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Marburg Frust bis Hoffnung zwischen Lockerung und Lockdown
Marburg Frust bis Hoffnung zwischen Lockerung und Lockdown
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20:30 04.03.2021
Auch Fitnessstudios dürfen unter Auflagen wieder öffnen.
Auch Fitnessstudios dürfen unter Auflagen wieder öffnen. Quelle: Kira Hofmann/dpa
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Marburg

Gestern stellte das hessische Corona-Kabinett neue Corona-Beschlüsse auf Landesebene auf, die ab Montag gelten – die Reaktionen bei heimischen Unternehmen, im Kulturbereich oder im Sport fallen unterschiedlich aus. Bau- und Gartenmärkte, Buchhandlungen oder Baumschulen sowie Fitnessstudios und Körperpflege-Geschäfte dürfen unabhängig vom Landes-Inzidenzwert wieder öffnen. Alle weiteren Geschäfte können ab Montag unter Auflagen ebenfalls öffnen, wenn sie „Click & Meet“ anbieten, also Beratung und Verkauf mit vorheriger Terminvereinbarung und Datenerfassung. Sollte die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz über 100 steigen, könnten manche Öffnungsschritte wieder zurückgenommen werden. Bei unter 50 wären eventuell weitere Lockerungen möglich, hatte Ministerpräsident Volker Bouffier mitgeteilt. Die Regeln gelten vorerst bis zum 28. März.

Handel braucht Konzepte

Einkaufen mit Termin ist im Einzelhandel wieder möglich, die Umsetzung der „Click-and-Meet“-Vorgaben dürfte für viele Läden aber kompliziert werden. „Das ist eine Riesenaufgabe und äußerst schwierig“, sagt etwa Peter Ahrens, Geschäftsführer des Kaufhauses Ahrens. Gerade bei einem Unternehmen dieser Größe dürfte es dauern, die Verordnung umzusetzen; „wir werden ein Konzept finden, das die Vorgaben erfüllt.“ Bis Montag sei dies nicht umsetzbar, bis dahin werde das Kaufhaus noch nicht öffnen können. Auch wie die zwingende Terminierung bei den Kunden ankommt, werde man sehen, „das ist nicht besonders kundenfreundlich.“

Das befürchten auch andere Händler, die weiterhin vorsichtig bleiben. Wie die neue Verordnung nun umgesetzt werden kann, müsse sich erst zeigen und sei noch schwer einzuschätzen, berichtet Friedrich Bode, Vorsitzender des Werbekreises Oberstadt. „Zufriedenstellend ist das nicht, aber besser als nichts.“

Weiterhin bei der stufenweise Öffnungsperspektive außen vor sieht sich die Gastronomie und Hotellerie: „Das sieht ein bisschen willkürlich aus und langsam wird es lächerlich, es zehrt einfach an den Nerven“, betont Manuela Richter, vertretungsberechtigte Geschäftsführerin des Marburger Hofs. Sie vermisse erneut konkrete Öffnungsperspektiven für ihre Branche und auch dort klare Vorgaben. „Die ,Click-and-Meet’-Regel freut mich für die Kollegen im Einzelhandel, ist aber sicher schwer umzusetzen – und uns bringt das nichts“, sagt Richter verärgert.

In der Freizeit- und Kulturbranche sind die Erwartungen noch gedämpft, es gibt aber Hoffnung. „Die Corona-Beschlüsse bedeuten, dass wir weiter abwarten müssen“, sagte die Marburger Kinobetreiberin Marion Closmann gestern in einer ersten Reaktion der OP. „Ich glaube nicht, dass es uns gelingt, die Inzidenzwerte so weit zu drücken, dass die Kinos in Kürze wieder öffnen dürfen. Wir beobachten das Ganze und hoffen, dass die Menschen sich an die Corona-Regeln halten, damit wir bald öffnen können.“

