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Marburg Für eine neue Kultur des Gebärens
Marburg Für eine neue Kultur des Gebärens
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12:58 25.04.2021
Eine Hebamme (rechts) trägt im Marburger Stadtteil Bauerbach in den 50er Jahren zusammen mit einer in Tracht gekleideten Frau einen Säugling auf dem Weg von der Kirche.
Eine Hebamme (rechts) trägt im Marburger Stadtteil Bauerbach in den 50er Jahren zusammen mit einer in Tracht gekleideten Frau einen Säugling auf dem Weg von der Kirche. Quelle: Foto: Lagis/Walter Weitzel
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Marburg

Wie hat sich die Gebärkultur in Deutschland seit den 1960er Jahren verändert? Und vor welche Herausforderungen sehen sich Hebammen heutzutage angesichts der zunehmenden Medikalisierung und Technisierung der Geburt gestellt? Diesen Fragen geht die Kulturwissenschaftlerin Professorin Marita Metz-Becker in ihrer jetzt im psychosozial-Verlag erschienenen Publikation nach. Sie ist das Produkt eines Forschungsprojektes der Gerda-Henkel-Stiftung.

Interviews mit Hebammen aus drei Generationen sind der Hauptbestandteil des Buchs. Ausführlich hat Marita Metz-Becker dazu mit den Frauen über ihren Beruf geredet. Diese Gespräche stellt sie in einen sozialen, historischen und kulturellen Gesamtzusammenhang. „Es zeigt sich, dass die Hebammen die moderne Geburtsmedizin nicht nur als Fortschritt begreifen, sondern auch kritisch diskutieren und auch deren gesamtgesellschaftliche Auswirkungen im Blick haben“, bilanziert die Wissenschaftlerin. „Sie fühlen sich ihrem Berufsethos verpflichtet und plädieren für eine neue Kultur des Gebärens, bei der die Menschlichkeit im Vordergrund steht und nicht der Rotstift der Gesundheitspolitik.“

Kritik an der Vielzahl

medizinischer Interventionen

So äußert sich beispielsweise eine Landhebamme, die ihr ganzes Leben lang Hausgeburten betreut hat, kritisch über die Vielzahl von medizinischen Interventionen vom Kaiserschnitt nach Wunsch bis hin zur Rückenmarksnarkose. Als Ursache für den Rückgang der Hausgeburten sieht sie vor allem die Angst der werdenden Mütter. „Die haben Angst. Die glauben, dass sie’s ewige Leben kriegen, die denken, ich such mir ’ne Klinik und die bringen mir das Kind auf’m Tablett, gell“, sagt die Hebamme. Und dann seien sie verwundert, dass das nicht gehe und dass niemand ständig bei ihnen stehen könne, weil es nicht genug Personal gebe.

Bis in die 60er Jahre hinein seien Hausgeburten die Normalität gewesen und in der Regel auch „normal“ verlaufen, meint Metz-Becker. „Die Hebammen kannten die Frauen und konnten sie einschätzen; und sie kannten die Familien und die älteren Geschwisterkinder, denen sie ebenfalls auf die Welt geholfen hatten“, so die Wissenschaftlerin.

Rund 2 500 Hausgeburten hat eine weitere Hebamme in ihrem 50-jährigen Berufsleben betreut. Im Gespräch schildert sie exemplarisch ihre Unterstützung für eine Mutter, der sie als Geburtshelferin zur Seite gestanden hat: „Die hat alle fünf Kinder zu Hause gekriegt und ganz ohne alle, alle … Wunderbar, gell. Sind auch alle gut geraten. Da gab’s auch überhaupt keine Frage, dass die nicht zu Hause auf die Welt kämen. Und man kannte ja dann auch die Menschen, die man so zu betreuen hatte. Die waren einem ja dann auch nicht fremd. Das war schon immer sehr, sehr, sehr schön. Ganz schön. Wenn dann so ein gesundes Kindchen dann da ist, das ist so etwas Besonderes.“

Als bereichernd empfand sie auch den Kontakt mit den Kindern aus der Familie. Bei ihren wöchentlichen Besuchen nach einer Geburt seien alle schon zuvor auf die Welt gekommenen Kinder da gewesen und hätten beobachtet, wie sie die Neuankömmlinge gebadet oder gepflegt habe. „Das waren alles meine Kinder“, berichtet die Hebamme über ihre innige Verbindung.

