Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen
Marburg Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 07.04.2019
Die Angeklagte Elena W. mit ihren Anwälten Dr. Andreas Bentsch (rechts) und Dietmar Kleiner.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Bezüglich der anderen Babys war er nicht involviert. Als ihm die Vorfälle bekannt wurden, rief der Ärztliche Geschäftsführer einen Krisenstab ins Leben, der sich am selben Abend traf und beschloss, die Kripo zu unterrichten. Über Ergebnisse der klinikinternen Untersuchungen konnte er nichts sagen.

Mit den Worten „Ich bin nicht personalverantwortlich“ verwies er auf die Personalabteilung. Weil er Labormediziner ist, wurde er auch gefragt, ob es sein könne, dass die untersuchten Blut- und Urinproben versehentlich vertauscht wurden: „Das kommt höchst selten vor“, betonte der Arzt und bezifferte die Wahrscheinlichkeit auf „etwa 1 zu 50 000“.

Als zweite Zeugin war eine 33 Jahre alte Ärztin geladen. Sie betreute Leni in ihren letzten Lebenstagen. Gemeinsam mit der angeklagten Elena W. hatte sie auch Nachtdienste. In der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember 2015 war sie bei einer Reanimation des Kindes dabei. Zuvor habe Elena W. Leni betreut.

Der Schwester am Stützpunkt sei währenddessen am Monitor der schlechte Zustand des Kindes aufgefallen. Diese habe Elena W. gefragt, ob sie Hilfe brauche, worauf die Ärztin zu Leni gekommen sei. Diese musste beatmet und mithilfe einer Herzdruckmassage reanimiert werden.

Bei ihrer polizeilichen Vernehmung im März 2016 war der Ärztin noch etwas eingefallen: Elena W. habe ihr „aktiv erzählt, dass sie den Arzt im Spätdienst veranlasst habe, bei Leni einen IV-Zugang zu legen“. Dies sei ihr komisch vorgekommen, da Leni zu diesem Zeitpunkt keine Medikamente intravenös verabreicht bekommen sollte. Allgemein sei ihr Verhältnis zur Angeklagten freundlich gewesen: „Ich habe gut mit Elena zusammengearbeitet.“

Als letzte Zeugin sagte gestern eine 37-jährige Ärztin aus, die während der Vorfälle auf der pädiatrischen Intensivstation arbeitete. Diese kooperiert eng mit der neonatologischen Intensivstation, weshalb die Ärztin auch bei Leni in die Behandlung involviert war.

An Elena W. habe sie so gut wie keine Erinnerung, stellte sie zu Beginn klar. Von besonderem Interesse war für das Gericht eine Aussage der Ärztin bei der Polizei. Dort hatte sie – wie sie selbst es nannte – einen „flapsigen Kommentar“ abgegeben: „Ketamin wird im Schnelltest nicht nachgewiesen. Daher ist es nicht dumm, Ketamin zu geben, da man es nicht sofort findet.“

Die Anspielung auf ein möglicherweise kluges Vorgehen bei einer Vergiftung relativierte die Ärztin jedoch prompt: „Es gibt keine Indikation, Ketamin auf der ‚Neo‘ zu verabreichen. Insofern ist es auffällig, wenn man es findet. Sehr auffällig“, räumte die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin ein. Der Umstand, dass man Ketamin nur schwer findet, sei „kein Geheimnis“ gewesen – sie bezweifle aber, dass sich „die allgemeine neonatologische Krankenschwester“ dafür interessiere.

von Melchior Bonacker

 

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.