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Marburg Ein Krieg, der die Friedensbewegung spaltet
Marburg Ein Krieg, der die Friedensbewegung spaltet
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20:33 12.07.2022
Gabriele Krone-Schmalz bei der Aufzeichnung der ZDF-Talkshow Markus Lanz.
Gabriele Krone-Schmalz bei der Aufzeichnung der ZDF-Talkshow Markus Lanz. Quelle: Hein Hartmann via www.imago-images.de
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Marburg

Gabriele Krone-Schmalz ist eine bekannte Journalistin. Vier Jahre lang war sie Leiterin des ARD-Studios in Moskau, ist Autorin zahlreicher Bücher, die sich mit der Lage in Russland auseinandersetzen. Krone-Schmalz gilt vielen als „Versteherin“ der Putinschen Politik, gar als „Putin-Freundin“, und der Beck-Verlag als ihr Hausverlag druckt seit Beginn des Ukraine-Krieges ihre Bücher nicht mehr nach.

„Der Meinungskorridor ist extrem eingeengt“, kommentierte Krone-Schmalz diese und andere Auseinandersetzungen zu Beginn ihres Auftritts in Marburg. Natürlich ist der Ukraine-Krieg ein Thema, das offenbar sehr viele bewegt – der Raum war randvoll, und auch im Vorraum waren noch etwa 50 Zuhörer. Eingeladen hatte das Marburger Bündnis Nein zum Krieg, und das hatte seine Grundhaltung auf einem Transparent an der Wand im Vortragsraum deutlich gemacht: „Verhandeln statt schießen – Frieden mit Russland“.

„Drohgebärden“

Damit sieht sich das Friedensbündnis im Widerspruch zur neu gegründeten „Initiative Zeitenwende“ um den Grünen-Ex-Promi und Politikwissenschafter Hubert Kleinert. Die Initiative begrüßt Waffenlieferungen an die Ukraine.

Krone-Schmalz hatte bereits eine Woche nach dem Beginn des Ukraine-Krieges eingestanden, dass sie sich in der Putinschen Politik getäuscht habe. Und auch in Marburg begann sie damit, dass sie nicht mit einem russischen Angriff auf die Ukraine gerechnet habe. So weit, so unumstritten, aber: Dass die Nato für Länder wie Finnland, das Baltikum oder Schweden so interessant sei, liege auch an der Reform-Unfähigkeit der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa). Krone-Schmalz polarisiert. Auch im Saal. Sie spricht von „Drohgebärden der Nato gegen Russland“, von einer „gnadenlosen Aufrüstung der Ukraine“. Die Nato habe ihr Verhältnis zu Russland durch die Osterweiterung kaputt gemacht, das Misstrauen von Polen und den baltischen Staaten fresse sich in die Nato hinein. Die Sanktionen des Westens „schaden uns total“, sagt Krone-Schmalz.

Frieden, sagt sie noch, kann es nur mit und nicht ohne oder gar gegen Moskau geben. In der Diskussion gibt es vor allem leidenschaftliche Bewertungen des Vortrags von Krone-Schmalz Die Journalistin beharrt auf Meinungsfreiheit, verurteilt Haltungen, in denen Andersdenkende als Gegner oder gar Feinde verurteilt werden.

Zementiertes Feindbild

Viele hätten ein fest zementiertes Feindbild; ihr selbst gehe es um rationale Argumente – das nimmt im übrigen nicht nur das einladende Marburger Bündnis Nein zum Krieg für sich in Anspruch, sondern auch die Initiative Zeitenwende.

Vorbei scheinen die Zeiten, in denen sich die unterschiedlichsten Strömungen der Friedensbewegung in Marburg zumindest in ihren Kernforderungen zusammengefunden haben.

Zur Person

Gabriele Krone-Schmalz zählt zu den besten Russland-Kennerinnen Deutschlands. Sie war Jahre lang Studioleiterin der ARD in Moskau und hat zahlreiche Sachbücher über Russland geschrieben. Sie galt lange Zeit als „Putin-Versteherin“, ist aber entsetzt über sein Vorgehen. Dennoch brauche es Diplomatie, sagt sie, unter anderem auch in Marburg.

Noch Mitte Februar 2022 sah sie es als abwegig an, den russischen Truppenaufmarsch entlang der ukrainischen Grenze als Vorstufe einer Invasion zu kritisieren; eine Invasion liege nicht im russischen Interesse. Drei Tage nach dem Beginn der russischen Invasion erklärte sie am 27. Februar 2022: „Ich habe mich geirrt. Nicht nur mit Blick darauf, was jetzt an Verwüstung folgt, bin ich fassungslos, sondern auch angesichts dieses Schlags ins Gesicht all derjenigen, die sich – teilweise gegen große politische Widerstände im eigenen Lager – auf den Weg nach Moskau gemacht haben, um diplomatische Lösungen für die tatsächlich vorhandenen Probleme zu finden.“ Außerdem sagte sie: „Der russische Einmarsch in die Ukraine ist durch nichts zu rechtfertigen. Jetzt kann es nur darum gehen, möglichst sichere Wege zu finden, die aus dieser Katastrophe herausführen.“

Von Till Conrad

12.07.2022
12.07.2022