aus dem Jahr 1972 befindet. Das erinnert Ramelow an die Zeit in der legendären Disco „Milli Vanilli“ am Erlenring. 

Vom Marburger Virologen Professor Stephan Becker bis zum Kabarettisten und ehemaligen Philippinum-Schüler Michael Frowin: Viele Promis haben ihre ganz eigenen Marburg-Erinnerungen.

Und alle wünschten Marburg am Montag ein spezielles und schönes Jubiläumsjahr „Marburg800“.

Joe Bausch: Vom Knast-Test und Bierfass-Klau

Joe Bausch wurde bekannt als Gerichtsmediziner im Kölner TV-„Tatort“, und er war 32 Jahre als Gefängnisarzt tätig. Auf die Idee zu seinem Job kam der damalige Student auch durch ein Experiment in den wilden Siebzigerjahren in Marburg, als er nach einem Verkehrsdelikt anstelle der Strafe von 400 Mark lieber ins Gefängnis gehen wollte, das damals noch in der Wilhelmstraße lag. Gesagt, getan: Nach einer Viertelstunde im Knast kam allerdings ein Beamter und befreite ihn, weil die Strafe schon bezahlt war. Bausch gehörte auch zum Kneipenkollektiv, das die „Destille“ schmiss. Und zusammen mit einem Mit-Kneipier klaute er auch mal auf dem Heimweg in die Haspelstraße vom Brauereigelände der damaligen Marburger Brauerei ein Fass Bier. Aber das ist eine andere Geschichte und längst verjährt.

Von Manfred Hitzeroth

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