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Marburg Toxikologe äußert sich zu Ketaminspuren
Marburg Toxikologe äußert sich zu Ketaminspuren
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18:10 15.08.2019
Die Bank der Verteidigung im Frühchenprozess.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Nachdem am Vormittag die letzte Zeugin aus dem Uniklinikum ausgesagt hatte, vernahm das Gericht am Mittwoch noch einmal den toxikologischen Sachverständigen. Der Rechtsmediziner aus Frankfurt hatte bereits im Januar sein erstes Gutachten vorgetragen. Damals wurden ihm von den Verfahrensbeteiligten weitere Aufträge erteilt, deren Ergebnisse er nun am Mittwoch vorstellte.

Der 52-Jährige hatte neben den Trockenblutkarten, bei denen Midazolam und Ketamin nachgewiesen wurde, auch die Haarproben der Angeklagten untersucht. In den Haaren von Elena W. wurden Spuren von Ketamin gefunden. Zu klären hatte der Wissenschaftler, ob die Konzentration für eine Kontamination oder für Eigenkonsum spreche. Der Toxikologe würde „nicht von regelmäßigem Konsum sprechen“.

Dafür sei die Menge von 0,13 Nanogramm pro Milligramm schlicht zu wenig. Vielmehr deute diese Konzentration auf einmalige Einnahme hin. Allerdings wäre das gefundene Ketamin durchaus damit vereinbar, dass sie es am Arbeitsplatz gehandhabt habe. Zeugen hatten zuvor ausgesagt, dass das Medikament auf der neonatologischen Intensivstation eigentlich nicht benutzt werde.

Fragenkatalog der Verteidigung

Auch hatten die Verfahrensbeteiligten im Vorhinein Fragen an die Sachverständigen eingereicht. Vor allem die Verteidigung legte einen ganzen Fragenkatalog vor, der sich teils an den Toxikologen, vor allem aber an den neonatologischen Sachverständigen richtet. Letzterer soll ab nächstem Mittwoch sein mit Spannung erwartetes Gutachten vortragen.

Besonders die Ketamingabe an die kleine Johanna Anfang Februar 2016 war für die Verteidigung ein Thema. Nach Einschätzung des Toxikologen spricht wenig für eine einmalige Verabreichung des Narkosemittels in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar: „Ich persönlich glaube, dass es eine mehrfache Gabe war“, so der 52-Jährige, „weil die Wertedimension so deutlich unterschiedlich ist in diesen acht Stunden“.

Während um 1.28 Uhr noch 1,1 Milligramm pro Liter nachgewiesen wurden, fand man um 9.15 Uhr 15,8 Milligramm – weit mehr als eine therapeutische Dosis.

Am Nachmittag sagten zwei weitere Sachverständige aus der Frankfurter Rechtsmedizin aus. Ihre feingeweblichen Untersuchungen des verstorbenen Frühchens Leni zeigten Veränderungen der Lunge und des Herzens. Ob diese todesursächlich gewesen seien, sei jedoch „schwer zu interpretieren“.

von Melchior Bonacker