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Marburg „Wir verkaufen gerade nur Lieferzeiten“
Marburg „Wir verkaufen gerade nur Lieferzeiten“
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12:00 15.02.2022
Roboter arbeiten an der Karosserie von Neuwagen: Autokäufer müssen derzeit meist lange auf einen Neuwagen warten – unter anderem wegen der Halbleiterkrise und Logistik-Engpässen.
Roboter arbeiten an der Karosserie von Neuwagen: Autokäufer müssen derzeit meist lange auf einen Neuwagen warten – unter anderem wegen der Halbleiterkrise und Logistik-Engpässen. Quelle: Sven Hoppe
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Die Lage im Kfz-Handwerk ist angespannt: Zwar sind die Werkstätten relativ gut ausgelastet. Doch sieht es beim Autoverkauf ganz anders aus, wie Ralf Funke, Obermeister der Kfz-Innung Marburg, berichtet.

Dabei ist die Ausgangslage gar nicht so schlecht, denn: „Die Nachfrage der Kunden ist durchaus da“, weiß er. Es mangele also nicht an potenziellen Käufern – „aber an Autos“. Das ließe sich schon am Blick über seine Verkaufsfläche feststellen – und die sei symptomatisch für viele Händler: „Es sind nur sehr wenige Neuwagen vorhanden.“ Ralf Funke sagt: „Wir verkaufen gerade nur Lieferzeiten“ – das sei durchaus frustrierend, für Kunden und Händler gleichermaßen.

Zum einen kämen Fahrzeuge, die bestellt würden, nicht herbei, „weder Lager- noch Vorführwagen. Und dann werden Autos, die wir im Vorlauf haben, uns zugunsten der Kunden quasi weggenommen.“ Prinzipiell mache das ja auch Sinn, „es ist ja besser, wenn der Kunde, der schon eine Weile auf sein Fahrzeug wartet, dann auch ein Auto bekommt, als dass ich einen Lagerwagen hier habe“, so Funke. Das sei mittlerweile Tagesgeschäft.

Bonuszahlungen in Gefahr

Doch führe das für die Händler zu gravierenden Problemen. Denn: Sowohl an den Lager- als auch den Vorführwagen – beides vom Hersteller mit dem Händler schriftlich festgelegt – hängen Bonuszahlungen, die für die Betriebe immens wichtig seien, da die Kundschaft immer hohe Rabatte heraushandeln wolle. „Die Ziele lassen sich natürlich für die Händler nicht erfüllen, wenn es keine Fahrzeuge gibt“, sagt Funke. Bisher würden sich viele Hersteller noch nicht richtig dazu äußern, wie dieses Problem gelöst werden solle – also, ob zum Beispiel die Händler von diesen Zielvereinbarungen entbunden oder die Ziele herabgesetzt würden. „Konkret heißt das: Bekommt der Händler keine Autos, kann er diese nicht zulassen – er erreicht seine Ziele nicht und im schlimmsten Fall gehen ihm wichtige Boni verloren.“

Ähnlich sei die Situation auch beim Thema Lager- und Vorführwagen, „und zwar über alle Marken hinweg“, sagt Funke, „für die Hersteller existiert Corona nicht mehr.“

Ralf Funke, Obermeister der Kfz-Innung Marburg Quelle: Privatfoto

In der Branche könne sich auch das Thema der Umsatzsteuer-Verrechnung zu einem großen Problem ausweiten. In der Regel ist es so: Wenn ein Händler Neuwagen bekommt, kann er sich die Umsatzsteuer – also die Mehrwertsteuer – vom Finanzamt zurückholen. Wenn er dann ein Auto verkauft, führt er die dann eingenommene Mehrwertsteuer wieder ab. Doch werde dieser Kreislauf durch die Situation gerade außer Kraft gesetzt, denn: „Wenn jemand beispielsweise sein großes Lager mit einem Wert von einer Million Euro abverkauft, muss er 190 000 Euro an Steuer abführen – bekommt aber keine Neuwagen, um das gegenrechnen zu können. Das kann Händler durchaus ans Limit bringen“, rechnet Funke vor. Die Autobranche sei „extrem kapitalintensiv – wenn sich an der Situation nichts ändert, könnte das viele Betriebe die Existenz kosten. Da muss sich die Politik Gedanken machen, denn es kann gut sein, dass die Wirtschaft wieder Unterstützung braucht.“

Doch warum können die Hersteller keine Fahrzeuge produzieren? „Da ist natürlich zunächst einmal das Halbleiter-Problem“, verdeutlicht Funke. Chips werden für alle Autos gebraucht und sind immer noch Mangelware, vor allem in E-Autos sind sie en masse verbaut. „Ein riesiges Problem sind auch die Lieferketten, die eingebrochen sind“, weiß er. Bauteile für die Autos kämen quasi aus aller Welt, „und das just in time, denn keiner hat ein Lager“.

Produktion steht still

Sobald bei einem Zulieferer der Betrieb wegen Corona stillstehe, „kommen die Teile nicht mehr – die Produktion steht still. Es gibt Werke, die mitunter für ein oder zwei Wochen geschlossen sind“, sagt Funke. Schließen ließen sich die Werke schnell. „Aber das Wiederhochfahren, das dauert.“ Hinzu kämen fehlende Schiffscontainer, „deren Preise noch dazu exorbitant gestiegen sind“, und in den Häfen fehle aufgrund der Pandemie das Personal, um die Fracht der Schiffe zu löschen.

Der Zentralverband des deutschen Kraftfahrzeuggewerbes geht in seiner Prognose davon aus, dass sich der Bestellstau bei Neufahrzeugen ab Mitte des Jahres langsam aufzulösen beginnt. „Somit erwarten wir um die 2,9 Millionen neu zugelassene Pkw“ – 340 000 mehr als letztes Jahr, sagt ZDK-Präsident Jürgen Karpinski. Laut der ZDK-Analyse werde sich auch der Gebrauchtwagenmarkt schrittweise normalisieren. Der Verband prognostiziert für dieses Jahr „rund 6,8 Millionen Pkw-Besitzumschreibungen nach rund 6,7 Millionen Halterwechseln in 2021“, so Karpinski. Die Auslastungsquote der Werkstätten werde sich im Schnitt um zwei Zähler auf 82 Prozent erhöhen.

Von Andreas Schmidt