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Marburg Medikamente werden von Schwestern bestellt
Marburg Medikamente werden von Schwestern bestellt
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00:18 14.04.2019
Am Marburger Landgericht ging der Prozess um die drei vergifteten Frühchen weiter. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die zuerst vernommene Assistenzärztin sprach unter anderem über die Vergabe des Medikaments Ketanest mit dem Wirkstoff Ketamin auf der Neugeborenenintensivstation. Ihres Wissens nach sei das Narkotikum durch einen neuen Oberarzt verwendet worden: „Mit seinem Eintreffen wurde dem einen oder anderen Kind zu Sedierungszwecken Ketamin verabreicht“, berichtete die 37-Jährige. Zuvor sei die Behandlung mit Ketamin unüblich gewesen. Jeder Oberarzt bringe eben seine Art der Behandlung mit, so auch der damalige „Neuzugang“ aus Wiesbaden.

Es könne sein, dass dieser Arzt, der selbst noch nicht als Zeuge ausgesagt hat, das Medikament verordnet habe. Wie oft eine Ketamin-Verordnung vorgekommen sei, wisse sie nicht, erklärte die Ärztin. Es sei ein „übliches Medikament, aber nicht auf der ‚Neo‘“. Die zuvor vernommenen Ärzte hatten einhellig ausgesagt, auf der neonatologischen Seite der Kinderintensivstation sei Ketamin nicht verwendet worden.

Auch die nach der 37-Jährigen vernommenen drei Ärztinnen wussten nichts von einer möglichen Gabe des Medikaments. Bezüglich der Bestellung von Medikamenten lieferte die Ärztin, die ohne Zeugenbeistand erschien, ebenfalls neue Einblicke in den Stationsalltag.

Verantwortlich ist am Ende der Arzt

Die Schwestern seien für die Bestellung zuständig – die Ärzte würden lediglich die Liste mit den Medikamenten unterschreiben, sagte die 37-Jährige. Freimütig gab sie zu: „Ich persönlich lese mir nicht jedes Medikament durch“ – für die Bestellung sei aber letzten Endes der unterzeichnende Arzt verantwortlich.

Die Bestellungen sind für das Gericht vor allem interessant, weil im November 2015 – also vor den ersten Auffälligkeiten bei dem Frühchen Leni – größere Mengen Midazolam in Flaschen bestellt wurden. Auf die Frage des Gerichts, wer denn acht Flaschen des Betäubungsmittels bestellt habe, antwortete die Ärztin: „Man braucht auch für ein sehr kleines Kind eine 50-Milliliter-Ampulle. Da ist es nicht unlogisch, wenn man mehrere Flaschen bestellt.“

Eine andere Zeugin gab am Donnerstag wiederum an, sie habe stets nachgefragt, wenn sie Ungereimtheiten bei der Bestellung entdeckte. Auch für sie sei jedoch Midazolam kein Grund gewesen, um nachzufragen – auch Ketamin nicht. Sie habe am Anfang noch gar nicht gewusst, dass Ketamin auf der Station „verpönt“ sei. Die beiden fraglichen Narkotika seien bei der Sedierung außerhalb der Neugeborenenmedizin eine gängige Kombination.

Auch bezüglich der Dienstpläne für die Ärzteschaft kamen einige neue Erkenntnisse ans Licht. So unterschrieb mutmaßlich eine Ärztin einen Bestellschein, die laut Dienstplan gar nicht anwesend war. Mehrere Kolleginnen bestätigten, dass sie durchaus auf der Station eingesetzt wurde. Bezüglich des Zeitraums waren sie sich aber nicht mehr sicher. Die betreffende Ärztin sei nur etwa anderthalb oder zwei Jahre auf der Station gewesen, gab eine 32 Jahre alte Ärztin zu Protokoll. Dann habe sie gekündigt und das Klinikum verlassen. Den Umstand, dass ihre Kollegin nicht im Dienstplan zu finden sei, führte die Assistenzärztin auf mögliche „Tricksereien“ zurück, „um personaltechnisch was rauszuschlagen“.

Richter erwägt erneute Prüfung der Dienstpläne

Auch zuvor waren bereits Ärzte vernommen worden, bei denen die Dienstpläne nicht mit den tatsächlichen Anwesenheiten übereinstimmten. Für Richter Dr. Frank Oehm waren diese Unklarheiten Grund genug, um eine erneute Prüfung der Dienstpläne zu erwägen: „In den Dienstplänen steht definitiv nicht alles drin, was drinstehen sollte“, resümierte der Landgerichtspräsident. Es gibt aufseiten des Gerichts ebenso wie für die Verfahrensbeteiligten genug zu tun, um die nun anstehende Pause mit bürokratischer Arbeit zu füllen.

  • Am Mittwoch, 8. Mai, wird der Prozess ab 10 Uhr im Saal 101 des Landgerichts fortgesetzt.

von Melchior Bonacker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"