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Marburg Proben zeugen von großer Giftmenge
Marburg Proben zeugen von großer Giftmenge
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08:00 11.02.2019
Die Angeklagte Elena W. schweigt bisher zu den Vorwürfen von versuchtem Mord. Foto: Nadine Weigel
Die Angeklagte Elena W. schweigt bisher zu den Vorwürfen von versuchtem Mord. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Der Wirkstoff Midazolam wurde allen drei Frühchen in jeweils steigender Dosierung verabreicht – aber in Johannas Blut wurden zudem in der Spitze 15,6 Milligramm des Narkosemittels Ketamin entdeckt – ein Vielfaches dessen, was für Erwachsene als „therapeutisch wirksam“ – also schmerzstillend oder narkotisierend – gilt.

Die im Körper der bei Geburt 1220 Gramm leichten Johanna gefundene Konzentration ist laut des Toxikologen Professor Stefan Tönnes „gewaltig hoch“, „lebensbedrohlich, kann mindestens stark gesundheitsschädigend sein“. Zum Vergleich: Bei Erwachsenen werden, sofern sie in Narkose versetzt werden sollen, bis zu sechs Milligramm pro Liter verabreicht; das sei die „intensivmedizinische Konzentration“, Todesfälle seien schon bei Dosierungen weit unter dem Wert von 15,6, etwa mit 7 Milligramm, bekannt.

Wert dürfte sogar noch höher gelegen haben

Um Patienten nach solchen Überdosierungen überhaupt am Leben zu erhalten, brauche es konstante Beatmung, eventuell auch Herz-Rhythmus-Massagen. Johanna musste in der Tat-Nacht von Ärzten drei Mal reanimiert werden. Und auch die Midazolam-Konzentration war in Johannas Blutproben mit 4,7 Milligramm pro Liter statt etwa 0,25 um ein Vielfaches höher als üblich und verträglich.

Schon bei Mia, dem mit etwa 2,5 Kilogramm schwersten der zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 drei vergifteten Frühchen, lag die in Blut und Urin gemessene Midazolam-Konzentration mit mindestens 0,76 Milligramm deutlich über dem beim ersten Fall, der wenige Tage nach der Medikamenten-Verabreichung aus laut Gutachtern unklaren Gründen verstorbenen Leni. Allerdings, so vermutet Toxikologe Tönnes dürfte der tatsächliche Wert höher gelegen haben, da zwischen Verabreichung und Blutplasmaprobe mehrere Stunden lagen und somit bereits eine späte Phase des Arzneimittel-Abbau-Prozesses begonnen habe.

Es handele sich jedenfalls um eine „sehr hohe Dosis“, die das Mittel auslösende sedierende Wirkung setze bei Erwachsenen ab etwa 0,2 Milligramm ein. Hohe Verabreichungsmengen der Narkosemittel können laut Tönnes zu Atemproblemen bis hin zur Atemlähmung und letztlich dem Tod führen. Patienten, die jünger als sechs Monate sind, „sollte man Midazolam ohnehin nicht geben“, gerade bei Babys und Kindern „wenn überhaupt, nur mit Bedacht und langsam“.

Wie gelangten Dosierungen in die Körper der Frühchen?

Von Mias Zustand in den Stunden nach der mutmaßlichen Midazolam-Gabe liegen klinische Dokumentationen, Beschreibungen der diensthabenden Krankenschwestern – darunter der Angeklagten Elena W. – vor. Das Mädchen sei „schlapp“, dann „schläfrig“, kurz später sei „kein Schmerzreiz-Empfinden“ festzustellen gewesen, bis sie „völlig aton“, also erschlafft war.

Unklar ist laut Gutachter Tönnes, wie die Stoffe in die Körper gelangten. Angesichts der gewaltigen Konzentration von – in Johannas Fall – 15,6 Milligramm Ketamin gibt es drei Erklärungen, von denen keine ausgeschlossen werden kann: Eine massive Einmal-Dosierung, eine Mehrfach-Verabreichung oder eine andauernde konstante Zufuhr über eine Infusion. „Denkbar“ ist dabei laut des Toxikologen auch ein Mix aus Spritzen von Flüssigkeit, gepaart mit oraler Verabreichung.

Als unwahrscheinlichste Variante gilt die Einmal-Dosierung, da die verabreichte Menge angesichts des schnellen Wirkstoff-Abbaus nochmal deutlich höher als 15,6 hätte liegen müssen. Auch die Mehrfach-Zuführung sei nicht sehr realistisch, da das Mädchen ab einem bestimmten Zeitpunkt unter Beobachtung anderer Stationsmitarbeiter stand und unerlaubte Subs­tanzgaben bemerkt worden wären. Die Tendenz geht daher zur Infusions-Theorie – so dass ­Johanna über einen längeren Zeitraum am Abend konstant Ketamin bekam.

Ein in Marburger Ermittlerkreisen kursierender Verdacht: Jemand, mutmaßlich die heute­ 29-jährige Angeklagte, experimentierte an Leni, steigerte die Menge bei Mia und überdosierte bei Johanna gezielt. Um zu töten? Zu retten, wie sie es laut Staatsanwaltschaft nur bei ihrem letzten Opfer Johanna tat?

Im Fall Leni stand Entlassung kurz bevor

Nach OP-Informationen soll es jedenfalls auf den Überwachungsmonitoren der Station am Uni-Klinikum an den Tattagen keine Werte, Alarmsignale, Notsituationen gegeben haben, die die Ex-Krankenschwester zu einer denkbaren Über- oder Panikreaktion, zu einer überstürzten Handlung wie etwa der ärztlich nicht vorgesehenen, unzulässigen Medikamenten-Gabe hätte veranlassen können. Im Fall von Leni stand sogar eine Entlassung aus der Klinik kurz bevor.

Mögliche Extremsituationen kämen laut des Sachverständigen Professor Bernhard Roth ohnehin nur selten vor, Krankenschwestern wüssten aber um grundsätzliche Zusammensetzung und Wirkweisen der auf den Stationen eingesetzten Medikamente.

von Björn Wisker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten