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Marburg Handelte Elena W. wie Serientäterin?
Marburg Handelte Elena W. wie Serientäterin?
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07:58 27.09.2019
Themenbild: Falls das Landgericht Elena W., die auf der Frühchenstation des Uni-Klinikums drei Frühchen vergiftet haben soll, schuldig spricht, rät Psychiaterin Dr. Petra Bauer zu einem Berufsverbot für die 29-Jährige. Grund: das Rückfallrisiko.  Quelle: dpa
Marburg

Tatwerkzeug: Medikamente. Opfer: hilflose Patienten. Charakter: narzisstisch. Bauer hat in ihrer psychologischen Begutachtung der Ex-Krankenschwester Elena W. (29) Hinweise darauf gefunden, dass sich – sofern die Angeklagte überhaupt die Täterin ist – ihr Verhalten, ihre Persönlichkeit, ihr mögliches Motiv mit dem vergleichbarer Täter decken könnte.

Bauer nennt dabei unter anderen den wegen dutzendfachen Mordes verurteilten Krankenpfleger Niels H. „Es geht nicht primär ums Töten, aber der Tod eines Opfers wird in Kauf genommen“, sagt sie. Wieso? Weil der Antrieb für das Vergiften der Patienten eine „Gier nach Anerkennung“ und das „Verlangen nach positiven Gefühlen“ ist. Wie? Dadurch, dass man die selbst hervorgerufenen medizinischen Probleme früher als andere identifizieren, behandeln, gar die Frühchen wiederbeleben könne und so als Held, als Retter gelte.

„Wer so etwas tut, ist zu allem bereit“, sagt die Psychiaterin mit Verweis darauf, dass die Medikamentendosis bei Leni, Mia und Johanna von Fall zu Fall massiv gesteigert, die ­Arznei Midazolam bei Mia und Johanna noch um Ketamin in „extremer Menge, enormer Überdosierung“, wie der medizinische Gutachter es zuvor nannte, ergänzt wurde.

Leni starb – wohl aber nicht unmittelbar durch die Vergiftung – zwei Monate vor der mehrfach nötigen Wiederbelebung Johannas. „Wer auch immer die Taten begangen hat, hat sich dazu entschlossen, es bei den Frühgeborenen auf das Äußerste ankommen zulassen. Die Hemmschwelle ist in kurzer Zeit immer weiter gesunken, die Eskalationsspirale hat sich immer schneller gedreht.“

Als Retterin auftreten um Anerkennung zu kriegen

Dass der Tod der Babys einkalkuliert worden sein könnte, lege das Indiz nahe, dass kurz nach den Vergiftungen im Internet nach Begriffen wie „Sternenkinder“ gesucht wurde – von der Angeklagten (OP berichtete). Ein zielgerichtetes, ein geplantes Verhalten, die Kinder umzubringen, erkennt Bauer aber nicht.

„Bei all dem geht es um den Täter, die Täterin und ein gekränktes Selbstwertgefühl. Als Retter aufzutreten bedeutet Bestätigung.“ Brandstifter seien oft Feuerwehrleute, „um dann beim Löschen in der ersten Reihe zu stehen. Das Vorgehen hier, also Zwischenfälle inszenieren, wirkt ähnlich.“

Bis heute hat die Angeklagte im Landgerichtssaal nichts zu den Vorwürfen gesagt; auch mit Psychiaterin Bauer hat sie in den vergangenen Monaten nicht gesprochen. Daher basieren alle Analysen der Sachverständigen auf Zeugenaussagen während der seit dem Frühjahr laufenden Gerichtsverhandlung, auf Akteneinträgen und Beobachtungen.

Um ihre „Gier nach Anerkennung“ zu befriedigen, habe sich Elena W. bewusst in Extremsituationen begeben, um zu beweisen, dass sie intensives Geschehen beherrsche. Grund: Die Sehnsucht nach Wertschätzung durch die Eltern – der Vater ist Kinderarzt in Marburg, die Mutter Wirtschaftsexpertin – in deren Augen der Berufsweg der Tochter offenbar „minderwertig“ war.

Zumal die 29-Jährige bereits zu Schulzeiten fachliche Probleme hatte: Auf ein Geradeso-Abitur an der Steinmühle kam ein schwaches ­Ausbildungs-Examen in Bielefeld und dann ab dem Jahr 2013 permanente fachliche Kritik von Kollegen auf der Frühchenstation am Marburger Uni-Klinikum.

Doch gerade von dort, vom Arbeiten auf der Stress-Station habe sie sich eine Wertschätzungs-Wende versprochen. Als dann jedoch eine Kollegin, die zeitgleich mit W. den Job auf der Frühchenstation begann, für eine Intensivpflege-Weiterbildung vorgezogen wurde, habe das für Elena W. einen „Rückschlag und maximale Kränkung“ bedeutet. Danach sei ihr Verhalten eskaliert, führte das von Kollegen immer schon als „ungründlich“, „chaotisch“, „überfordert“ beschriebene Tun mutmaßlich zu den Gift-
 attacken auf die Frühchen.

