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Marburg Elena W. war „eine schwache Schülerin“
Marburg Elena W. war „eine schwache Schülerin“
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16:46 05.12.2019
Die Angeklagte mit ihren Anwälten im Gerichtssaal. Der Frühchensprozess wird am 31. Juli fortgesetzt. Quelle: Nadine Weigel/Archiv
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Marburg

Die Nebenklage im Frühchenprozess hat einen Beweisermittlungsantrag gestellt. Überdies sagten ehemalige Mitschülerinnen und Lehrkräfte der angeklagten Kinderkrankenschwester aus.

Für die Eltern des verstorbenen Frühchens Leni sei es „nach wie vor unbegreiflich und schwer zu ertragen, warum der Haftbefehl gegen die Angeklagte bereits im Ermittlungsverfahren aufgehoben wurde“, heißt es in dem Antrag der Nebenklage.

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Die Anwältinnen der Eheleute wollen ermitteln lassen, welche Person aus dem Universitätsklinikum Marburg (UKGM) der Verteidigung vertrauliche Informationen zukommen ließ. 
Die betreffenden Informationen führten vor wenigen Wochen zu einem Beweisantrag der Verteidigung, die ihrerseits die Beeinflussung von verschiedenen Zeugen vermutete.

UGKM kommentiert Mitarbeiterversetzung nicht

Nach der erneuten Vernehmung der ehemals leitenden Stationsangestellten hätten sich diese Informationen als „katastrophal falsch“ erwiesen, heißt es in dem Antrag von Neben­klageanwältin Elke Edelmann. Ihre Kollegin Silke Schuster, die Vertreterin der Mutter Lenis, schloss sich dem Antrag an, im Gegensatz zu den Anwälten der Eltern von Mia und Johanna.

Das UKGM äußerte sich derweil auf OP-Anfrage, ob die Versetzung der leitenden Mitarbeiter eine erste Konsequenz aus diesem Prozess sei, sehr kurz: „Es handelt sich um einen betriebsinternen Vorgang, den wir öffentlich nicht erläutern.“ In einer der vergangenen Verhandlungen hatte die 55-Jährige berichtet, ihr sei in einem Gespräch mit der Pflegedienstleitung vorgeworfen worden, dass ihr ­Führungsstil nicht mehr tragbar sei. Deswegen werde sie nun intern versetzt.

Freundlich, aufgeschlossen, aber unter Druck

Zudem wurde der Charakter und die Lehrzeit der Angeklagten näher beleuchtet. Insgesamt sprachen fünf Lehrkräfte und acht ehemalige Mitschülerinnen aus der Ausbildungszeit der ­Angeklagten Elena W. in Bielefeld aus.

Sie sei eine freundliche, aufgeschlossene Person gewesen, berichteten ihre Mitschülerinnen. Aber sie erwähnten auch den Druck, den insbesondere ihre Eltern auf die Angeklagte ausgeübt hätten.

Auch die Ausbilderinnen beschrieben ihre heute 29 Jahre alte Ex-Schülerin als offenherzig, sehr sozial und motiviert. Dennoch seien ihre Leistungen während der Ausbildung nicht zufriedenstellend gewesen: „Sie war eine schwache Schülerin – von Anfang an“, urteilte ihre ehemalige Kursleiterin.

Zeugin: Eltern setzten Elena unter Druck

Die 52-Jährige sprach im Zeugenstand auch über die hohen Erwartungen, die von den Eltern an Elena W. gestellt worden seien. „Da war überhaupt keine Wertschätzung“, hatte die Zeugin bei der polizeilichen Vernehmung ausgesagt. Im Prozess ergänzte sie, die Probleme der Angeklagten seien im Elternhaus „einfach totgeschwiegen“ worden.

Eigentlich habe Elena W. Medizin studieren sollen, was sie jedoch gar nicht gewollt habe. Während der Ausbildung habe es mehrere Gespräche über die Leistungen und den persönlichen Druck gegeben. Auch eine Psychotherapie soll es daraufhin gegeben haben.

649 Fehlstunden in der Ausbildung

Ähnlich äußerte sich eine 67 Jahre alte ehemalige Ausbilderin. Auf die Frage, ob sie die Angeklagte für geeignet für die Kinderintensivstation gehalten habe, antwortete sie: „Ganz klar nein.“ Sie begründete dieses harte Urteil mit Wissenslücken bei Elena W. Sie hätte lieber im Langzeitbereich arbeiten sollen – auf einer Intensivstation gebe es sonst „ganz andere Konsequenzen“ bei Fehlern, sagte die Zeugin.

Unter Druck soll die Angeklagte besonders gelitten haben. So habe sie sich sehr häufig krankgemeldet: 649 Fehlstunden seien es am Ende der Ausbildung gewesen, die sie 2013 abschloss.

Ex-Mitschülerin: Elena nahm Midazolam

Die Erwartungen der Eltern, sowie das Niveau der Ausbildung hätten bei ihr Schlafprobleme hervorgerufen, berichteten mehrere ehemalige Mitschülerinnen. Eine 31-Jährige, nach eigener Aussage damals mit der Angeklagten befreundet, gab an, sie habe ihr „erzählt, dass sie Midazolam nimmt zum Runterkommen“.

Sie habe sich darüber keine Gedanken gemacht: „Elena ist erwachsen, sie kann das selber entscheiden.“ Auf Nachfrage bestätigte die Zeugin, sie sei „zu 100 Prozent sicher, dass es Midazolam war“. Sie selbst habe damals auf der Kinderintensivstation gelernt und mit dem Narkosemittel gearbeitet.

Zeugin: Elena für Intensivstation ungeeignet

Andere damalige Freundinnen von Elena W. sprachen zwar auch von Medikamenten, die sie eingenommen habe, wussten aber nicht mehr, welche es genau waren. Auch das ähnlich klingende Schlafhormon Melatonin kam dabei zur Sprache.

Dass die schwache Schülerin nach ihrer Krankenpflegeausbildung ausgerechnet auf einer Neugeborenen-Intensivstation anfing, sorgte sowohl bei Mitschülerinnen, als auch bei Lehrkräften für Unverständnis: „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass sie auf eine Intensivstation geht“, sagte eine 70 Jahre alte Pflegepädagogin aus, die damals auch in der Schulleitung aktiv war. Sie sei regelrecht „geschockt“ gewesen.

Prozess geht 
dem Ende entgegen

Sie erlebte die heutige Angeklagte damals auch in Seminaren mit Themen wie „Grenzerfahrungen mit Tod und Sterben“ oder „Ethisches Handeln an Fallbeispielen“. Für sie sei es „nie zu vermuten gewesen, dass sie übergriffig wird“. Elena W. sei dabei stets unauffällig gewesen, es habe keine Äußerungen gegeben, die sie hellhörig werden ließen.

Am nächsten Termin sollen weitere ehemalige Mitschülerinnen als Zeugen gehört werden. Der Prozess geht nun auf die Zielgerade zu. Im September wird mit den Plädoyers gerechnet, auf die dann auch zeitnah ein Urteil folgen soll.

  • Fortgesetzt wird der Prozess am Mittwoch, 31. Juli um 10 Uhr in Saal 101 des Marburger Landgerichts.

von Melchior Bonacker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus

18. Mai: „Sie verzettelt sich halt gerne“

20. Mai: Experte: Es gibt keine Erfahrungen

8. Juni: Kollegin beschreibt Elena W. als freundlich

12. Juni: Hat Klinikangestellte Zeugen beeinflusst?

18. Juni: Jungschwester hatte schweren Stand