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Marburg „Russisch-Roulette mit Leben der Kinder“
Marburg „Russisch-Roulette mit Leben der Kinder“
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13:57 08.11.2019
Die Beweisaufnahme im Frühchen-Prozess 
am Landgericht ist abgeschlossen. Die ersten ­Plädoyers wurden gehalten. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die immer höheren Medikamenten-Dosierungen, die die Angeklagte drei Frühchen zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 verabreicht haben soll, belegten laut Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier eine „gesteigerte kriminelle Energie“ bei Elena W.

Es sei „unglaublich“ und mache „sprachlos“, dass die Krankenschwester einem nach der ersten Vergiftung ohnehin fast gestorbenem Kind – von Johanna ist die Rede – nochmal mehr Gift verabreicht hätte. Das, die Gabe sowohl von Midazolam als auch dem speziell auf der Frühchenstation „verpöntem“ Ketamin, sei „ohne Zweifel“ versuchter Mord.

Dass das Mädchen, das auf den Lahnbergen als „Vorzeige-Frühchen“ galt, bei den wiederholten Angriffen mit vielfachen Überdosierungen der Arzneien nicht gestorben sei, liege eher an einer Kombination aus Zufall und dem schnellen Eingreifen, der mehrfachen Reanimationen der Ärzte und des anderen Pflegepersonals. Dass Elena W. auch noch während der Wiederbelebungen die eigentliche Ursache von Johannas Todeskämpfen verschwieg, wertet Brinkmeier als Beleg für einen „klar verfolgten Tatplan“.

„Nachweis einer kausalen Wirkung“ fehlt

Bei Mia, dem zweiten mit einer neunfachen Medikamenten-Überdosis verletzten Frühchen, sei Elena W. am ersten Weihnachtsfeiertag 2015 letztlich von ihrem Mordversuch noch zurückgetreten – was juristisch strafbefreiend wirkt. „Sie nahm grundsätzlich den Tod des Kindes in Kauf, wollte eine Zustandsverschlechterung auslösen.“ Aber da sie, als die Werte des Mädchens in den Keller gingen, einen Arzt alarmierte und „nicht weiter schädigend an Mia tätig wurde“, sei das neben gefährlicher Körperverletzung als rohe Misshandlung Schutzbefohlener zu bewerten.

Bei Leni, dem ersten Ende 2015 mit Midazolam vergifteten Frühchen, stellt die Anklage hingegen deren Vorerkrankung, den Lungenhochdruck, als Todesursache heraus. Leni ist das einzige im Rahmen der Vergiftungen gestorbene Frühchen.

Einen direkten Zusammenhang der belegten Vergiftung und dem Tod einige Tage später sieht die Anklage auch nach der Hauptverhandlung nicht. Grund: Es gibt nur eine einzige Blutprobe, die Bewertung der Zusammenhänge ist selbst für alle Sachverständigen auch nach der Obduktion kaum möglich gewesen. „Es fehlt der Nachweis einer kausalen Wirkung“, sagt Brinkmeier.

Die Annahmen der Anklage fußen vor allem auf den Einschätzungen und Aussagen der Sachverständigen, Neonatologie-Professor Bernd Roth und Toxikologie-Professor Stefan Tönnes. Diese berechneten unter anderem die Art und Weise der verabreichten Medikamenten-Mengen zu bestimmten Uhrzeiten, verglichen sie mit den real gezeigten klinischen Symptomen und schätzten die Folgen der extremen Arzneien-Überdosierungen – unter anderem die Lebensgefahr – ein.

„Bemerkenswert klare und tragfähige Erkenntnisse zu den Tathergängen“ habe das gebracht, sagt Brinkmeier mit Verweis auf die stets nur zu den Schichtdiensten von Elena W. aufgetretenen Gesundheitsproblemen der drei Mädchen. Das Motiv für die Taten? „Sich von Kollegen und Vorgesetzten nicht genug wertgeschätzt fühlen, unter Leistungsdruck stehen und sich berufliche Anerkennung speziell bei Ärzten verschaffen wollen“, sagt die Staatsanwältin mit Verweis auf das psychiatrische Gutachten von Dr. Petra Bauer.

Nebenklage: „Es war Mord an Leni“

„Die Taten hat ohne Zweifel nicht irgendjemand begangen, sondern die Angeklagte – und zwar absichtlich“, sagt Brinkmeier. Die einzigen krank gewordenen Frühchen am Uni-Klinikum auf den Lahnbergen gab 
es zu den Dienstzeiten von Elena W. – und nur unter den von ihr 
betreuten Kindern. Eine solche nie vorher und nie nachher festgestellte Häufung von Extremsituationen sei „in der Gesamtschau kein Zufall“.

Alle Alternativ-Szenarien seien vor Gericht „rauf und runter geprüft“ worden, doch „kein einziges ist plausibel“. Es gebe zudem eine ganze Reihe an belastenden Indizien – von Google-Suchen zum Begriff „Sternenkinder“ oder den Wirkweisen der eingesetzten Arzneien Midazolam und Ketamin sowie Ketamin-Rückstände in einer Haarprobe der Angeklagten.

Elke Edelmann (links) vertritt mit Silke Schuster als Nebenklage-Anwältin die Eltern der verstorbenen Leni. Edelmann übernahm kurzfristig auch das Plädoyer für die Eltern von Mia. Foto: Thorsten Richter

Alle Nebenklage-Vertreter teilen die Auffassungen der Staatsanwältin größtenteils – doch in Bezug auf Leni könne es nicht bei Körperverletzung bleiben, es handele sich um Mord. Denn das Medikament habe die körperliche Reaktion, auch den Stress, ausgelöst, den Lenis Lungenhochdruck verschärft habe.

