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Marburg Von Mentoren, Mutmachern und Mega-Trends
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18:00 15.11.2021
Dr. Jürgen Krämer gründete aus der Uni heraus die „RTM Realtime Monitoring GmbH“, die später mit der Software AG verschmolzen ist. Dort ist Krämer mittlerweile Gesamtverantwortlicher für die Produktsparte „Internet of Things & Analytics“.
Dr. Jürgen Krämer gründete aus der Uni heraus die „RTM Realtime Monitoring GmbH“, die später mit der Software AG verschmolzen ist. Dort ist Krämer mittlerweile Gesamtverantwortlicher für die Produktsparte „Internet of Things & Analytics“. Quelle: Andreas Schmidt
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Mit ein wenig mehr Zuspruch hatte Stefan Oberhansl, Organisator der „Futur@ 2021“, schon gerechnet. Doch hatten es sich zahlreiche Besucher offenbar aufgrund der stark gestiegenen Corona-Infektionszahlen anders überlegt. „Dennoch bin ich hochzufrieden“, so Oberhansl, „denn wir haben ein hochkarätiges Programm, das den Gründern nicht nur eine gute Plattform bietet – sondern auch die Chance zum Netzwerken und zum Gespräch mit potenziellen Investoren.“

Dabei stellten sich mehrere Newcomer mit ihren Ideen vor – jede könnte den nächsten Mega-Trend markieren. So zum Beispiel das Team von „Latoda“, Halbfinalisten des Hessischen Gründerpreises 2021 und eine Ausgründung aus der Marburger Universität mit Unterstützung des „Marburger Instituts für Innovationsforschung und Existenzgründungsförderung“ (MAFEX). Eine ihrer Anwendungen: mittels Künstlicher Intelligenz (KI) eine optische Objekterkennung vornehmen – und so quasi Experten-Erfahrung in Echtzeit anwenden. Das funktioniert beispielsweise in der Krebserkennung, wo während einer Darmspiegelung die KI Polypen schnell und zuverlässig erkennen kann – selbst wenn diese noch klein sind und einem Arzt vielleicht nicht so schnell aufgefallen wären.

Doch Geschäftsführer Daniel Hein gibt noch ein anderes Anwendungsbeispiel: Die optische Kontrolle der Rotoren von Windrädern. „Nach und nach blättert etwa durch Regen-Erosion der Lack von den Rotoren ab“, erläutert Hein. Mit einer Drohne können die Rotoren abgeflogen werden, „die KI erkennt die Schäden und kann dann eine Prognose abgeben, ob beispielsweise eine Reparatur vorgenommen werden muss – oder wie viel Leistungsverlust durch die Lackschäden entsteht“, erläutert er.

Unternehmer müssen den Nutzen erkennen

Er hat in Gesprächen mit potenziellen Kunden die Erfahrung gemacht, „dass viele Unternehmer gar nicht wissen, wie leicht sich KI einsetzen lässt – und wie sie davon profitieren können“. Und verdeutlicht das mit einem weiteren Beispiel aus einem produzierenden Betrieb. „Dort stehen am Ende einer jeden Maschine vier Menschen und nehmen eine optische Prüfung des Werkstücks vor. Das kann unsere KI schneller und besser“, ist sich Hein sicher. Und schlussendlich auch günstiger.

Wie ein Weg vom Start-up zum Weltunternehmen laufen kann, verdeutlichte Dr. Jürgen Krämer mit seinem Vortrag „Innovation als Erfolgsfaktor: Aus der Forschung über das Start-up in einen internationalen Konzern“. Denn Krämer startete 2006 ebenfalls aus dem MAFEX heraus, gründete mit seinem Team ein Jahr später die „RTM Realtime Monitoring GmbH“. RTM hatte eine Software entwickelt, die in Echtzeit Daten verarbeitet. Erster Kunde war seinerzeit eine Bank, „die eine Echtzeit-Ratenkredit-Prüfung des Kunden binnen 10 bis 15 Minuten vornimmt. Da müssen also eine Menge Daten in Echtzeit verarbeitet werden.“ Drei Jahre später wurde RTM von der Software AG gekauft, mittlerweile ist Krämer dort Gesamtverantwortlicher für die Produktsparte „Internet of Things & Analytics“.

Er weiß, dass das Gründer-Geschäft ein hartes ist, denn „nur ein Start-up von fünfen gibt es noch nach dem dritten Jahr. Diese Zahlen müssen wir in Deutschland dringend ändern.“ Und Krämer weiß auch: „Erfolg ist harte Arbeit.“ Die Gründer sollten mit Spaß und Leidenschaft bei der Sache sein und die „mit Können, Mut und Ehrgeiz kombinieren“. Fokus und konsequente Umsetzung seien dabei wichtig. „Ihr könnt nicht alles planen, aber Vorbereitung zahlt sich aus“, weiß Krämer – und auch Rückschläge gebe es. Was gilt dann? „Passt euren Plan an und haltet durch.“

Wichtig sei, die Ideen mit den Kunden weiterzuentwickeln und mit den Kunden gemeinsam zu wachsen. „Validiert neue Ideen stets mit potenziellen Kunden“, so ein Rat von Krämer. Zudem sollten die Jungunternehmer Produkte gemeinsam mit den Kunden entwickeln, „gewinnt Kunden als Co-Innovationspartner“, rät er. Das habe auch den Vorteil, dass man weniger Kapital zur Entwicklung brauche. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen sieht er sich nun nicht nur als pragmatischer Umsetzer gemeinsam mit seinem Team, sondern als empathischer Expeditionsleiter; „ich bin für mein Team auf seiner Reise da“, verdeutlicht Krämer.

Von Andreas Schmidt