Eva Lange und Carola Unser, die Intendantinnen des Hessischen Landestheaters Marburg (HLTM), teilten auf Anfrage der OP mit: „Wir als HLTM freuen uns über erste Zukunftsperspektiven. Die Öffnungsschritte machen uns Mut, dass bald erste Theatervorstellungen denkbar scheinen – natürlich unter Berücksichtigung der Inzidenzzahlen. Und ansonsten erproben wir uns weiter an neuen digitalen Theaterformaten, bis wir voller Freude unsere Zuschauerinnen und Zuschauer auch persönlich leibhaftig im Theater empfangen können.“

Der Landkreis gab gestern noch keine konkrete Stellungnahme zu den neuen Regelungen ab, teilte mit, dass man sich diese „zunächst genau ansehen“ werde. „In der nächsten Sitzung unseres Corona-Koordinierungsstabes am Freitagmorgen werden wir erörtern, welche Konsequenzen die Beschlüsse hier für uns haben und welche Maßnahmen hier vor Ort ergriffen werden können“, hieß es aus der Pressestelle.

Fitnessstudios dürfen öffnen

Die Fitnessstudios in Hessen dürfen ab Montag wieder öffnen – unter strengen Hygienebedingungen. So muss sichergestellt sein, dass theoretisch jedem, der nach vorheriger Anmeldung und Terminvereinbarung trainiert, 40 Quadratmeter Fläche zur Verfügung stehen. „Das bedeutet natürlich, dass wir nur einen Bruchteil unserer Gäste gleichzeitig begrüßen können“, sagt etwa Urban Seifert, Geschäftsführer der Move Sportwelt in Marburg: „Aber man ist froh, dass man überhaupt öffnen kann.“

So sieht das auch Vardan Arakelyan, Geschäftsführer vom „clever fit“ in Stadtallendorf: „Wir müssen noch sehen, wie wir das genau umsetzen, aber wir sind super dankbar, dass wir am Montag wieder öffnen dürfen – die Telefone laufen schon heiß, und wir sind ready!“

Urban Seifert erzählte im Gespräch mit der OP auch, dass sich in einer „Experten-Allianz für Gesundheit“ organisierte Fitnessstudiobetreiber per Brief an die Politik gewandt haben, in dem sie auf ihre kritische wirtschaftliche Situation während des Pandemie-bedingten Lockdowns aufmerksam machen wollen. Zum anderen weise die Allianz auf die gesundheitlichen Langzeitfolgen hin, die durch die Schließung der Fitnessstudios entstünden. Ein dritter Punkt, der in diesem, der OP vorliegenden, Schreiben an Bundestagsabgeordnete und Minister Erwähnung findet, ist die Kritik an der schleppenden Zahlung staatlicher Wirtschaftshilfen.

Sport nicht im Vordergrund

Nicht zufrieden mit den Beschlüssen von Bund und Ländern ist Jürgen Hertlein, Vorsitzender des Sportkreises Marburg-Biedenkopf. „Für den Breiten- und Amateursport sind die Beschlüsse relativ dürftig. Der Sport stand nicht im Vordergrund“, kritisiert Hertlein, der sich im OP-Interview für die Öffnung der Sporthallen für den Vereinssport ausgesprochen hatte. „Warum sollen etwa in der Georg-Gaßmann-Halle in Marburg nicht zehn Kinder oder Jugendliche Sport treiben dürfen? Es muss ja nicht gleich Kontaktsport sein“, sagt der Sportkreis-Vorsitzende. Im dritten Öffnungsschritt ab 8. März (in den ersten beiden ist der Sport nicht berücksichtigt) darf bei einer Inzidenz unter 50 kontaktfreier Sport mit maximal zehn Personen unter freiem Himmel ausgeübt werden. Bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100 ist Individualsport im Freien mit maximal fünf Personen aus zwei Haushalten möglich, dazu Sport mit maximal 20 Kindern unter 14 Jahren unter freiem Himmel. Sport in Hallen ist frühestens ab dem 22. März möglich.

Von Uwe Badouin, Carsten Beckmann, Marcello Di Cicco und Ina Tannert

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