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Marburg „Ein totales Chaos“
Marburg „Ein totales Chaos“
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18:58 15.08.2019
Die Angeklagte Elena W. mit einem ihrer Anwälte.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Unter anderem befand sich in der Akte noch ein Auszug aus der „Examenszeitung“ der ehemaligen Krankenschwester. Darin beschrieben Mitschülerinnen Elena W. beispielsweise als „sehr stilvoll“ und „ausdauernd“.

Auch könne sie sich „selbst auf die Schippe nehmen“ und gut zuhören. Die Beschreibungen könnten für das Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen von Belang sein, die nach ihrem Kollegen aus der Neugeborenenmedizin ihre Erkenntnisse präsentieren soll.

Die Nebenklage wollte zudem zu Vergleichszwecken einen Briefwechsel der Angeklagten mit ihrem als Zeugen vernommenen Ex-Freund als Beweismittel anhören. Dies biete eine Möglichkeit, die 29-Jährige besser einzuschätzen, so die Nebenklagevertreterin, vor allem da die Angeklagte im Prozess noch immer schweigt.

Der Briefwechsel fand während ihrer Untersuchungshaft statt. Der Ex-Freund, ein Chirurg, bot ihr darin seine Hilfe an, falls sie diese brauchen würde. In ihrem Antwortbrief sprach die Angeklagte über ihre Situation. Sie hoffe, dass der „ganze Albtraum“ bald vorbei sein würde, ihr Leben sei „ein totales Chaos“.

Narkotisieren an und für sich nicht schmerzhaft

Auch für ihre Familie sei die Ermittlung eine große Belastung. Immerhin sei ihr bislang die „erniedrigende Erfahrung“, Handschellen tragen zu müssen, erspart geblieben. Kurze Zeit später wurde der Haftbefehl gegen Elena W. aufgehoben – auf eine Verlesung dieses Beschlusses verzichtete das Gericht gestern.

Der gelernten Kinderkrankenschwester wird unter anderem die Misshandlung Schutzbefohlener vorgeworfen. Dem in diesem Anklagepunkt mit inbegriffenen Aspekt des „Quälens“ ging das Gericht am Mittwoch nach. Das Narkotisieren mit Midazolam und Ketamin sei jedoch an und für sich nicht schmerzhaft, sagte ein 52-jähriger Sachverständiger aus. Allerdings könne eine Überdosierung zu Gleichgewichtsstörungen und Erinnerungslücken führen, die als unangenehm empfunden werden könnten.

Ein Symptom der Gleichgewichtsprobleme sei bei Neugeborenen auch das sogenannte „Floppy Infant“-Syndrom – ein Zustand, in dem das Kind ohne Körperspannung daliegt. Diesen beschrieben mehrere Zeugen auch bei zwei der Frühchen. Die durch eine Überdosis mögliche Atemdepression könne zudem zu Angst und Panik führen.

  • Am Mittwoch, 21. August, ab 10 Uhr soll der neonatologische Sachverständige mit seinem Gutachten beginnen.

von Melchior Bonacker