Davon habe sich das Frühchen nicht erholt und sei gestorben. Die in der einzigen Blutprobe festgestellte geringe Midazolam-Dosis spiele eine untergeordnete Rolle, da Elena W. um die medizinische Vorgeschichte – die starke Reaktion schon auf geringe Arzneimittel-Veränderungen und auf Impfungen in den Vorwochen – wusste.

In Anbetracht der Folgetaten mit Mia und Johanna ergebe sich ein „schauerliches Gesamtbild“, dass Leni als „eine Art erstes Experiment“ vergiftet wurde, sagte Anwältin Elke Edelmann. Die Krankenschwester habe den „viel zu frühen Tod eines sensiblen Kindes verursacht, gewollt, mindestens billigend in Kauf genommen“. Für ihr „Russisch-Roulette mit dem Leben der Kinder“, um eine „Sucht nach Aufmerksamkeit zu befriedigen“, sei Elena W. „der Preis egal“ gewesen.

„Exorbiant hohe Dosis“

Krank, wenn die Angeklagte im Dienst und für die Kinder zuständig ist, gesund, wenn andere Johanna, Mia und eben auch Leni betreuten: „Solche Zufälle gibt es nicht, das ist nicht real, entspricht 
nicht der Lebenserfahrung.“

Es sei „schockierend und unglaublich“, dass trotz des Todesfalls von Leni, dem zweiten Opfer Mia nur wenige Wochen später ein Vielfaches der Midazolam-Menge verabreicht wurde, sagt Edelmann, die auch das Mia-Plädoyer hielt. Nur ein „großer Schutzengel“ habe dem Mädchen, das im Gegensatz zu Leni reifer und gesünder war, das Leben gerettet.

Die „exorbiant hohe Dosis“, die wohl mit dem Milchfläschchen gegeben worden sei, zeige, dass die Angeklagte das Kind habe töten wollen. Selbst wenn es ein Rücktritt vom Mordversuch war, sei der Versuch beendet und nicht, wie die Staatsanwaltschaft annimmt, ein unbeendeter Versuch gewesen.

Arik Bredendiek vertritt Johannas Eltern. Foto: Thorsten Richter

Die Eltern leben nach eigenen Aussagen im Umgang mit ihrer Tochter seit Jahren in „ständiger Angst“, auch ob es gesundheitliche Spätfolgen geben könnte. Mias Mutter berichtete am Donnerstag von vor der Vergiftung nie aufgetretenen Krampfanfällen, die Mia Monate nach der Tat aber hatte. „Mir lastet es auf der Seele, dass es ein Schutzengel, der Zufall war, der Mia vor Schlimmerem bewahrt hat. Entscheidend sollte doch sein, wie Mia vorher war und wie danach. Lebensgefahr, in der schwebte sie sehr wohl.“

Für Johannas Eltern und Nebenklagevertreter Arik Bredendiek ist in dem seit Januar laufenden, komplexen und ohne klare Beweise geführten Prozess „jedes einzelne Indiz für die Täterschaft belastbar“. Die steigernde Arzneimitel-Dosis, die Johanna verabreicht wurde, mache sie „fassungslos“. Nach dem „knappen Überleben“ habe die Angeklagte aber nicht aufgehört, sondern das Kind sogar noch stärker vergiftet.

„An Skrupellosigkeit nicht zu überbieten“

„Das ist an Skrupellosigkeit nicht zu überbieten.“ Abseits der medizinischen Einschätzungen liefere allein die Internetrecherche von Elena W. einen „jedem Menschen erklärlichen Hergang“. Denn: Grundlos googele niemand die Wirkung bestimmter Medikamente, schon gar nicht in einem Zeitraum, wo diese mit fatalen Folgen eingesetzt worden seien.

„Da steckt Täterwissen dahinter“, sagt Bredendiek, der sich den Strafmaßforderungen der Staatsanwaltschaft anschließt. Empathie und Reue durch die Angeklagte – all das habe die Verteidigungsstrategie, vor Gericht zu schweigen, verhindert. Das mache die Situation für die Eltern, die das Geschehene verstehen wollen, noch schwerer. Das Motiv – die Geltungssucht – „springt einen zwar förmlich an“. Tatsächlich verstehen könne man die Taten aber nicht.

  • Das Verteidiger-Plädoyer ist für den 20. November ab 10 Uhr angesetzt.

von Björn Wisker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus

18. Mai: „Sie verzettelt sich halt gerne“

20. Mai: Experte: Es gibt keine Erfahrungen

8. Juni: Kollegin beschreibt Elena W. als freundlich

12. Juni: Hat Klinikangestellte Zeugen beeinflusst?

18. Juni: Jungschwester hatte schweren Stand

7. Juli: Elena W. war „eine schwache Schülerin“

1. August: Zeugen: „Nett“ oder „hinterhältig“

2. August: DNA von Elena W. auf Dormicum-Verpackung

15. August: Toxikologe äußert sich zu Ketaminspuren

16. August: „Ein totales Chaos“

28. August: Leni galt als „Hochrisikofrühchen“

30. August: Gutachter sieht Symptome von Narkosemittel

5. September: Experte nennt Daten zu Gift-Dosis

6. September: LKA-Experte findet neue DNA-Spur

19. September: "Ohne ärztliches Eingreifen wäre sie gestorben"

25. September: "Frühchengutachter weist extreme Gift-Dosis nach"

25. Oktober: Urteil verzögert sich

31. Oktober: Mediziner erteilt Absage an eine Gift-Gemisch-Theorie

7. November: Gericht bringt niedere Beweggründe in Spiel

7. November: Staatsanwaltschaft fordert zwölf Jahre Haft