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Marburg Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?
Marburg Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?
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15:59 29.03.2019
Die Angeklagte Elena W. mit ihren Anwälten Dr. Andreas Bentsch (rechts) und Dietmar Kleiner. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Der zuerst vernommene Kinderkardiologe hatte bereits Ende Oktober eine Rechtsherzhypertrophie diagnostiziert und zu einer echokardiographischen Überwachung des Kindes geraten. Die linke Herzkammer sei zu diesem Zeitpunkt bereits „gedetscht wie ein Osterei“ gewesen. Er empfahl den behandelnden Neonatologen, die Sauerstoffsättigung zu erhöhen und Leni mit Medikamenten zu behandeln.

Der 65-Jährige präsentierte die Ergebnisse seiner Untersuchungen mithilfe einer PowerPoint-Präsentation. Nach den Ultraschallbildern aus dem Oktober zeigte er erst wieder Aufnahmen vom 7. Dezember 2015 – zwei Tage vor Lenis Tod. In der Zwischenzeit sei keine kardiologische Überwachung erfolgt, obwohl Leni Krampfanfälle hatte. Anfang Dezember habe das Herz dann „dramatisch“ ausgesehen – „wie wenn man auf einen halb aufgeblasenen Fußball tritt“.

Kardiologe hätte "durchaus Aussichten gesehen"

Zu diesem Zeitpunkt sah er selbst nur noch Überlebenschancen „weit unter 50 Prozent“. In der folgenden Nacht wurde Leni mehrmals reanimiert – nun erhöhten die behandelnden Ärzte die Sauerstoffsättigung auf 92 Prozent – dem Kardiologen zufolge eine Maßnahme, zu der er rund sieben Wochen zuvor geraten hatte. Die Behandlung mit dem Medikament Diazoxid, das Lenis Blutzuckerproblemen entgegenwirken sollte, sei „möglicherweise der Tropfen gewesen, der das Fass zum überlaufen brachte“, sagte er.

Die Krampfanfälle seien hingegen „hämodynamische Kollapse“ (Kreislaufzusammenbrüche) gewesen, bei denen das Hirn nicht mehr durchblutet worden sei. Bei seinem Konsil am 9. Dezember habe er Leni als „moribundes" (im Sterben liegendes) Kind, vorgefunden, sie starb am selben Tag auf dem Arm ihrer Mutter. Auf die Frage, was passiert wäre, wenn nach seiner Diagnose die von ihm vorgeschlagenen Medikamente gegeben worden wären, antwortete der 65-Jährige: „Wenn man das getan hätte, hätte ich durchaus Aussichten gesehen.“ 

Auch bezüglich Diazoxid äußerte der Mediziner Zweifel an den Methoden seiner Kollegen: „Wir wissen nicht, wie es ohne das Diazoxid ausgesehen hätte“, gab er unter Verweis auf bekannte Nebenwirkungen des Medikaments zu bedenken.

Kinderärztin spricht von „Abwägen der Risiken“

Die später vernommene Oberärztin der neonatologischen Intensivstation wurde durch das Gericht prompt auf die Aussagen ihres Kollegen angesprochen. Als Ursache der Krampfanfälle seien für die 46-Jährige ausschließlich neurologische Probleme möglich gewesen. Daher habe sie auch lediglich einen Neuropädiater hinzugezogen. Zunächst sollte Leni zur Bekämpfung der Anfälle Fenobarbital bekommen, was jedoch nicht half. Während der Behandlung bekam Leni von ihr in dieser Zeit auch das Narkotikum Midazolam. Dieses soll ihr ohne ärztliche Anordnung auch von der Angeklagten verabreicht worden sein.

Als sich Lenis Leben dem Ende zuneigte war die Oberärztin selbst im Urlaub. Bei Antritt desselben am 3. Dezember „ging es Leni so gut, dass wir über eine Verlegung nachdachten“, sagte sie. Als sie am 10. Dezember wieder in die Klinik kam, sei sie „überrascht“ gewesen, dass Leni verstorben war. Bei diesen Worten brach die Neonatologin vor Gericht in Tränen aus.

Zu der Theorie ihres Kollegen, dass ein früheres Eingreifen das Frühchen möglicherweise gerettet hätte, sprach sie von einem „Abwägen der Risiken“. Ein Erhöhen der Sauerstoffsättigung hätte möglicherweise eine Retinopathie hervorrufen können, eine Schädigung der Augen. Solche Entscheidungen seien „Alltag auf einer neonatologischen Station“. Die fehlende echokardiographische Überwachung erklärte sie mit der zusätzlichen Problematik der Krampfanfälle. Die Echokontrolle hätte „nicht mehr so im Vordergrund“ gestanden. Diese Anfälle seien eine „klar neurologische Problematik“ gewesen, die sie nie mit der pulmonalen Hypertonie (dem Lungenhochdruck) in Verbindung gebracht habe. Auch Alternativen zu der Behandlung mit Diazoxid seien nicht besprochen worden, auch wenn die Nebenwirkungen durchaus diskutiert wurden.

von Melchior Bonacker

Bisherige Verhandlungstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten