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Marburg Dosierung passt zu Opfer-Symptomen
Marburg Dosierung passt zu Opfer-Symptomen
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07:29 05.09.2019
Die angeklagte Elena W. sitzt zwischen ihren Verteidigern im Gerichtssaal. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Der Rechtsmediziner Professor Stefan Tönnes – Spezialgebiet Toxikologe – nahm die vereinzelten Blutproben der drei ab Ende 2015 vergifteten Frühchen Leni, Mia und Johanna als Grundlage für seine Berechnungen.

Ausgehend von diesen Werten – also der Belastung des Bluts mit Midazolam und Ketamin – kalkulierte er zum einen die Wirkstoffmenge, die den Frühgeborenen verabreicht worden sein könnte und die Art und Weise, wie sie in die Körper gelangten: oral, intravenös oder per Infusion.

Um dann wiederum den Realitätsgehalt seiner Modellrechnungen besser einschätzen zu können, verglich er seine theoretischen Ergebnisse mit praktisch-wissenschaftlichen Studien der vergangenen Jahrzehnte und bezog diese auf die einzelnen Frühgeborenen. Ergebnis: Je nach zugrunde gelegter Milligramm-Menge und Verabreichungsform sowie Uhrzeit verlaufen die Entwicklungskurven unterschiedlich.

Blutproben allein reichen nicht aus

„Durchaus möglich“, so Tönnes mit Verweis auf seine Simulationen, sei etwa im Fall von Mia, dass sie in einer Nacht nicht nur einmal, sondern zwei- bis dreimal vergiftet wurde. Bei Johanna, dem Frühchen bei dem im Februar 2016 die Vergiftungswelle am Uni-Klinikum auffiel, sieht Tönnes Mehrfach-Dosierungen binnen weniger Stunden ebenfalls als „sehr wahrscheinlich“ an.

Grund für diese wie auch andere Annahmen ist, dass es bei der Berechnung eine Vielzahl an ­Variablen gibt. So beeinflusst das Zusammenspiel von Einnahmeart – also oral oder intravenös – die körperliche Verfassung des Patienten, die Verteilung der Wirkstoffe in seinem Körper und wie schnell ein Stoff aufgenommen beziehungsweise wieder abgebaut wird die Resultate.

Die Blutproben, deren Entnahmezeitpunkte am Uni-Klinikum zwar klar ist, liefern zudem noch keinen Hinweis auf den Zeitpunkt der Vergiftung und die Dimension der Wirkstoffmenge. Wurden diese in der Anflutungsphase – also recht kurz nach Einfuhr der Stoffe in den Organismus – genommen, zum Höhepunkt oder beim Abklingen der Wirkung?

Vergleich von Rechenmodell 
mit Realität

Deshalb ist es laut Tönnes entscheidend, dass es einen Abgleich der toxikologischen Simulationsergebnisse mit den klinischen Beobachtungen gebe. Sprich: Wann hat welches der drei Frühchen wie – schlapp, apathisch, gar sediert – reagiert? Dazu hat der Sachverständige Professor Ralf Roth vergangene Woche bereits Einschätzungen zu Mia abgegeben (OP berichtete).

Punktuell glichen die Sachverständigen am Mittwoch, 4. September, die toxikologische Theorie mit der klinischen Praxis ab: Mit Angabe der Uhrzeiten zu denen auf der Frühchenstation einst erste Symptome bei den Opfern auftraten, rechnete Tönnes die Ketamin- und Midazolam-Mengen durch.

Tönnes: Johanna bekam zwei Dosen

„Realistisch erscheint“ Tönnes bei Johanna das Szenario, dass sie oral mit der Nahrungsaufnahme mindestens elf Milligramm Midazolam bekommen habe. Ketamin sei ihr demnach doppelt verabreicht worden, erst eine orale 35-Milligramm-Dosis, später könnte ihr eine stundenlange Infusion mit 155 Milligramm verabreicht worden sein.

„Das scheint mir die plausibelste Erklärung zu sein.“ Bei Mia errechnete der Toxikologe ein Minimum von zwölf Milligramm Midazolam. „Die real gezeigten Symptome passen am besten zu so einer Dimension.“

Roth arbeitet mit neuen Erkenntnissen

Dass aber Midazolam bei der schwerkranken Leni, der einzig verstorbenen, einen Beitrag zu ihrem Tod geleistet hat, hält Tönnes für „unwahrscheinlich“, da die Arznei nicht auf die Lunge – der Schwachstelle des Mädchens – wirke. Aber: „Möglich“ sei es schon, dass es trotz der berechneten, eher geringen Konzentration eine „minimal sedierende Wirkung“ hatte und das Baby „etwas spürte, das etwas auslöste“.

Nebenklage-Vertreterin Elke Edelmann stellt seit Prozessbeginn darauf ab, dass Leni aufgrund ihrer Erkrankung „anfälliger“ war als andere Frühgeborene und die medizinisch nicht vorgesehene Gabe des Medikaments letztlich der Auslöser für ihren Tod war.

Neonatologe Roth wird nun die Toxikologie-Analysen in sein Gutachten, das Mitte des Monats fertig sein soll, einbinden.

Fortsetzung: Donnerstag, 5. September, 9 Uhr in Saal 101.     

von Björn Wisker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus

18. Mai: „Sie verzettelt sich halt gerne“

20. Mai: Experte: Es gibt keine Erfahrungen

8. Juni: Kollegin beschreibt Elena W. als freundlich

12. Juni: Hat Klinikangestellte Zeugen beeinflusst?

18. Juni: Jungschwester hatte schweren Stand

7. Juli: Elena W. war „eine schwache Schülerin“

1. August: Zeugen: „Nett“ oder „hinterhältig“

2. August: DNA von Elena W. auf Dormicum-Verpackung

15. August: Toxikologe äußert sich zu Ketaminspuren

16. August: „Ein totales Chaos“

28. August: Leni galt als „Hochrisikofrühchen“

30. August: Gutachter sieht Symptome von Narkosemittel