Die Hausgeburt ist schon lange nicht mehr die Regel. Ein Großteil der Geburten erfolgt schon seit den 70er Jahren in Deutschland in den Kliniken.

Viele Hebammen waren

unglücklich mit Entwicklung

So ist die Arbeit im Kreißsaal für die Hebammen überwiegend zur Normalität geworden. „Wissenschaftliche Erkenntnisse und Neuerungen in der klassischen Geburtsmedizin verhalfen dem Ansehen der Klinikgeburt in der bundesdeutschen Bevölkerung zum Durchbruch“, urteilt Metz-Becker.

„Die Hebammen büßten ein hohes Maß ihrer Eigenständigkeit ein. Das Unterordnen unter ärztliche Anweisungen, katastrophale personelle Besetzung in der Klinik und mangelnde Möglichkeiten zur selbständigen Arbeit führte bei vielen zur Unzufriedenheit“, bilanziert die Marburger Kulturwissenschaftlerin. So hätten sie beispielsweise aufgrund von Schichtwechseln die Gebärenden nicht zu Ende betreuen können, wie sie es gelernt hatten. Und durch die Einführung der „Apparatemedizin“ seien Geburten medizintechnisch steuerbar geworden, sodass die Kenntnisse und Kompetenzen der Hebammen auf lange Sicht verloren gegangen seien. Insgesamt bezeichnet Metz-Becker den Wandel als „kopernikanische Wende in der Geburtshilfe“.

Hinzu komme, dass die Entlohnung für die Hebammen in der Klinik aus ihrer Sicht zu niedrig sei. „Wir verdienen für die Verantwortung, die wir haben, nicht viel“, schildert in einem Interview eine Hebamme, die bereits seit 20 Jahren in der Klinik angestellt ist. „Einer, der am Fließband sitzt, hat vielleicht mehr Stundenlohn als eine Hebamme oder Krankenschwester, die hier tätig ist“, beklagt sie. Aber es gehe bei dem Hebammenjob um Menschenleben, Patientenleben und persönliche Betreuung.

Andererseits könne auch die freiberufliche Tätigkeit als Hebamme zeitlich herausfordernd sein, berichtet sie aus eigener nebenberuflicher Erfahrung. „Du musst für die Frauen wirklich auch da sein. Du musst immer gehen, du musst, wenn nötig, nochmal hingehen. Man muss denen beim Stillen helfen, beim Kind, bei Pflege, bei 1 000 anderen Fragen, Ernährung etc.“, schildert die Hebamme.

Doch trotz dieser Widrigkeiten gibt es laut Metz-Becker in den letzten Jahren auch einen Gegentrend weg von den Kliniken und hin zu Geburtshäusern und freiberuflichen Hebammen zu beobachten. „Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass der Machbarkeitsgedanke an sein Ende gelangt sein könnte und angesichts der hohen Rate operativer Entbindungen gegenwärtig wieder gegengesteuert wird“, bilanziert Metz-Becker. Die Hebammen hätten jedenfalls gezeigt, dass sie zu allen Zeiten für die ihnen anvertrauten Frauen eingestanden seien und Technik, Medikalisierung und Hospitation der Geburt stets kritisch gesehen hätten.

Marita Metz-Becker: Drei Generationen Hebammenalltag. Wandel der Gebärkultur in Deutschland. Psychosozial-Verlag Gießen, 2021. 34,90 Euro.

Von Manfred Hitzeroth