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Marburg Hautschuppen-Spuren auf Verpackung
Marburg Hautschuppen-Spuren auf Verpackung
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17:58 06.09.2019
Seit Monaten läuft der Prozess gegen Elena W. im Schwurgerichtssaal. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Untersuchung umfasste ­Ketaminverpackungen, Blister und Ampullen, die 2016 am Uni-Klinikum sichergestellt wurden.

Nachdem es bereits ­damals DNA-Analysen gab, beauftragte die Staatsanwaltschaft zuletzt eine weitere, eine Mikrospuren-Analyse, um Elena W. in direkte Verbindung mit den Taten – der Vergiftung der Frühchen Leni, Mia und Johanna – zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 zu bringen.

Experte: Diese Spuren sind kein Beweis

Doch die Untersuchung lieferte nach Angaben des Sachverständigen Dr. Harald Schneider „relativ wenig Neues und ebenso wenig Eindeutiges“. Nur an den wenigsten der 421 Probenelemente seien Indizien, sei Hautabrieb gefunden worden, der sich Elena W. zuordnen lasse.

Und selbst diese Spuren – ein Hautpartikel 
an der Außenseite einer Ketaminverpackung – seien „ganz ganz schwache Hinweise“ und keinesfalls ein Beweis dafür, dass sie die Verpackungen angefasst habe, sie könnten ebenso gut durch sogenannte Sekundärübertragungen zustande gekommen sein.

Heißt: Sollte jemand, der die Verpackungen oder Ampullen anfasste, Elena W. zuvor die Hand gegeben haben, auch nur ihren Kugelschreiber oder ähnliches benutzt oder berührt haben, könnte es zu einer solchen Übertragung gekommen sein.

Indirekte Übertragung der Zellen möglich

Das liegt Schneider zufolge nah, da sich auf den untersuchten Gegenständen nur Spuren der Angeklagten und der Stationsleiterin finden, die allerdings legalen Zugang zu den Medikamenten hatte und nicht im Fokus der Ermittlungen steht.

„Auffällig“ nannte der LKA-
Experte den Umstand, dass nur so wenige Menschen Kontakt mit der Verpackung hatten. Und obwohl die neue Einzelspur ­wenig aussagekräftig sei, ­passe sie in die „Gesamtschau“ der ­vorangegangenen DNA-Analyse.

Dabei wurden an einem Dormicum-Päckchen – das allerdings nicht geöffnet, der Inhalt nicht entnommen wurde – eindeutige Spuren von Elena W. nachgewiesen (OP berichtete). „Die ­neuen gefundenen Partikel, die wenigen entdeckten Merkmale passen zur Angeklagten. Aber ob sie von einer direkten oder indirekten Übertragung stammen, lässt sich nicht sagen“, so Schneider.

Anzahl der Partikel der Angeklagten gering

Als „absolut mögliche Erklärung“ bezeichnete er das Szenario, dass die mutmaßliche Täterin beim Öffnen der Ketaminpackungen Handschuhe getragen habe und es deshalb praktisch keine Hautschuppen im Inneren gab. Oder aber, dass sie – was biologisch völlig normal sei – grundsätzlich weniger Material hinterlasse als andere Menschen.

„Auf keinen Fall lässt sich ausschließen, dass sie in die Packung gefasst hat. Aber es gilt auch der Umkehrschluss: Selbst wenn es im Inneren Partikel gegeben hätte, würde das nicht bedeuten, dass sie hereingefasst hat. Die Anzahl der Partikel ist ein wichtiger Hinweis, und die sind im konkreten Fall aus welchen Gründen auch immer sehr gering.“

Riesiger Aufwand um etwas zu finden

Faktoren wie kurzer Kontakt, Händewaschen samt Desinfektion oder dass an einer bestimmten Stelle angefasst wurde und unklar ist, wo die Experten nach Material suchen müssen, erschweren Schneider zufolge die Suche.

Denn: „Ein Taschentuch hat für uns die Größe eines Fußballfelds. Wenn man nicht genau weiß, wo und nach was man suchen muss, ist ein riesiger Aufwand nötig, um überhaupt etwas zu finden“, erklärte er. Man habe daher alle Stellen der Gegenstände untersucht, an ­denen diese „typischerweise angefasst werden“ – mit dem entsprechend unklaren Ergebnis.

von Björn Wisker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus

18. Mai: „Sie verzettelt sich halt gerne“

20. Mai: Experte: Es gibt keine Erfahrungen

8. Juni: Kollegin beschreibt Elena W. als freundlich

12. Juni: Hat Klinikangestellte Zeugen beeinflusst?

18. Juni: Jungschwester hatte schweren Stand

7. Juli: Elena W. war „eine schwache Schülerin“

1. August: Zeugen: „Nett“ oder „hinterhältig“

2. August: DNA von Elena W. auf Dormicum-Verpackung

15. August: Toxikologe äußert sich zu Ketaminspuren

16. August: „Ein totales Chaos“

28. August: Leni galt als „Hochrisikofrühchen“

30. August: Gutachter sieht Symptome von Narkosemittel

5. September: Experte nennt Daten zu Gift-Dosis