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Marburg Erinnerung an Reaktorkatastrophe auch zehn Jahre nach heißer Protestphase
Marburg Erinnerung an Reaktorkatastrophe auch zehn Jahre nach heißer Protestphase
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13:58 15.03.2021
Fukushima-Gedenken in Marburg: Etwa 50 Menschen beteiligten sich am Donnerstag an der Anti-Atomkraft-Kundgebung und Demonstration vom Erwin-Piscator-Haus zum Fukushima-Denkmal zwischen Deutschhausstraße und Uferstraße.
Fukushima-Gedenken in Marburg: Etwa 50 Menschen beteiligten sich am Donnerstag an der Anti-Atomkraft-Kundgebung und Demonstration vom Erwin-Piscator-Haus zum Fukushima-Denkmal zwischen Deutschhausstraße und Uferstraße. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Anti-AKW-Bewegung in Marburg erinnert auch zehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima wieder mit einer Kundgebung an die Geschehnisse von damals. In den Wochen nach dem Ereignis hatten die Atomkraftgegner teilweise mehr als 1.000 Demonstranten in Marburg auf die Straße gebracht.

Schon zum fünften Jahrestag war das öffentliche Interesse am Protest etwas abgeflaut. Dennoch hatte Hans-Horst Althaus auch damals regelmäßig Protest-Spaziergänge mit organisiert.

Althaus: Fukushima noch schlimmer als Tschernobyl

Und er ist auch jetzt Mitinitiator der Kundgebung an der Marburger Stadthalle gewesen. „Fukushima war noch schlimmer als Tschernobyl. Es sind sogar drei Kernkraftwerke in die Luft geflogen“, erzählt Althaus im Gespräch mit der OP. Und es gäbe auch zehn Jahre danach vor Ort keine Entwarnung.

„Das Ausmaß der atomaren Verstrahlung in Fukushima ist bis heute nicht genau abzuschätzen. Die Krebsrate bei Jugendlichen der Region ist deutlich erhöht“, teilt Althaus mit. „Mehr als 160.000 Menschen mussten dauerhaft umsiedeln und ihre gewohnte Umgebung verlassen. Noch heute sind rund 300 Quadratkilometer in der Region Fukushima Sperrzone.“ Dies entspräche etwa der Fläche der Stadt München.

Ein Schadensteppich

Doch zumindest hätten die Ereignisse in Japan bewirkt, dass die deutsche Bundesregierung die schon beschlossene Laufzeit-Verlängerung für die deutschen Atomkraftwerke zurückgenommen habe. Und trotz des auch unter dem Eindruck der Fukushima-Katastrophe bewirkten Umdenkens, auch bei der Regierung unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), gebe es auch heutzutage immer noch Stimmen, die die Atomkraft als einzige Energiekraft anstelle von Windkraft oder Sonnenenergie propagieren würden, wundert sich Althaus.

Aber aus seiner Sicht ziehe sich entlang der Nutzung der Atomkraft vom Schürfen des Urans bis zur ungeklärten Erblast der ungeklärten Endlagerung des Atommülls ein einziger Schadensteppich. Und noch ein aktuelles Thema der Anti-Atomkraft-Bewegung: „Atomkraftwerke zur Stromerzeugung liefern den Ausgangsstoff Plutonium zum Bau von Atombomben, eine der menschenverachtendsten militärischen Waffen, die es gibt“, wie es in der Pressemitteilung der Atomkraftgegner heißt.

Forderungen: Sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke

„Für die westlichen Mächte stellt dies angeblich nur im Iran und in Nordkorea eine Gefahr dar. Die Gefahr eines Atomkriegs droht aber in jedem Land, in dem Atomwaffen hergestellt und stationiert werden.“

Vier Forderungen an die Regierung bleiben: „Die sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke, die Unterzeichnung und Ratifizierung des Atomwaffenverbotsvertrages, eine Stromversorgung ohne klimaschädliche Atom- und Kohlekraftwerke sowie die Erzeugung von Strom aus umweltfreundlichen Energien.“

Klassische Flötenmusik

Die „heiße Phase“ der Marburger Anti-Atomkraft-Bewegung ist mittlerweile etwas abgekühlt. „In Marburg gab es zwischenzeitlich immer einmal in Monat Anti-Atom-Spaziergänge“, sagt Althaus, allerdings meistens mit „kleiner Besetzung“, wie er eingesteht. Allerdings hieße das nicht, dass es nicht noch genügend Unterstützung für die Ziele der Atomkraftgegner in Marburg gebe, meint er und verweist unter anderem auf die „Sonnensymbol-Aufkleber“ auf vielen Autos.

„Nach den Ausstiegsbeschlüssen haben viele gesagt, wir lassen es mit den Demonstrationen, und es haben nur wenige weitergemacht“, sagt auch Iris von Knorre, die die Kundgebung am Donnerstag an der Stadthalle und am Fukushima-Denkmal mitorganisiert hat. „Doch auch die letzten sechs noch verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland stellen noch ein Risiko dar“, sagt sie.

Von Knorre seit Jugendliche aktiv

Bereits seit zehn Jahren organisierte sie sehr viele größere Demonstrationen in Marburg mit. „Ich hatte damals kleinere Kinder. Und wir waren nach Fukushima in Sorge, dass sich gesundheitliche Auswirkungen auf Deutschland so ähnlich wie bei Tschernobyl wiederholen könnten“, erzählt die 41-Jährige. Diese Befürchtung habe sich dann glücklicherweise nicht bewahrheitet.

Iris von Knorre lebt seit 1999 in Marburg und war schon als Jugendliche in der Anti-AKW-Bewegung aktiv, als sie in einem Jugendcamp in einem Krankenhaus für in Tschernobyl erkrankte Kinder mitarbeitete.

Demonstration für umweltpolitische Ziele

Weitere Stationen ihrer Teilnahme in der Protestbewegung waren unter anderem die Unterstützung von Castor-Blockaden, Busfahrten nach Gorleben oder die Organisation von Tschernobyl-Jahrestagen. Die Kundgebung am Donnerstag (11. März) unterstützte sie mit klassischer Flötenmusik in einem Ableger der bundesweiten „Lebenslaute“-Bewegung, bei der mit klassischen Tönen für umweltpolitische Ziele demonstriert wird.

Hier geht’s zu der Fotogalerie: Fukushima-Gedenken in Marburg.

Von Manfred Hitzeroth

18.03.2021
15.03.2021
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