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Marburg "Tour wird in den Bergen entschieden"
Marburg "Tour wird in den Bergen entschieden"
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11:00 13.07.2019
Georg Kaiser hat den Tourplan von 1962 hinter Glas gefasst und in seinem Laden ausgestellt. Die Tour de France zieht ihn jedes Jahr von Neuem in den Bann. Quelle: Götz Schaub
Cyriaxweimar

Radrennen bestimmten und bestimmen immer noch Georg Kaisers Leben. Mit 13 entdeckte er seine Liebe zum Radrennsport. Mit 37 machte er körperlich damit Schluss, aber bis heute nicht im Kopf. Seit mehr als drei Dekaden betreibt er ein Fahrradgeschäft und sammelt allerlei Schätze rund um den Radsport: Rennmaschinen, die bei großen Rennen von bekannten Fahrern gefahren wurden, und andere Räder, die die Geschichte und Entwicklungen im Radsport quasi visuell erzählen können.

Seit einigen Jahren zeigt Kaiser mit Gleichgesinnten solche Räder bei der ersten Öffnung des Polizei-Oldtimermuseums im Jahr als willkommene Zusatzattraktion. Einen besonderen Bezug hat der 69-Jährige zur Tour de France, die er auch schon vor Ort mitverfolgte.

Bei den Live-Übertragungen im Fernsehen braucht er eigentlich keine Kommentatoren, die ihm etwas erklären. Er sieht es den Fahrern an ihrer Haltung und Gestik an, was sie draufhaben, wer noch mehr zu bieten hat, wer bereits gegen schwindende Kräfte kämpft, wer sich bedeckt hält, kräftesparend, aber effektiv fährt. Die Tour, die jedes Jahr etwas anders gestaltet wird, „wird in diesem Jahr in den Bergen entschieden“.

Dieses Jahr gewinnt Nairo Quintana

Das sagt Kaiser nicht nur so, er weiß es. Da die Bergetappen erst ganz zum Schluss kommen, ist Spannung garantiert. Die Fahrer, die dann bei der 19. und 20. Etappe „explodieren“ werden, müssen sich natürlich auch vorher schon eine gute Ausgangsposition erarbeiten, ohne allerdings zu viel Kraft einzusetzen. „Ich gehe davon aus, dass keiner von denen, die die Tour gewinnen wollen, in den ersten Tage willentlich auf Etappen-Sieg fährt“, sagt Kaiser.

Die Favoriten sollen vielmehr von ihren Teamkollegen im Windschatten fahrend entlastet, aber auch abgeschirmt werden. Denn nichts wäre schlimmer, als in einen Crash involviert zu werden und sich dabei zu verletzen. Crash. Ja, da war doch noch was.

Erster Leidtragender eines Unfalls wurde ein Favorit bereits vor der Tour. Der schwer gestürzte viermalige Tour-Sieger Christopher Froome musste ­bekanntlich passen. Kaiser legt sich fest: Dieses Jahr gewinnt Nairo Quintana aus Kolumbien – 29 Jahre alt, 1,67 Meter groß und 58 Kilo schwer, oder sollte man lieber leicht sagen? „In den ­Bergen belastet jedes Gramm Eigengewicht“, sagt Kaiser.

In den Bergen ist jeder Fahrer auf sich gestellt

Ab Etappe 14 wird es also richtig spannend. Dann geht es in die Berge. Erst noch „gemächlich“, doch auch der „Aufgalopp“ sollte nach zwei Wochen täglicher Anstrengung nicht unterschätzt werden, zumal dann die Berg-Experten sicher das Tempo forcieren werden. Und ja, wir sprechen hier von den Pyrenäen. Bei der 15. Etappe geht es gleich über drei Pässe, einer von diesen liegt auf 1.500 Metern Höhe. Dann folgt eine kleine Erholungsphase, ehe der Weg in Richtung Alpen eingeschlagen wird.

Bei der 18. Etappe stehen wieder drei Pässe an, dieses Mal aber auf Höhen zwischen 2.100 und 2.600 Metern. Richtig zur Sache geht es dann bei der 19. und 20. Etappe, die direkt vor der finalen Paris-Etappe liegen, zu deren Ausgangspunkt dann noch geflogen wird. „Bei der 19. Etappe wird aussortiert, wer am Ende die Chance auf den Gesamtsieg hat.“ Der Pass Col de l’Iseran markiert den höchsten Punkt mit 2.764 Metern.

Dabei werde es dann mehr denn je auf die Einzelfahrer ankommen. Im Team laufe dann nichts mehr. Schließlich geht es auf Höhen, wo die Luft dünner wird. Das wird Kaisers Favorit möglicherweise noch in die Karten spielen, denn er lebte schon als kleiner Junge in Kolumbien in solchen Höhen. 2013 feierte Quintana seinen größten Erfolg bei der Tour de France als Gewinner der Bergwertung.

Und den Gewinn heimste er sich zusätzlich zum gepunkteten Trikot im weißen Trikot ein, also als Sieger der Nachwuchsfahrer-Wertung, die er 2015 noch einmal gewann. Jetzt also soll der ganz große Wurf gelingen, meint Kaiser. Nun, und gegen wen muss sich der Kolumbianer am ehesten erwehren? Romain Bardet, sagt er. Aha, ein Franzose.

"Sprinter haben gute Chancen"

Einer, der bei der Katalonien-Rundfahrt schon mal am eigenen Leib gespürt hat, wie es ist, durch eine Massenkarambolage aus dem Rennen genommen zu werden. „Bardet ist ein sehr vielseitiger Fahrer, der auch Kraft für die Berge hat“, urteilt der Rennradexperte und geht damit auf Konfrontation mit den französischen Medien, die auf Landsmann Thibaut Pinot bauen.

Und was ist mit den deutschen Teilnehmern? „Die Sprinter haben gute Chancen, einen Etappensieg zu erzielen, aber dieses Jahr sind definitiv die Bergfahrer ganz vorne.“ Und da sieht Kaiser keinen Deutschen in der engeren Auswahl.
Radrennsport ist Kaisers Leben. Von der Tour de France hat er einige Erinnerungsstücke in seiner Sammlung. Im Schaufenster seines Ladens steht ein Rad – eine „Maschine“ –, die original bei einem Zeitrennen genutzt wurde.

Über eine Freundin aus Frankreich kam Kaiser unlängst an eine Karte der Route von 1962. Die lag wohl über viele, ­viele Jahre in einem alten Schrank ganz unschuldig in der Schublade. Als dieser Schrank von Kaisers Freundin aus Frankreich erstanden wurde, fand sie darin die Karte und wusste sofort, wer sie in Ehren halten würde. Bei einem früheren Besuch der Tour in Frankreich konnte Kaiser auch mit einem ZDF-Wagen mitfahren.

Das sind alles so Erlebnisse am Rande, die aber zum großen Ganzen seines Hobbys, seiner Passion gehören. Deshalb will er seinen ­Laden auch noch weiter betreiben und vor allem historische Räder restaurieren und gerne auch wieder ausstellen.

von Götz Schaub