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Marburg Mediziner erteilt Absage an eine Gift-Gemisch-Theorie
Marburg Mediziner erteilt Absage an eine Gift-Gemisch-Theorie
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09:34 07.11.2019
Dutzende Verhandlungstage: Der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm mit den Verteidigern von Elena W. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

So lautet die Theorie: Das von den drei Frühchen am schwersten mit den Medikamenten Midazolam und Ketamin vergiftete Kind (Johanna) könnte über gepanschte Kurzinfusionen geschädigt worden sein. Denn laut Klinikunterlagen wurde dem Mädchen auf diesem Weg mehrfach das Antibiotikum Meropenem verabreicht – und eventuell von Unbekannten mit Ketamin gemischt?

Um das zu überprüfen, berechnete Toxikologe Professor Stefan Tönnes Mittel-Dosierungen und Verabreichungs-Zeitpunkte und stellte in einem Versuch nach, ob bei einem Mix von Meropenem und Ketamin in der Infusions-Spritze eine Verunreinigung sichtbar wäre. Antwort: Nein, auch bei noch so hoher Dosierung ist optisch nichts erkennbar.

Und auch die Grundsatzfrage, ob die Infusionen mit Ketamin verseucht waren, hält Neonatologe Professor Bernd Roth am Mittwoch für „sehr unwahrscheinlich“. Als Grund nennt er die Tatsache, dass es zu allen möglichen Verabreichungs-Zeitpunkten bei Johanna nicht die passenden klinischen Symptome von „angesichts der extremen Überdosierung zu erwartenden massiven körperlichen Effekte“ gegeben habe. Konkret: Die Herz-Kreislaufprobleme traten viel später auf, als es der vermutete intravenöse Medikamenten-Mix verursacht hätte. Roth: „Das Gemisch-Szenario ist nicht plausibel.“

Bei Meropenem handelt es sich laut Experten um eine Arznei, die nach ihrer Zubereitung schnell gegeben werden muss, da sie nach kurzer Zeit Wirkkraft einbüßt. Das ist insofern wichtig für die Beweisantrags-Bewertung, als dass sich die Verteidigung auf eine alte Zeugenaussage einer Krankenschwester stützt, wonach am Uni-Klinikum Kurzzeit­infusionen stets im Frühdienst hergestellt und den in den Folgeschichten Diensthabenden dann überlassen werden. Auch bei einem Stoff wie Meropenem, der schnell seine Wirkung verliert?

Vor der Vernehmung weiterer Zeugen geht die Tendenz zu Nein. Denn tatsächlich ist das Mittel laut Klinikunterlagen trotz eines angeordneten Acht-Stunden-Vergabe-Intervalls einmal nicht gegeben worden – laut Sachverständigen würde das gegen die Vorab-Herstellung der Substanz sprechen. Die Gutachter gehen weiter von einer Ketamin-Gabe etwa in Milchfläschchen aus.

Wie fatal war Arzneien-Mix?

Im Frühchen-Prozess hat die Verteidigung von Elena W. am Donnerstag den Verdacht geäußert, dass für die festgestellten körperlichen Reaktionen bei den vergifteten Kindern auch ein Medikamentencocktail verantwortlich sein könnte. Denn immerhin hätte etwa Johanna, das am schwersten mit Midazolam und Ketamin vergiftete Frühchen, zwischenzeitlich noch andere, ärztlich verordnete Arzneien, gar Suprarenin – ein bei Wiederbelebungen eingesetztes Adrenalin – verabreicht bekommen.

„Ein Mix vieler verschiedener Medikamente kann sicher auch zu anderen Wirkweisen als den klassischen Reaktionen kommen, die von den Gutachtern – die ja selbst darauf verweisen, dass es keine vergleichbaren Fälle gibt – genannt werden“, sagt Rechtsanwalt Dietmar Kleiner mit Verweis auf die von den medizinischen Sachverständigen als „erwartbar“ bezeichneten typischen Ketamin-Reaktionen.

Der Sachverständige und Neonatologe Professor Bernd Roth entgegnet, dass gerade die Suprarenin-Gabe die Ketamin-Effekte – etwa Sedierung – eher aufgehoben habe, als diese zu verstärken. Und bei der Kombination aus Ketamin und Midazolam sei weniger deren Mix unüblich oder fatal als vielmehr die errechnete „vielfache Überdosierung“. Diese sei „lebensbedrohlich“ gewesen.

von Björn Wisker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus

18. Mai: „Sie verzettelt sich halt gerne“

20. Mai: Experte: Es gibt keine Erfahrungen

8. Juni: Kollegin beschreibt Elena W. als freundlich

12. Juni: Hat Klinikangestellte Zeugen beeinflusst?

18. Juni: Jungschwester hatte schweren Stand

7. Juli: Elena W. war „eine schwache Schülerin“

1. August: Zeugen: „Nett“ oder „hinterhältig“

2. August: DNA von Elena W. auf Dormicum-Verpackung

15. August: Toxikologe äußert sich zu Ketaminspuren

16. August: „Ein totales Chaos“

28. August: Leni galt als „Hochrisikofrühchen“

30. August: Gutachter sieht Symptome von Narkosemittel

5. September: Experte nennt Daten zu Gift-Dosis

6. September: LKA-Experte findet neue DNA-Spur

19. September: "Ohne ärztliches Eingreifen wäre sie gestorben"

25. September: "Frühchengutachter weist extreme Gift-Dosis nach"

25. Oktober: Urteil verzögert sich