„Die Taten deuten auf Empathiemangel hin. Aber ist das in ihrer Persönlichkeit angelegt? Nein, es gibt keine Hinweise darauf, sie wird ja eher als das Gegenteil, als mitfühlend und hilfsbereit beschrieben.“ Aber: „Minderwertigkeitsgefühl und Geltungssucht hier, mangelnde Leistungs- und keine Kritikfähigkeit da – in ihrer Persönlichkeit ist es angelegt, dass so etwas nochmal passieren kann.“

Keine Anzeichen für verminderte Schuldfähigkeit

Elena W. sei wohl in der Lage „die Hilflosigkeit ihrer Opfer auszublenden. Das ist das große Risiko“, sagt Bauer, die sich in ihrem Gutachten für ein Berufsverbot für die Ex-Krankenschwester ausspricht – und zwar in allen Berufen, wo sie Zugang zu Medikamenten und Patienten hat. Die Sachverständige sieht keine Anhaltspunkte für ein Schamgefühl, schlechtes Gewissen oder Einsicht bei der Angeklagten.

Auch eine Persönlichkeitsstörung, die im Falle einer Verurteilung – angeklagt ist W. unter anderen wegen versuchten Mordes – die verminderte Schuldfähigkeit rechtfertige, schließt die Expertin aus.

Retter und Erlöser: eine Patientenmörder-Typologie

Vergleichbar mit dem Serientäter Nils H.? Die Psychiaterin Dr. Petra Bauer sieht bei der im Frühchen-Prozess angeklagten Elena W. Parallelen zu den Tötungen des Pflegers und anderer deutscher Straftäter. Ein OP-Überblick.

Die Marburger Psychiaterin unterscheidet mit Verweis auf Fachstudien bei Straftätern mit diesem Modus Operandi – also schutzbedürftige Menschen mit Arzneimitteln zu vergiften – zwischen Erlösertypen und Rettungstypen. Einige der bekanntesten Fälle:

  • Regina K.: Sie verabreichte mehreren Frauen unter der Geburt blutverdünnende Mittel, was das Leben der Mütter und der Kinder gefährdete. Zwar überlebten alle Opfer, jedoch mitunter mit gravierenden psychischen wie physischen Folgen wie etwa der Gebärmutterentfernung. Tatort: Ein Krankenhaus in Bad Soden und ein Münchner Klinikum. Das ­Motiv war demnach Unzufriedenheit mit ihrem Job und den Eindruck, nicht genügend in ihrer Arbeit wertgeschätzt zu werden. Urteil des Landgerichts: 15 Jahre Haft unter anderem wegen versuchten Mords.
  • Nils H.: Der frühere Krankenpfleger tötete zwischen den Jahren 2000 und 2005 an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst Dutzende. Dabei spritzte er seinen Opfern unterschiedliche Medikamente, um sich bei einer anschließenden Reanimierung als Retter zu präsentieren. Wegen Mordes von 85 Menschen wurde er im Sommer 2019 zu lebenslanger Haft samt Sicherungsverwahrung verurteilt.
  • Irene B.: An der Charité in Berlin tötete die Krankenschwester zwischen den Jahren 2005 und 2006 fünf Menschen. Letztinstanzlich wurde sie wegen dreifachen Mordes und zweifachen Totschlags zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach dem Jahr 2021 könnte sie auf Bewährung freikommen. Ihr Motiv ist bis heute unklar, sie gilt in der Wissenschaft aber als „Erlösertyp“, der Patienten vom mutmaßlichen Leid befreien will.
  • Stefan L.: Der Krankenpfleger brachte in Sonthofen zwischen den Jahren 2003 und 2004 mit Giftspritzen 29 Patienten zwischen 40 und 95 Jahren um. Eines der Mittel war Midazolam – das auch den drei Marburger Frühchen zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 verabreicht wurde. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, die besondere Schwere der Schuld festgestellt

Forensikerin beschreibt 
Ähnlichkeiten im Verhalten

  • Wolfgang L.: Innerhalb von 17 Monaten hatte der Krankenpfleger Anfang der 1990er-Jahre sechs Frauen und vier Männer im Alter zwischen 60 und 89 mit Luftinjektionen getötet – angeblich aus Mitleid mit den alten Menschen. Urteil: 15 Jahre.
  • Michaela G.: Vier mal Mord, vier mal Totschlag zwischen November 2003 und April 2005 in einem Altenheim. Vor dem Landgericht Bonn sagte sie aus, dass sie schon als Kind unter Minderwertigkeitskomplexen gelitten, sich nach Zuneigung und Liebe gesehnt und nach Bestätigung gegiert habe. Urteil: lebenslange Haft.

Psychiaterin Dr. Petra Bauer benennt während des Frühchen-Prozesses bei der Vorstellung ihres Gutachtens in dieser Woche die Gemeinsamkeiten all dieser Patientenmörder: Selbstunsicherheit und Probleme mit dem Selbstwert, Geltungssucht, Sehnsucht nach Anerkennung und 
eine narzisstische Persönlichkeit, die keine Kritik, keine Kränkung verträgt.

Gemeinsam sei den Fällen auch, dass die Vergiftung – die gewählte Dosierung der Medikamente – nach dem Prinzip „trial and error“ geschah. Darauf deutet auch der Marburger Fall hin: Die Menge wurde aber immer größer. Systematische Überlegungen, was man wie geben müsse, um diesen oder jenen Effekt zu erreichen, habe es im Vorfeld nicht gegeben.

Laut wissenschaftlichen Untersuchungen sei keiner der Täter „so gravierend psychisch krank, dass er vermindert schuldfähig war“, sagt Bauer. Bei Elena W. ließe sich das nicht klar sagen, da nur von Arbeitskollegen, nicht von Menschen aus ihrem privaten Umfeld, zur Person ausgesagt wurde.

von Björn Wisker