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Marburg Das sagen die Eltern des toten Kindes
Marburg Das sagen die Eltern des toten Kindes
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00:19 18.02.2019
Die Eltern der im Dezember 2015 im Uni-Klinikum verstorbenen Leni aus dem Schwalm-Eder-Kreis haben am Donnerstag als Zeugen ausgesagt. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Stockend und teils unter Tränen schilderten zunächst der Vater und anschließend die Mutter das kurze Leben ihrer verstorbenen Tochter Leni. Beginnend mit ihrer frühen Geburt im August 2015 bis zu ihrem Tod am 9. Dezember desselben Jahres. Ganz plötzlich habe Leni wegen Herztonabfällen in der 24. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht werden müssen. Zunächst sei alles den Umständen entsprechend normal verlaufen. „Das war schon Wahnsinn, weil sie so extrem klein war“, erinnert sich der 29-Jährige.

Für vier Monate hätten sie eigentlich in stetiger Angst gelebt. Weil der Ductus des kleinen Mädchens nicht verschlossen gewesen sei, habe man sie schon früh operieren müssen – erfolgreich. Im Oktober sei Leni dann geimpft worden – trotz anfänglicher Bedenken der Eltern. Die erste Sechsfachimpfung, die bei Neugeborenen üblich ist, sei ungefährlich, hatten ihnen die Ärzte erklärt. In der darauffolgenden Nacht habe jedoch ein Arzt aus dem Uni-Klinikum angerufen und ihnen mitgeteilt, dass Leni stärkere Beatmungsmaßnahmen benötige.

Kind starb in
 den Armen seiner Mutter

Vielleicht habe sie aspiriert, er habe sich das allerdings nicht erklären können. Nach einer erneuten Impfung – einer noch ungefährlicheren „Passiv-Impfung“, bei der das Immunsystem nicht direkt aktiviert wird – habe das Mädchen eine Woche lang mit Krampfanfällen zu kämpfen gehabt. Es könne so gut wie keine Impfreaktion gewesen sein, hätten die Ärzte gesagt. „Alles“ sei untersucht worden, aber es sei „bis zum Ende jedem unerklärlich“ gewesen, schildert der Vater.

Anfang Dezember habe sich der Zustand des Frühchens dann erheblich verschlimmert. In der Nacht vor dem 6. Dezember musste das Baby mehrfach reanimiert werden, und am 8. Dezember sei bereits abzusehen gewesen, was passieren würde. Ihre Taufe einen Tag später ist für ihren Vater heute „ein Zeichen, dass wir schon ein Stück weit aufgegeben hatten“.

Als die Ärzte ihnen mitteilten, dass jegliche Möglichkeiten ausgeschöpft seien, sei der Tubus entfernt worden und Leni sei unter Medikamenten auf dem Arm der Mutter eingeschlafen – „so, dass sie nichts spürt“. Zuvor habe man schon über eine Entlassung noch vor Weihnachten gesprochen. Leni hatte ihr Gewicht seit der Geburt von 440 Gramm auf drei Kilo steigern können.

Angeklagte schrieb Lenis Eltern mehrfach

Der Kontakt mit der Angeklagten sei dabei stets „außergewöhnlich“ gewesen, beschreibt es die heute 26-jährige Mutter. Schon früh hatte sich die Krankenschwester – Elena W. (29) – um Leni gekümmert. Nach dem ersten Vorfall am 15. Oktober meldete sie sich über Facebook bei der Mutter. Immer wieder habe sie sich nach dem Zustand des Frühchens erkundigt – in den etwa 3200 Chatnachrichten zwischen Mutter und Krankenschwester.

Eine „unglaublich hohe Anzahl an Chats“, wie Richter Dr. Frank Oehm es beschreibt. Auch Lenis Mutter bestätigt: „Es war einfach zu viel. Teilweise auch übergriffig.“ Besonders unangemessen sei gewesen, dass die heutige Angeklagte damals sogar eine Postkarte im Namen von Leni an ihre Eltern verfasste. „Da würde ich mich vor hüten“, sagt die Frau aus dem Schwalm-Eder-Kreis.

„Es reißt einem alles unter den Füßen weg“

Auch bat Elena W. darum, bei der Aussegnung des toten Kindes dabei sein zu dürfen. Dabei legte sie drei hölzerne Herzen zu Leni. Die Mutter erinnert sich an die Worte der Angeklagten: „Ich durfte dich kennenlernen, da warst du ganz klein. Ich durfte dir beim Wachsen zusehen. Jetzt bist du groß, aber leider nicht mehr da“, jeder der Sätze begleitet mit einem Holzherz – ein kleines, ein mittleres und ein großes.

Auch die Angehörigen – die einzig anderen Anwesenden bei der Aussegnung – zeigten sich damals irritiert. Der eventuell durch die Medikamentenverabreichung herbeigeführte Tod ihrer kleinen Tochter bedeutet noch immer einen gewaltigen Einschnitt in ihr Leben: „Es reißt einem alles unter den Füßen weg“, erklärt es die 26-Jährige. „Leni würde wahrscheinlich noch leben und bei uns sein, wenn das nicht gewesen wäre.“

Elena W. wird von der Staatsanwaltschaft versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener in mehreren Fällen vorgeworfen. Eine der drei Nebenklage-Vertretungen – Lenis Eltern, nicht aber die Eltern der mit höherer Dosis des Narkosemittels Midazolam vergifteten Mia oder der zusätzlich Ketamin verabreichten und mehrfach wiederbelebten Johanna – verlangt vom Landgericht einen Hinweis darauf, dass auch eine Mordverurteilung in Betracht kommt.

von Melchior Bonacker
 und Björn Wisker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar 2019: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar 2019: Lenis Vater sagt aus