Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Ehrenamt als Lebenselexier
Marburg Ehrenamt als Lebenselexier
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:57 12.01.2020
Der 90-jährige Otfried Winkel (links), Architekt und mittlerweile Schöffe, blickt mit dem Ortsgerichtsvorsteher Hans-Jürgen Schäfer auf sein bisheriges Leben zurück. Quelle: Beatrix Achinger
Anzeige
Marburg

Otfried Winkel denkt mit seinen 90 Lebensjahren gar nicht daran, sich ganz zur Ruhe zu setzen. Wenn er heute als Schöffe für Schätzungen unterwegs ist, dann denkt er häufig: „Mensch, schön, dass das noch so ist, dass ich das noch machen kann.“

Und das passt sehr zu seinem Lebensmotto: „Man sollte das versuchen, was man kann, und am besten zu 100 Prozent.“

Anzeige

Otfried Winkel ist am 28. November 1929 als eines von sieben Kindern in Ockershausen zur Welt gekommen. Von der Volksschule Ockershausen ging es für ihn zur Mittelschule, einer damaligen Privatschule in Marburg. Als Winkel dann im Jahr 1946 seine mittlere Reife erwarb, da hatte er schon Vorstellungen für sein Berufsleben: ­Architekt wollte er werden.

Marburger Schloss ist wie der Schlüssel

So begann er zunächst mit ­einer Maurerlehre und erwarb später seinen Abschluss an der Ingenieursschule Gießen. Seit 1953 ist der 90-Jährige Architekt: Zunächst bei einem Privatarchitekten in Marburg angestellt, wurde er 1964 Leiter des Bauamts in Stadtallendorf, bis er bei der Bundesbahn-Wohnungsbaugesellschaft in der Bundesbahndirektion Frankfurt Sachbearbeiter für verschiedene Regionen war.

Nach der Wende 1989 habe er dann in der Bundesbahndirektion Erfurt ausgeholfen, „so bin ich viel rumgekommen“, sagt er. Doch Marburg zu verlassen war für Winkel nie eine Option: „Wenn ich aus Norden komme oder wenn ich aus Süden komme und ­sehe das Marburger Schloss: Es ist, als würde ich meine Haustür aufschließen“, sagt Winkel ­lächelnd.

Schöffen

Jede Gemeinde in Hessen verfügt über ein Ortsgericht. Die Ortsgerichte haben den Status von Hilfsbehörden der Justiz. Dienstaufsichtsbehörde des Ortsgerichtes ist das jeweilige Amtsgericht. Für jedes Ortsgericht werden ein Ortsgerichtsvorsteher und mindestens vier 
Ortsgerichtsschöffen bestellt. Alle werden auf Vorschlag der Gemeinde vom Präsidenten oder Direktor des Amtsgerichtes ernannt.

Die Amtsdauer beträgt zehn Jahre. Aufgaben der Ortsgerichte sind: Beglaubigungen von Unterschriften und Abschriften; Erteilung der Sterbefallanzeige an das Amtsgericht; Sicherung des Nachlasses; Mitwirkung des Ortsgerichtes bei Festsetzung und Erhaltung von Grundstücksgrenzen; Schätzungen.

Und ebenso über seinen Beruf: „Ich habe den richtigen Beruf ergriffen, der mich voll erfüllt hat. Architekt ist wie eine Berufung für mich.“

Seit 18 Jahren ist Otfried Winkel Schöffe am Ortsgericht Marburg I und, wie es der Ortsgerichtsvorsteher Hans-Jürgen Schäfer formuliert, „ein wahrer Glücksgriff.“

Denn als Architekt sei er bei Schätzungen sehr versiert: „Ich schätze heute teilweise Häuser und Grundstücke, die ich als Architekt selbst geplant habe“, erklärt Otfried Winkel.

Wenn er mit zwei Kollegen des Ortsgerichts für Schätzungen unterwegs ist, sei Otfried Winkel darüber hinaus „ein wandelndes Geschichtslexikon“: „Jedes Mal, wenn wir in ein Haus kommen, kann Otfried uns immer etwas sagen, zum Haus oder zur Nachbarschaft“, sagt Hans-Jürgen Schäfer.

Dienstzeit läuft noch zwei Jahre

2016 hat das Land Hessen Winkel sogar den Ehrenbrief für sein ehrenamtliches Engagement verliehen. Der 90-Jährige selbst sagt über seine Tätigkeit: „Ich mache das sehr gerne, weil es auch beruflich wunderbar passt. Es hilft der Vitalität und ist für mich ein bisschen wie ein Lebenselexier.“

Seine Dienstzeit läuft bis 2022: „Man kann nur hoffen, dass die Stadt mich noch eine Weile als Schöffen ertragen muss“, sagt der wohl älteste Schöffe an ­einem Ortsgericht und lacht.

von Beatrix Achinger