Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Frühe Warnung vor Corona
Marburg Frühe Warnung vor Corona
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:31 06.01.2021
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie Charité in Berlin, ist ein gefragter Experte in der Corona-Pandemie.
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie Charité in Berlin, ist ein gefragter Experte in der Corona-Pandemie. Quelle: Foto: Britta Pedersen/dpa
Anzeige
Gießen

Die Ringvorlesung des Universitätspräsidenten greift stets aktuelle bis zukunftsweisende Themen mit hochkarätigen Gästen auf. Beinahe prophetisch wirkt im Rückblick einiges von dem, was sechs Experten im Wintersemester 2010/11 über „Die großen Seuchen – Geißeln der Menschheit“ zu sagen hatten. Das Interesse daran war groß in Gießen: Die 400 Besucher fassende Uni-Aula war meistens voll besetzt bis überfüllt.

„Lassen sich Epidemien vorhersagen?“, war Drostens Beitrag überschrieben. Der Virologie-Chef der Berliner Charité, der im Coronajahr 2020 zum Medienstar wurde, war damals 38 Jahre alt und Direktor des Instituts für Virologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Bedeutende wissenschaftliche Verdienste hatte der junge Mediziner bereits 2003 erworben, als er das Sars-Virus identifizierte. Am bis dato unbekannten „Schweren Akuten Atemwegssyndrom“ erkrankten rund 8 000 Menschen in 29 Ländern.

Es sei eine „Überraschung“ gewesen, dass Sars nicht durch Influenza-, sondern durch Coronaviren übertragen wird, erläuterte Drosten an der JLU. Die galten zuvor nur als Verursacher harmloser Erkältungskrankheiten. Ebenfalls unerwartet war die Erkenntnis, dass die Fledermaus als Wirt wirkte. „Man hat sich in der Seuchenforschung lange auf die Vögel konzentriert, dabei die Fledermäuse aber komplett vergessen“, so Drosten. Dies sei „ein gefährliches Versäumnis“. Fledermäuse werden auch bei der aktuellen SARS-CoV2-Pandemie als Überträger vermutet.

Bei Sars 2003 habe die Menschheit letztlich Glück gehabt; die Pandemie ebbte nach wenigen Monaten ab. Schwierig sei einzuschätzen, ob ein ähnliches Coronavirus in Zukunft eine vergleichbare oder gar größere Seuche hervorrufen könne, lautete Drostens Einschätzung vor zehn Jahren. Die Voraussetzungen seien gegeben: Die Menschen sind mobil, leben dicht an dicht in Großstädten und in vielen Regionen auch auf engem Raum mit Tieren zusammen. „All jene Aspekte begünstigen die Übertragungsvorgänge und helfen so dem Virus“, sagte Drosten. Vorbeugemaßnahmen seien nötig. Sie dürften allerdings nicht die Bestände von nützlichen und teilweise bedrohten Arten gefährden. Wildtiere ließen sich nicht einfach „keulen“.

Von Globalisierung bis zu Impf-Ängsten

Krankheitserreger profitieren von der modernen Globalisierung und lassen sich nicht durch Passkontrollen aufhalten: Das betonten in der Ringvorlesung auch weitere Fachleute. Etwa Professor Jörg Hacker, ehemaliger Präsident des Robert-Koch-Instituts und der Leopoldina. Die Pest im Mittelalter habe rund fünf Jahre gebraucht, um vom Mittelmeer bis nach Skandinavien zu gelangen. Bei der Schweinegrippe dauerte es fünf Tage, bis sie von Mexiko nach Deutschland gekommen war. Die in den 60er-Jahren gekeimte Hoffnung, die Ära der Infektionskrankheiten sei überstanden, habe sich nicht bewahrheitet, so Hacker. Eine Veränderung von Erregern zu neuen, gefährlicheren Formen sei jederzeit vorstellbar.

„Die Medizin hat den Anschluss verloren“, meinte Professor Stefan H. E. Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie Berlin. In seinem Vortrag „Seuchen: Empfundene und reale Bedrohungen“ warnte der Biologe vor resistenten Tuberkulose-Erregerstämmen, „gegen die kein Kraut mehr gewachsen ist“. Für die Pharmaindustrie lohne es sich zu wenig, Mittel gegen „Krankheiten der Armen“ zu entwickeln. Damals prominentester Redner der Ringvorlesung war der Medizin-Nobelpreisträger von 2008, Professor Harald zur Hausen. Der langjährige Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg befasste sich mit der „Suche nach infektiösen Krebsursachen“.

Zur Hausen beklagte – mit Blick auf Gebärmutterhalskrebs – ein Phänomen, das ebenfalls bis heute aktuell ist: Vorbehalte gegen Impfungen seien in Deutschland besonders verbreitet.

Von Karen Werner

06.01.2021
Marburg HITZEROTH Druck + Medien GmbH & Co. KG - Wir trauern um Dr. Wolfram Hitzeroth
06.01.2021
06.01.2021