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Marburg Schwache Nerven und fachliche Defizite
Marburg Schwache Nerven und fachliche Defizite
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14:00 08.03.2019
Die Angeklagte Elena W. mit ihren Anwälten Dr. Andreas Bentsch (rechts) und Dietmar Kleiner. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

In weiten Teilen ihrer Aussage bestätigte die 49-Jährige die Aussagen der Ärzte und der Stationsleiterin. Betreffend den Charakter und den Werdegang der Angeklagten ergaben sich jedoch einige interessante Neuigkeiten. So referierte die Kriminaloberkommissarin den Inhalt von Zeugenaussagen ehemaliger Kollegen aus der Ausbildungszeit von Elena W.

Ihre Ausbildung zur Kinderkrankenschwester absolvierte die heute 29-Jährige in Bielefeld. Einige ihrer damaligen Kolleginnen beschrieben sie der Polizei gegenüber als nervenschwach. Ihre Prüfungsangst habe sich gegen Ende der Ausbildungszeit auch körperlich gezeigt, gaben ihre Kollegen gegenüber der Polizei zu Protokoll. Mehrfach sei sie zusammengebrochen. Eine ehemalige Arbeitskollegin will in diesem Zusammenhang auch beobachtet haben, dass Elena W. selbst Dormicum als Mittel gegen ihre Schlafprobleme eingenommen habe.

Polizei legte sich relativ schnell auf Elena W. fest

Das Medikament mit dem Wirkstoff Midazolam wurde auch bei den drei Frühchen nachgewiesen, deren Vergiftung der ehemaligen Krankenschwester von der Anklage vorgeworfen wird. Bei der Untersuchung der sichergestellten Medikamentenpackungen wurde auf der Dormicum-Schachtel zudem die DNA der 29-Jährigen festgestellt, berichtete die Polizistin. Eine dahingehende Analyse der Ketanest-Verpackung blieb ohne Ergebnis. Im Laufe der Ermittlungen wurde von der Polizei auch eine Haarprobenanalyse in Auftrag gegeben, bei der auch bei Elena W. Midazolam und das Narkotikum Ketamin nachgewiesen wurde.

Die gefundene Menge lasse jedoch nicht zwingend auf einen Eigenkonsum schließen: In einem Versuch stellte der zuständige Toxikologe fest, dass auch nach direktem Haarkontakt mit den Medikamenten Rückstände nachweisbar bleiben.

Einen besonders stark belastenden Zusammenhang verdeutlichte die Polizeibeamtin allerdings noch einmal: Bei der Auswertung des Mobiltelefons der Angeklagten stieß man auf eine Google-Recherche nach der Wirkung und dem Nachweis von Dormicum und Ketamin. Die Google-Recherche wurde einen Tag vor dem Bekanntwerden der Blutanalyse der kleinen Johanna durchgeführt. Auch nachdem das Ergebnis bekannt war, wurden die Namen der Narkotika zunächst nur im kleinen Kreis besprochen. Dennoch sickerten die Informationen recht schnell durch. Es sei abgelaufen wie bei „Stille Post“, stellte die Polizeibeamtin fest, „wir wussten gar nicht, wer mit wem gesprochen hat“. 

Familie hatte hohe Erwartungen an die Angeklagte

Relativ schnell legte sich die Polizei in ihren Ermittlungen auf Elena W. fest. Man habe in alle Richtungen ermittelt, doch alles andere habe ins Leere geführt, sagte die 49-Jährige. Als die Vorgeschichte und die persönliche Situation der Kinderkrankenschwester beleuchtet wurde, kam zudem ein grundsätzliches Problem bei Elena W. zur Sprache: Schon gegen Ende ihrer Ausbildung zeigten sich bei ihr fachliche Defizite. Deswegen und wegen ihrer geringen Stressresistenz wurde ihr von einer Tätigkeit in der Intensivmedizin abgeraten.

Auch sei der familiäre Druck „sehr, sehr hoch“ gewesen, erläuterte die leitende Ermittlerin, die Elena W. jedoch selbst als „freundlich und zuvorkommend“ kennengelernt habe. Wegen der hohen Leistungserwartungen ihrer Familie habe sich die heutige Angeklagte sogar in psychotherapeutischer Behandlung befunden.

von Melchior Bonacker

Die bisherigen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"